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Tour de Ski : Frauensache und ein Männerproblem

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam waren sie für Olympia-Bronze gut, und auch einzeln ist mit ihnen zu rechnen: Skilangläuferinnen Denise Herrmann, Nicole Fessel, Claudia Nystad und Stefanie Böhler Bild: dpa

„Der deutsche Skilanglauf lebt“, findet Bundestrainer Frank Ullrich vor der Tour de Ski - allerdings in klar verteilten Rollen. Während mit den Frauen zu rechnen ist, laufen die Männer den Ansprüchen weit hinterher.

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          Verwöhnt ist Frank Ullrich beileibe nicht. Schon gar nicht, wenn es um Distanzrennen jenseits des Sprints geht. Weil seine Skilangläufer dabei meist respektvollen Abstand halten zu den Branchengrößen aus Skandinavien. Da weiß man seltene Augenblicke des Trainerglücks schon zu genießen. Wie beim zweiten Platz von Nicole Fessel vor Weihnachten in Davos, mitten unter lauter Norwegerinnen. Ein Bild, das Ullrich in den knapp drei Jahren als Bundestrainer bis dahin noch nicht gesehen hatte. Aber keines mit Gewöhnungseffekt. „Schön wäre es, wenn man sich daran gewöhnen könnte, aber realistisch betrachtet, ist es nur ein positives Signal.“ Ein Signal für das ganze Team, was möglich ist, wenn alles stimmt und die Langlauf-Supermacht Norwegen vielleicht mal einen schwächeren Tag erwischt. Und, was für Ullrich vielleicht noch wichtiger ist: „Ein Signal, dass der deutsche Skilanglauf lebt.“ Ein Lebenszeichen, das kurz vor dem Beginn der Tour de Ski, die an diesem Samstag in Oberstdorf auf die Sieben-Etappen-Reise geht, zur rechten Zeit kommt.

          Wobei man stark differenzieren muss. Langlauf, das ist zur Zeit in Deutschland Frauensache, während mit den Männern kein Staat zu machen ist. Die Frauen haben schließlich aus Sotschi als Staffel eine olympische Bronzemedaille mitgebracht, wobei mit etwas Glück sogar mehr möglich gewesen wäre. Und es ist sicher kein Zufall, dass gerade die vier aus diesem Quartett, neben Fessel noch Denise Herrmann, Claudia Nystad und Steffi Böhler, auch in dieser Saison durchaus respektabel auftreten. Sie sind im Gesamt-Weltcup allesamt unter den besten 25 zu finden. Den „Rückenwind von Sotschi“ nennt Ullrich das. Selbst wenn man das nicht immer sofort an den Ergebnissen ablesen kann. So, wie bei der deutschen Vorzeigeläuferin Denise Herrmann, die in der vergangenen Saison mit Platz zwei in der Sprintwertung für Furore gesorgt hatte, auch wenn ihr ausgerechnet in Sotschi auf den letzten Metern die Kraft ausging. Woraus sie die Konsequenzen gezogen hat. „Sie eignet sich über die Distanzrennen mehr und mehr das Stehvermögen an, das sie im Sprint braucht“, sagt Ullrich. Da passt die Tour de Ski ganz gut in den Aufbauplan. In der Hoffnung, dass die alte Spritzigkeit spätestens bei der WM im Februar in Falun wieder da ist und sie die Norwegerinnen dort richtig ärgern kann.

          Der einzige deutsche Langläufer weit und breit: Sebastian Eisenlauer
          Der einzige deutsche Langläufer weit und breit: Sebastian Eisenlauer : Bild: AFP

          Zum Glück hat Ullrich bei den Frauen noch eine sehr erfahrene und halbwegs erfolgreiche erste Reihe. Da lässt sich einigermaßen kaschieren, dass sich zunehmend auch die Abteilung Biathlon für den gar nicht so stattlichen Fundus seiner Langläuferinnen interessiert. Vanessa Hinz ist schon gewechselt, Victoria Carl ist eine Kandidatin. Da versucht der Biathlon-Olympiasieger und spätere Biathlon-Bundestrainer Ullrich tapfer über sein jetziges Ressort hinauszudenken: „Vanessa Hinz ist ein Verlust für den Langlauf, aber ein Gewinn für den Deutschen Skiverband.“ So kann man das auch sehen. Die häufig bemühten Synergieeffekte zwischen beiden Sportarten sind im Zweifelsfall jedenfalls ziemlich einseitig, weil Biathlon für Fernsehen und Sponsoren allemal wichtiger ist. Als reiner Zulieferer versteht sich Ullrich nicht: „Langlauf muss eigenständig bleiben.“ Da würden Erfolge weiterhelfen. Oder besser noch ein „deutsches Siegergesicht“, wie es Denise Herrmann formuliert.

          Davon sind die Männer derzeit Welten entfernt. Tobias Angerer, Axel Teichmann, Jens Filbrich - drei Namen, die jahrelang für das kleine Langlauf-Wunder in Deutschland standen, sind nach Sotschi abgetreten, und der Umbruch trifft Ullrichs Team heftiger als erwartet. Der Blick auf den Gesamt-Weltcup ist erschütternd: kein einziger Deutscher unter den besten Fünfzig. Sebastian Eisenlauer auf Rang 68 darf das zweifelhafte Lob für sich in Anspruch nehmen, bester DSV-Läufer zu sein. „Viele haben an einen nahtlosen Übergang geglaubt“, sagt Ullrich, „aber die jungen Leute brauchen Zeit. Bei uns geht alles nur in kleinen Schritten.“ Es sei denn, man ist - wie der Schweizer Dario Cologna oder der Norweger Petter Northug - mit außergewöhnlichem Talent gesegnet. So einen gibt es hierzulande nicht.

          Trotzdem sind Tim Tscharnke und Hannes Dotzler, auf denen jetzt die Hoffnungen ruhen, normalerweise in der Lage, hin und wieder in die Top 15 zu laufen. Tscharnke hat immerhin einen Weltcupsieg errungen, gewann 2010 mit Teichmann zusammen Olympiasilber im Teamsprint und war vier Jahre später mit Dotzler zusammen einer Medaille wieder sehr nahe, ehe er auf den letzten Metern zu Fall kam. Doch jetzt stehen beide vor einer neuen Situation: raus aus dem Windschatten der großen drei und rein in den Gegenwind. Bei Dotzler, dessen Saisonvorbereitung unter Krankheit litt, ist die Situation noch halbwegs erklärbar. Bei Tscharnke ist der Rückschritt ein Rätsel. Er sagt es ja selbst. „Keine großen Verletzungen, keine Krankheiten. Ich konnte so viel trainieren wie sonst nie.“ Er wollte um diese Zeit längst die WM-Qualifikation in der Tasche haben. Jetzt rennt er bei der Tour de Ski dem eigenen Anspruch hinterher. Ein mentales Problem, wie Ullrich glaubt: „Er muss die Barriere in seinem Kopf überspringen.“ Wo doch im deutschen Langlauf alles nur in kleinen Schritten geht.

          Tour de Ski 2015

          1. Etappe. 3. Januar, Oberstdorf
          Männer: 4 km Skating
          Frauen: 3 km Skating
          2. Etappe. 4. Januar, Oberstdorf
          M: 15 km klass. (Verfolgung)
          F: 10 km klass. (Verfolgung)
          3. Etappe. 6. Januar, Val Müstair
          M: Skating-Sprint
          F: Skating-Sprint
          4. Etappe. 7. Januar, Toblach
          M: 10 km klassisch
          F: 5 km klassisch
          5. Etappe. 8. Januar, Toblach
          M: 35 km Skating (Verfolgung)
          F: 15 km Skating (Verfolgung)
          6. Etappe. 10. Januar, Val di Fiemme
          M: 15 km klass. (Massenstart)
          F: 10 km klass. (Massenstart)
          7. Etappe. 11. Januar, Val di Fiemme
          M: 9 km Skating (Verfolgung)
          F: 9 km Skating (Verfolgung)

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