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Eislauf-Paar Savchenko/Massot : Und was machen sie jetzt?

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Schwebeleicht: Savchenko und Massot Bild: dpa

Noch einmal die Welt vom Himmel aus gesehen: Die Olympiasieger Aljona Savchenko und Bruno Massot werden mit ihrer betörenden Kür auch Weltmeister. Die Zukunft ist fraglich.

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          Und wieder flossen die Freudentränen. Wie in Pyeongchang, wo Aljona Savchenko und Bruno Massot am 15. Februar ein olympisches Wunder vollbrachten und mit einer Jahrhundertkür Abermillionen Menschen in der ganzen Welt berührten. Fünf Wochen danach lebte die Magie der deutschen Goldmedaillengewinner von neuem auf: diesmal im Mediolanum Forum von Mailand, wo Savchenko/Massot am Donnerstagabend nach ihrem Triumph in Südkorea auch noch erstmals Weltmeister wurden.

          Mit einer schwebeleichten Selbstverständlichkeit, die abermals zu Herzen ging und Begeisterungsstürme hervorrief. Aljona Savchenko küsste danach den Urgrund ihrer Erfolgsgeschichte: das Eis, auf dem sie mit ihrer kreativen Darstellungskunst und ihren artistischen Fähigkeiten so viele Geschichten über sich und die unbegrenzten Möglichkeiten des Paarlaufs erzählt hatte. Nachdem ihr mit Massot und ihrem früheren Partner Robin Szolkowy auf der langen Bahn zum Glück der höchste olympische Lohn plus sechs Weltmeistertitel und vier erste Plätze bei Europameisterschaften zuteil geworden sind, stehen sie und ihr Weggefährte an einer neuen Lebenskreuzung: Weitermachen oder aufhören, lautet die entscheidende Frage für die mit 34 Jahren älteste WM-Teilnehmerin und den fünf Jahre jüngeren Massot.

          Sie ist eine der besten und erfolgreichsten Läuferinnen in der Geschichte des Eiskunstlaufens, und er ist vom Nobody zum idealen Partner für die rastlose und lebenslang anspruchsvolle Königin des Paarlaufs aufgestiegen. Wie und ob es für die beiden in der Welt der Wettbewerbe weitergeht, oder ob die zwei ihre erlesene Kunst zukünftig nur noch in Eisshows zelebrieren wollen, ist die Frage, die sie in Mailand noch nicht beantworten konnten und wollten. „Wir denken an morgen“, sagte die gebürtige Ukrainerin, die seit 2003 in Deutschland lebt. Ihr in Frankreich aufgewachsener Partner, seit kurzem im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft, richtete den Blick fürs Erste lieber auf naheliegende Erholungsziele: „Manchmal ist es auch schön, an den Urlaub zu denken. Das hat jeder hier verdient.“ Mag sein, dass die beiden Oberstdorfer in der Woche nach Ostern mehr wissen und dann im Rahmen einer Pressekonferenz ihre Zukunftspläne bekanntgeben.

          Hypnotische Kraft der Kür

          In Mailand lebten sie, die schon nach dem Kurzprogramm auf Platz eins gelegen hatten, zur betörenden Musik aus dem Dokumentarfilm „La Terre vue du Ciel“ (Die Erde vom Himmel aus gesehen) noch einmal die hypnotische Kraft ihrer von der britischen Eistanz-Ikone Christopher Dean choreographierten Kür aus. Deren Intensität, nur vergleichbar mit der legendären Bolero-Eistanzkür, mit der Torvill/Dean 1984 in Sarajevo Olympiasieger wurden, übertrug sich in Windeseile auf Publikum und Preisrichter. Das umjubelte Paar thronte am Ende mit der Weltrekordpunktzahl von 245,84 rund zwanzig Punkte vor den zweitplazierten russischen Europameistern Tarasowa/Morosow. Savchenko/Massot wurden bei der Bewertung ihrer Komponenten – früher die B-Note für den künstlerischen Wert – einundzwanzigmal mit dem Maximum von zehn Punkten geadelt und setzten damit einen Standard, den in den nächsten Jahren kein Paar der Welt übertreffen dürfte.

          Die Zuschauer hatten das Gefühl, von der Erde aus auf den Eislaufhimmel geschaut zu haben. Dabei hatten sich Savchenko/Massot, die in dieser Saison das Triple aus Grand-Prix-Finale, Olympischen Spielen und Weltmeisterschaft mit jeweils denkwürdigen Auftritten gewonnen haben, keine Freizeit zwischen ihrer olympischen Traumvorstellung und ihrer Wunder-Reprise von Mailand gegönnt. Kaum in Deutschland gelandet, brachen sie auch schon wieder auf zur schweizerischen Schaulauftournee Art On Ice – obwohl Massot schwer erkältet um seine Gesundheit rang.

          Erst eine Woche vor dem WM-Beginn trainierten die beiden sportlichen Protagonisten der Deutschen Eislauf-Union wieder mit der vorolympischen Gründlichkeit und waren in Mailand dann binnen kurzem auf dem Gipfel ihrer unendlichen Möglichkeiten. Der in sich ruhende Trainer Alexander König, dem Aljona Savchenko einen Anteil von „mindestens 75 Prozent“ am gemeinsamen Erfolg zurechnet, hat seinem Paar „vertraut, dass sie es wieder schaffen“, auch wenn „viele“ gesagt hätten, „jetzt gehen die auch noch zur WM, sind die bescheuert? Da können sie sich nur demontieren.“ Savchenko/Massot, neben der Russin Alina Sagitowa die einzigen Olympiasieger, die auch den nacholympischen Kraftakt nicht scheuten, bedankten sich bei ihren Familien und Freunden, die auf der Tribüne in Mailand saßen, mit einer denkwürdigen Gala. Sie rührte Aljona Savchenko aus der Erleichterung, alle großen Karriereziele erreicht zu haben, zu Tränen, die gar nicht mehr versiegen mochten. Die Olympiasiegerin und Weltmeisterin, Kämpferin und Künstlerin zugleich, kehrte nur langsam aus ihrer sphärischen Umlaufbahn („es war so schön, wir wollten gar nicht weg vom Eis“) zurück zu den Menschen ohne Schlittschuhe.

          Vor der Reise nach Pyeongchang hat sie einmal gesagt, „am liebsten bliebe ich für immer auf dem Eis“. Ihr Partner dagegen plagt sich nicht erst seit gestern mit chronischen Rücken- und Bandscheibenbeschwerden herum, die auch damit zu tun haben, dass der Paarläufer früher schwerere Partnerinnen als die zierliche Aljona Savchenko heben musste. „Bruno“, sagte Cheftrainer König am Donnerstag über seinen Meisterschüler, „muss jeden Tag zwei Stunden zur Stabilisierung seines Rumpfs aufwenden. Da stellt sich die Frage, willst du einen Olympiasieger haben, der mit vierzig, fünfzig vielleicht im Rollstuhl sitzt?“ Massots Freuden und Massots Leiden hängen eng zusammen. Der Läufer muss demnächst entscheiden, was am Ende besser ist für Massots künftiges Leben.

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