https://www.faz.net/-gtl-xrrq

Vierschanzentournee : Die Quadratur des Springens

  • -Aktualisiert am

Lichtspiele - aber nur in der Luft: Springer in Bischofshofen Bild: dpa

Windpunkte, Lichtspiele, Bindungsstäbe: Der Internationale Skiverband hat mit den neuen Regeln bei der Vierschanzentournee für Zündstoff genug gesorgt. Denn nicht nur die Sicherheit der Athleten soll erhöht werden - sondern auch der Nervenkitzel.

          3 Min.

          Walter Hofer bläst der Wind ins Gesicht, wieder einmal. Und das heißt, dass Neuerungen im Skispringen kontrovers diskutiert werden. Als Renndirektor im Internationalen Skiverband (Fis) ist der promovierte Sportwissenschaftler Hofer einer der einflussreichsten Männer des Wintersports - und den Weg des Skispringens in die Moderne hat der Österreicher maßgeblich geebnet. Keine Änderung der Regeln, keine Innovation ohne sein Zutun, meist kam der Anstoß von ihm. Hofer zieht die Strippen.

          Bei der Vierschanzentournee, die an diesem Donnerstag mit dem Springen von Bischofshofen im Salzburger Land zu Ende geht, hat Hofer wieder einmal gespürt, dass viel Ehr' auch viele Feinde bedeuten kann. Es war die Tournee, bei der die neue Windregel erstmals angewandt wurde, und es war die Tournee der neuen Bindungs-Generation - Gesprächsstoff, Zündstoff genug. Im Bestreben Hofers und seiner Mitstreiter liegt es, Skispringen „am Markt zu plazieren“, ein abflauendes Interesse, vor allem in Deutschland nach dem Tief der vergangenen Jahre, aufzufangen, das Flämmchen weiter anzufachen zu einem wärmenden Feuer.

          Der Nervenkitzel, der in dieser Sportart liegt, soll erhalten bleiben, möglichst erhöht werden, die Sicherheit der Athleten muss gewährleistet sein, Regeln sollen Fairness garantieren - und am besten soll der Zuschauer an der Schanze und vor dem Bildschirm sofort den Durchblick haben. Und alles natürlich im Sinne des Sports.

          Wind geht immer - jetzt aber mit Regel: Aufnahme aus Garmisch-Partenkirchen
          Wind geht immer - jetzt aber mit Regel: Aufnahme aus Garmisch-Partenkirchen : Bild: REUTERS

          Bei einer Freiluftsportart, deren Arenen dazu meist hoch in die Luft ragen, gleicht die Aufgabe der Quadratur des Kreises. Hofer und die Verantwortlichen der Fis gehen deshalb stets Kompromisse ein. Und je nach Interessenlage kommt heftige Kritik oder gefälliger Beifall. Uneingeschränkte Zustimmung gab es für ein Licht, das erstmals während der Tournee aufging, in Oberstdorf, in Innsbruck und auch zu guter Letzt in Bischofshofen: Am Rande des Aufsprunghügels scheint es immer dort, wo der folgende Springer landen müsste, um in Führung zu gehen - ein Service für die Fans vor Ort.

          LED schmilzt Schnee

          Die Windverhältnisse werden vom Computer aus 100 Werten in Windeseile eingerechnet, so dass der rund fünfzig Zentimeter breite, rote Balken aus LED-Licht die wahre Orientierungshilfe gibt. Nun ist der Fan, der das Live-Erlebnis allem Schneefall, Regen oder Wind zum Trotz im Freien genießt, auch auf dem neuesten Stand der visuellen Technik. Allerdings muss er auf eine optisch quer über den Hang gezogene Linie, die ihm der Zuschauer daheim in der warmen Stube voraus hat, noch verzichten. Der blaue Strich, der schon lange im Fernsehen als eine Art Ziellinie für den Springer dient, war mit einer roten Linie im Sprungstadion nicht in Einklang zu bringen: Die LED-Technik, so die Verantwortlichen, hätte den Schnee geschmolzen.

          Die Zuschauer kommen nach wie vor in Scharen - mit und ohne Lichtspiele. Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck meldeten jeweils mehr als 20.000 Skisprungfans an den Wettkampftagen, nur jeweils ein paar tausend Karten blieben liegen. Sie erlebten zum ersten Mal bei der Tournee die Windregel. Um langwierige Verschiebungen, um Neustarts des Wettbewerbs zu verhindern, auch im Interesse der Fernsehanstalten, werden Bonus- und Maluspunkte für zu viel oder wenig Windunterstützung verteilt. Außerdem kann die Anlauflänge während des Springens verlängert oder verkürzt werden, Plus- und Minuspunkte gleichen Nach- und Vorteile aus. Im Moment der Landung ist von den Zuschauern ein Sieger nur selten auszumachen. Doch auch bisher schon entschieden letzten Endes die Noten der Wertungsrichter, ob der weiteste Sprung auch der beste war. Und die meisten Zuschauer genießen ohnehin einfach Sprünge und Atmosphäre und schauen zusätzlich auf die Anzeigetafeln.

          Die Bindung bleibt in der Verantwortung der Athleten

          Den Skispringern allerdings gibt die Regel ein gutes Gefühl. Auf jeden Fall, so lautet der Grundtenor der Betroffenen, sei ihr Sport dadurch gerechter geworden. Und das umstrittene Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen, bei dem der Wind im Werdenfelser Land erst die Springer und dann das Klassement heftig durcheinanderwirbelte, hätte ohne Windregel sicher gar nicht stattgefunden. Nach wie vor bleibt es aber im Ermessen der Jury, ein Springen auch einmal ausfallen zu lassen, sollte es zu gefährlich werden. Und da hier auch nationale Interessen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, wird es über dieses Thema weiterhin geteilte Meinungen geben - und Hofer in der Kritik stehen.

          Die Experten sind sich auch noch nicht einig, ob denn nun das krumme kleine Ding, der Metallstab an den Bindungen, gut oder schlecht zu bewerten sei, mit Hilfe dessen der Skispringer die natürliche Beinstellung ausgleichen und die Ski flacher in die Luft stellen kann und mehr Tragfläche gewinnt - einem Surfbrett ähnlich. „Ein sehr sensibles System“ nennt es der deutsche Bundestrainer Werner Schuster. „Wenn bei dieser starren Verbindung der Ski nicht in der richtigen Position ist, muss der Sportler extrem reagieren“ - was bei heftigem Seitenwind wie in Garmisch-Partenkirchen am Neujahrstag Probleme bereitet.

          Die können auch entstehen, wenn Athleten, um Gewicht am Ski zu sparen, auf die Sicherheitsbindung verzichten, die im Falle eines Sturzes auslösen würde. Die Regelung durch die Fis fehlt, deshalb appelliert Schuster an die Eigenverantwortung der Athleten. Gefahren sieht er eher bei den besten Athleten als bei denen, deren Bindungen einer Bastelstube in Kasachstan oder Korea entsprungen sind. „Mit einem Formel-1-Auto in die Kurve zu fahren ist auch schwieriger als mit einem Pkw“, sagt er.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein tolles Team? Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (links) mit Kanzlerin Angela Merkel und dem Unionskanzlerkandidaten Armin Laschet in München

          Wahlkampfendspurt der Union : „Armin und Markus, das wird ein tolles Team“

          Die Union zeigt sich zum Ende des Wahlkampfes selbstbewusst. Angela Merkel bittet dennoch, manch Vergangenes zu vergessen. Markus Söder mahnt: FDP wählen bedeute, „nicht bayerisch“ zu wählen – und Laschet hält eine bemerkenswerte Rede.
          Protest gegen die PiS vor dem Verfassungsgericht in Warschau am 31. August

          Polen und die EU : Die wachsende Gefahr des Polexits

          Die nationalkonservative PiS-Regierung will Polen wohl nicht aus der EU führen. Aber sie nimmt das Risiko mutwillig in Kauf, weil sie ihre Macht über das Wohl des Landes stellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.