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Vierschanzentournee : Beachtung sogar vom Flaggschiff

  • -Aktualisiert am

Nächste österreichische Heldentat? Gregor Schlierenzauer kann am Freitag die Tournee gewinnen Bild: dpa

Die Skispringer Österreichs erfüllen seit Jahren die Sehnsucht nach Helden. Ab 16.30 Uhr kommt beim Abschlussspringen der Vierschanzentournee wohl eine weitere Großtat hinzu. Dennoch genießen die Alpinen noch mehr Aufmerksamkeit.

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          Hans Pum zittert in diesen Tagen der Vierschanzentournee im Auslauf mit, er ballt die Fäuste bei gelungenen Sprüngen österreichischer Athleten. Und Pum hatte bei den ersten drei Stationen reichlich Gelegenheit zu Jubel, denn zweimal gewann Gregor Schlierenzauer vor Andreas Kofler und am Mittwoch in Innsbruck Kofler vor Schlierenzauer.

          Dass Pum so begeistert mitgeht, ist nicht selbstverständlich. Der 57 Jahre alte Oberösterreicher, seit 2010 zuständig für alle Sparten des Skiverbandes und damit auch für die Springer, kommt eigentlich aus der alpinen Abteilung. Dort hat er jahrelang als Trainer und dann als Sportlicher Leiter gearbeitet, ehe er im ÖSV befördert wurde. Und er kann nicht verhehlen, dass ihm der Skirennsport immer noch etwas mehr am Herzen liegt. "Die Alpinen sind das Flaggschiff", betont er immer wieder. Das mag bei den Skispringern nicht besonders gut ankommen, aber es werden ihm nur wenige widersprechen im ÖSV.

          Alexander Pointner: Erfolgstrainer ohne eigene Springervergangenheit

          Und Pum liefert auch eine Erklärung: Die Urlauber, sagt er, kämen ja nicht nach Österreich zum Skispringen, sondern zum Skifahren. Bei den Alpinen hat er den nicht ganz ernstgemeinten Ruf, ein verkappter Fremdenverkehrsdirektor zu sein, weil er bei Erfolgen nichtösterreichischer Athleten, vor allem, wenn sie aus Deutschland kommen, berühmt ist für seinen Hinweis, dass dies doch gut für den Tourismus sei.

          Im Schatten der Alpinen

          Unabhängig davon ist Österreich tatsächlich das Land der Skifahrer, nicht der Skispringer. Aber weil es auch Helden braucht und die alpine Abteilung derzeit keine zu bieten hat, zumindest nicht bei den Männern, übernehmen die Skispringer diese Rolle. Der Wettkampf in Innsbruck war mit 22.500 Zuschauern ähnlich gut besucht wie die Skirennen in Kitzbühel und Schladming.

          Aber wie schwierig es ist, trotz der Erfolge angemessen gewürdigt zu werden, zeigt die Berichterstattung. Obwohl Schlierenzauer wohl an diesem Freitag in Bischofshofen erstmals die Tournee gewinnen wird, wahrscheinlich vor Kofler und Thomas Morgenstern, dem dritten Österreicher vorne in der Gesamtwertung, widmen die Medien der Slalom-Seriensiegerin Marlies Schild oder auch der österreichischen Abfahrtskrise mindestens genau so viel Platz.

          Österreichisches Heimspiel: Toruneeabschluss in Bischofshofen

          Die öffentliche Wahrnehmung ist aber eine andere als die interne. Cheftrainer Alexander Pointner fühlt sich "so verstanden wie noch nie im Skiverband", sagt er. "Es gibt jetzt abseits der Schanzen auch viele Synergien." Er spricht von einer "Vernetzung mit anderen Bereichen" und meint damit ein wissenschaftliches Team, das zum Beispiel am Material wie den Anzügen oder der Skipräparierung tüftelt, und davon profitieren dann Skispringer, Skifahrer und -läufer, Kombinierer oder Biathleten gleichermaßen.

          Pointners Kollegen lächeln nicht mehr, wenn der 41 Jahre alte Oberösterreicher von trainingsflankierenden Methoden des Leistungsaufbaus wie Musiktherapie, Improvisationstheater oder Humorberatung berichtet. Pointner war einst etwas skeptisch beäugt worden, allerdings eher im Umfeld als beim ÖSV selbst. Seine Vorgänger waren Alois Lipburger, der 2001 bei einem Verkehrsunfall starb, Toni Innauer, der als Sportdirektor den Posten anschließend kurz kommissarisch übernahm, sowie der Finne Hannu Lepistö, allesamt Koryphäen ihres Fachs.

          Trainerohne eigene Erfolgsvita

          Pointner hatte aus seiner aktiven Zeit keine großen Meriten vorzuweisen, er stand stets im Schatten der Weltklasseflieger seiner Ära, Heinz Kuttin, Andreas Goldberger und Martin Höllwarth. Bei einem Großereignis startete er nie, und ein neunter Platz bedeutete sein bestes Weltcup-Resultat. Aber er wusste schon früh, dass er Trainer werden wollte, und begann noch während seiner aktiven Sportlerlaufbahn beim Tiroler Skiverband. Danach wurde er Assistent von Lipburger und Innauer, ehe er zwei Jahre eine Nachwuchsmannschaft hauptverantwortlich betreute.

          2004 beförderte ihn Innauer zum Cheftrainer, es schien ein Wagnis zu sein. Seitdem aber haben die Österreicher alle Mannschaftstitel bei Großereignissen gewonnen, insgesamt 26 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen geholt und in den vergangenen vier Jahren dreimal den Gesamtweltcup gewonnen - kein Trainer im ÖSV ist erfolgreicher als Pointner. "Die Zeit", sagte Innauer einmal, "arbeitete für ihn."

          Akibische Arbeit

          Als Pointner die Verantwortung übernahm, war gerade das große Talent Thomas Morgenstern in die Weltspitze vorgestoßen, später kam Schlierenzauer dazu. Dass aber Österreich nun die Konkurrenz dominiert, nicht nur mit Morgenstern und Schlierenzauer, hat mit dieser glücklichen Fügung gar nicht mehr so viel zu tun.

          Denn selten schaffen es Hochbegabte im Skispringen, sich über Jahre auf konstant hohem Niveau zu bewegen, Schlierenzauer siegt nun schon seit fünf Jahren ständig. Es ist eher Pointners Fähigkeit, klassische akribische Trainingsarbeit und moderne Methoden zu verbinden. Und das sorgt mittlerweile auch beim Flaggschiff des ÖSV, der alpinen Abteilung, für Beachtung.

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