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Sorgen im Wintersport : Wie amerikanische Sportler um Geld kämpfen

  • -Aktualisiert am

„Hilf mir in die Saison zu starten“: Slopestyle-Weltcupsiegerin Keri Herman braucht Unterstützung Bild: Imago

Amerikanische Sportler haben Crowdfunding für sich entdeckt. Ohne finanzielle Hilfe kommen sie nicht über die Runden. Dabei wird das Olympische Komitee üppig aus dem Geldhahn des IOC versorgt. Doch davon profitieren andere.

          In den Tagen vor Weihnachten war Keri Herman mal wieder ziemlich beschäftigt, weil sich im Terminkalender der Slopestyle-Skifahrerin vieles drängte. Mitte Dezember etwa ging es darum, in ihrem Heimatort in Breckenridge in Colorado beim Abschlusswettbewerb einer fürs amerikanische Fernsehen produzierten Minitournee möglichst gut abzuschneiden. Es gelang ihr.

          Nach zwei Läufen stand sie mit einem grünen Plastikpokal im Arm ganz oben auf dem Treppchen und lächelte in die Kameras. Zwischendurch jedoch stand sie in den langen Schlangen im Postamt. Sie hatte Skier und T-Shirts und andere Souvenirs im Gepäck, um die rechtzeitig zum Fest zu verschicken. Die Lieferungen hatte die 32-Jährige allen Unterstützern zugesagt, als sie ein paar Wochen zuvor im Internet eine Crowdfunding-Aktion gestartet hatte, um eine Finanzspritze von 10.000 Dollar aufzutreiben.

          „Ich bin eines der ersten Mädchen im Slopestyle gewesen“, schrieb sie auf der Seite der Firma „Rallyme“, die sich auf Schwarmfinanzierungskampagnen für Sportler spezialisiert hat. „Leider habe ich inzwischen viele meine Sponsoren verloren, denn ich bin älter geworden. Und nun machen eine Menge süßer 15-Jähriger mit.“

          Eigentlich sollte Herman keine Schwierigkeiten haben, die Reisekosten zu bezahlen, um bei wichtigen Wettkämpfen dabeisein zu können und an den Trainingslagern des amerikanischen Verbandes teilzunehmen. Sie gehört in ihrem Fach zu den Besten auf der Welt und belegte bei den Olympischen Spielen in Sotschi den 10. Platz. Aber wer sich steigern und im Sommer auf der südlichen Halbkugel sein Repertoire an Schrauben und Salti ausbauen will, muss viel Geld verpulvern. Und das hieß in Sportnationen wie den Vereinigten Staaten in fast allen olympischen Sportarten schon immer: Man ist auf private Gönner angewiesen.

          „Besser, als ständig bei Leute anzuklopfen“

          Neu an einer Crowdfunding-Kampagne, sagt Herman, ist allenfalls: „Sie bringt eine stärkere Legitimation. Und sie ist sehr viel besser, als ständig bei Leuten anzuklopfen und sie um Geld zu bitten.“ Der Bedarf ist so groß, dass in den letzten Jahren neben „Rallyme“ gleich mehrere Firmen entstanden sind, die sich nur auf Sportler konzentrieren.

          Sie heißen „DreamFuel“ und „Pursuit“, „Sportfunder“ und „MakeaChamp“, aber bieten nicht unbedingt den erhofft komfortablen Zugang zu interessierten Spendern. Das erlebte die amerikanische Shorttrack-Eisschnellläuferin Emily Scott 2013, als sie mit ihrer Aktion anfänglich ganze 190 Dollar auftrieb. Erst als die auflagenstarke Tageszeitung „USA Today“ darüber schrieb, wie sie, die WM-Zweite in der Staffel über 3000 Meter, sich mit Hilfe einer Lebensmittelbeihilfe vom Sozialamt über Wasser hielt, hatte das Wirkung. Sie brachte 60.000 Dollar zusammen, denn ihre Geschichte ging vielen zu Herzen.

          Scott Blackmun kommt auf eine Million Dollar pro Jahr

          Dabei kratzen sehr viele Sportler am Existenzminimum herum. Und das, obwohl das amerikanische Olympische Komitee sehr üppig aus dem Geldhahn des IOC versorgt wird. Zur Zeit fließen 20 Prozent der weltweit über Sponsorenverträge erwirtschafteten Beträge und 12,75 Prozent der zig Millionen, die der amerikanische Sender NBC für die Übertragungsrechte der Olympischen Spiele bezahlt, nach Colorado Springs.

          Diese Einnahmen liegen inzwischen bei weit über 300 Millionen Dollar jährlich und produzieren sogar Überschüsse. Von der Entwicklung profitieren auf jeden Fall die Spitzenfunktionäre, von denen mehrere über 300.000 Dollar jährlich an Grundgehältern beziehen. Den größten Schnitt macht NOK-Geschäftsführer Scott Blackmun, der zuletzt - inklusive Bonusausschüttungen - auf eine Million Dollar pro Jahr kam.

          Die Zahlen belegen, wie groß der Bedarf ist

          Im Alltag von Sportlern hingegen fehlt das Geld. Weshalb der Ski- und Snowboard-Verband als erste Sportföderation in den Vereinigten Staaten eine Werbepartnerschaft mit „Rallyme“ einging. Über hundert Aktive bemühten sich nach Informationen vor den Spielen von Sotschi, mit Hilfe dieser Plattform ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. 28 von ihnen gingen in Russland an den Start, fünf gewannen Medaillen. Das Resultat lockte andere Verbände an. Sowohl Radfahrer als auch Eisschnellläufer, Fechter und Kanuten setzen nun auf dieselbe Plattform, um so viele Löcher wie möglich stopfen zu können.

          Die Zahlen im Fall der Skifahrer und Snowboarder belegen, wie groß der Bedarf ist. Nach Angaben des Verbandes mussten Spitzenfahrer in der letzten Saison zusammengerechnet rund 2,5 Millionen Dollar an Reisespesen selbst aufbringen. Davon kam mal gerade etwas mehr als eine halbe Million über Schwarmfinanzierungsaktionen herein. Es blieb noch immer ein erheblicher Rest, den sich die Sportler bei den üblichen Verdächtigen zusammentrugen. Und das wohl auch, weil man nur dann Unterstützung findet, wenn man Zeit hat, die Werbetrommel zu rühren.

          Selbst Zeitungsartikel bringen da wenig, wie Keri Herman feststellen musste, deren Situation vor Weihnachten in der „New York Times“ geschildert wurde. Auch zehn Tage nach Veröffentlichung des Artikels hat sie das Einnahmeziel von 10.000 Dollar noch immer nicht erreicht.

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