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Eishockey-Chef Söderholm : Ein Bundestrainer ohne Team

  • -Aktualisiert am

Lang ist’s her: Toni Söderholm (Zweiter von links) hinter der Bande beim Nationalteam. Bild: Picture-Alliance

Toni Söderholm hat seine Eishockey-Nationalspieler seit eineinhalb Jahren nicht gesehen. Was macht ein Heim-Trainer nur, wenn er über so eine lange Zeit seine Mannschaft nicht vor Ort coachen kann?

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          Die guten Nachrichten aus Übersee werden nicht seltener. Immer mehr deutsche Nationalspieler entwickeln sich zu Spitzenkräften in der NHL, der stärksten Eishockey-Liga der Welt. Das gilt besonders für Leon Draisaitl (Edmonton) und Philipp Grubauer (Colorado). Der eine macht nach seiner Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der Vorsaison einfach so weiter und steht mit 42 Punkten nach 28 Spielen abermals weit oben in der Scorerliste, der andere gehört nach Siegen (13), Gegentorschnitt (2,05) und Zu-null-Spielen (3) zu den besten Torhütern. Zuletzt machten auch Dominik Kahun (Edmonton) und Nico Sturm (Minnesota) als Doppeltorschützen auf sich aufmerksam, Marc Michaelis (Vancouver) feierte sein Debüt. Und Ausnahmetalent Tim Stützle (Ottawa) wurde kürzlich gar zum besten Neuling (Rookie) des Monats ernannt.

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          Bundestrainer Toni Söderholm dürfte das mit gemischten Gefühlen beobachten. Weiß er aktuell doch nicht, ob er ab Mitte Mai bei der WM in Lettland auf seine „Nordamerikaner“ zurückgreifen kann. Das ist zwar jedes Jahr so, die Play-offs der NHL steigen parallel zur WM, aber wer sie verpasst oder früh ausscheidet, hat sehr wohl Zeit. Draisaitl beispielsweise stand bei den vergangenen vier Weltmeisterschaften auf dem Eis. Doch derzeit ist nicht einmal klar, ob die NHL ihr Personal überhaupt freigibt.

          Die Spieler inmitten einer Pandemie für ein Turnier um die Welt fliegen zu lassen, das daheim nicht einmal eingefleischte Fans interessiert, dürfte kaum einer der milliardenschweren Teambesitzer im Sinn haben. Zumal die von Corona-Infektionen und Spielausfällen geplagte NHL ihre Hauptrunde schon ausgedehnt hat. Mittlerweile geht sie bis zum 10. Mai – sie könnte sogar noch länger dauern, auf ein Turnier in Europa nimmt da niemand Rücksicht. Und falls die Spieler bei der Ankunft in Lettland erst mal in Quarantäne müssen, würde sich die Reise kaum noch lohnen.

          Letztes Spiel im November 2019

          Das weiß auch der Bundestrainer. Er sagt: „Wir planen mit zwei Teams.“ Eins mit dem knappen Dutzend Nordamerika-Profis, eins ohne, das sich vor allem aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) speist. Da kommt es Söderholm entgegen, dass sich das heimische Eishockey gut entwickelt hat. „Es gibt jetzt einen richtigen Wettbewerb zwischen den Spielern“, sagt der Trainer, der knapp 45 Spieler auf der Liste hat, denen er internationales Format attestiert.

          Sein Problem ist allerdings: Er sieht sie seit Monaten nur aus der Ferne, zuletzt stieg ein Spiel des A-Kaders mit Söderholm hinter der Bande im November 2019 beim Deutschland Cup – und selbst da fehlten viele prominente Namen. Danach fiel die WM 2020 in der Schweiz aus, beim nächsten Deutschland Cup fehlte Söderholm selbst wegen einer Corona-Infektion, und der für diesen Februar angesetzte Lehrgang mit Spielen gegen die Schweiz wurde abgesagt. Seit knapp eineinhalb Jahren ist Söderholm ein Trainer ohne Team.

          Langweilig wird ihm dennoch nicht. „Seit die NHL im August wieder gespielt hat, gab es nicht viele Tage, an denen ich kein Spiel geschaut habe. Auch der neue Spielplan der DEL ist gut für mich, ich kann jeden Tag Spiele schauen.“ Hinzu kommen Gespräche mit Spielern, Trainerkollegen, Verbandsvertretern. „Durch die Pandemie habe ich doppelt, wenn nicht dreimal so viele Telefonate wie sonst.“ Erfüllend ist die Arbeit aber selten: „Für den Kopf war es zuletzt schwierig. Jedes Mal, wenn du dachtest, jetzt ist alles geplant, jetzt kann es losgehen, ging es eben nicht los. Das hat viel Energie verlangt.“

          Schon im April 2020 musste der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) seine fünf Heimspiele absagen, der Deutschland Cup im November fand zwar statt, war aber ein Kraftakt mit einer abgeschottete Blase für Teams und Personal drum herum, nur einem Gast von außen (Lettland) und ohne Fans in der Halle. Laut DEB-Präsident Franz Reindl stand danach ein Minus von knapp 300.000 Euro. Aber es sei nach acht Monaten ohne Eishockey in Deutschland darum gegangen, „ein Lebenszeichen“ zu senden. Das klappte, danach starteten auch die Ligen. Aber ebenfalls ohne Fans und mit massiven Einsparungen.

          „Taktisch einfacher halten“

          Die betreffen auch den Verband, die für diesen April angesetzten Länderspiele wurden abermals abgesagt. „Was uns weh tut“, sagt Sportdirektor Christian Künast – und meint damit nicht nur das Finanzielle: Das DEB-Team hätte in „Eishockey-Städten mit treuem Publikum“ (Künast) gespielt, auch in solchen ohne Erstligavereine wie Crimmitschau, wo man die besten Spieler selten sieht. „Jetzt suchen wir einen festen Standort für die WM-Vorbereitung. Während der Pandemie zwischen Städten hin und her zu fahren hat keinen Sinn, wenn ich eh keine Zuschauer habe“, sagt Künast.

          Fest steht aber auch das nicht. Vielleicht gibt es vor der WM lediglich zwei Testspiele pro Team in Lettland. Was wiederum Söderholm betrifft. Sein auf Puckbesitz und spielerischen Lösungen basierendes Konzept ließe sich dann schwerlich umsetzen. „Wenn die Zeit zu knapp ist, müssen wir es taktisch vielleicht einfacher halten.“ Aber das ist ein Luxusproblem. Zweieinhalb Monate vor der WM weiß der Bundestrainer ja nicht mal, welche Spieler er zur Verfügung hat.

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