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Skisprunglegende Toni Innauer : „Da rauscht das Adrenalin“

ZDF-Experte Toni Innauer: Noch immer Spaß am Skispringen - am Brimborium drum herum dafür eher nicht. Bild: nordphoto

Toni Innauer spricht im Interview über Skispringen als virtuose Kunstform, mentales Mitfliegen, seine Definition von Mut und Angst - und über sein neues Leben ohne Sprung über die Kante.

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          Die Vierschanzentournee hat am Freitag in Oberstdorf mit einem Sieg des Österreichers Stefan Kraft begonnen. Beim Neujahrsspringen gewann Daniel Andre Tande aus Norwegen. Am Donnerstag geht es weiter in Innsbruck (ab 13.45 Uhr / Live in der ARD, bei Eurosport 1 und im Vierschanzentournee-Ticker bei FAZ.NET). Mit welchen Erwartungen verfolgen Sie die Veranstaltung?

          Ich habe eine Rolle, die sich von meinen früheren als Springer und Trainer inhaltlich unterscheidet. Meine Ansprüche sind aber die gleichen: Ich möchte die Aufgabe so professionell wie möglich erfüllen. Bei den Fernsehübertragungen versuche ich, den Menschen, die nicht ihr ganzes Leben mit Skispringen verbringen, diesen schönen Sport verständlich und unterhaltsam näherzubringen. An meiner Tätigkeit fürs ZDF gefällt mir, dass ich, über den österreichischen Tellerrand hinaus, nationenübergreifend berichten, analysieren und deuten kann.

          Fast vier Jahrzehnte haben Sie sich von dem Wettbewerb den Jahreswechsel prägen lassen. Wie ist Ihr Verhältnis zu der Veranstaltung mittlerweile?

          In dem Moment, als ich das erste Mal nicht mehr als Springer bei der Tournee war, realisierte ich, wie geprägt ich von ihr war. An Neujahr zu Hause zu sein war ein gänzlich ungewohntes Gefühl. Die erholsamen Tage zwischen Weihnachten und dem 6. Januar ohne Sprung von der Kante kannte ich ja bis dahin gar nicht. Diese erleichternde Erfahrung ließ mich Luft holen, Abstand zum aktiven Geschehen gewinnen und meinen Horizont systematisch öffnen. Das Leben war weiter als die beiden schmalen Spuren auf den Schanzen und die Enge unten im Hexenkessel der Zuseher. Trotzdem kann ich mich der Faszination Tournee nach wie vor nicht entziehen.

          An den meisten Wintersportorten, egal ob bei alpinen oder nordischen Wettkämpfen, rundet die Party-Meile mit Schnaps-Bar und Live-DJ mittlerweile das Amüsierangebot für die Zuschauer ab. Eine Entwicklung, die in die richtige Richtung geht?

          Nicht für mich. Mich stört geschmacklose und dröhnende Event-Inszenierung, weil sie dem Niveau des gebotenen Sports überhaupt nicht gerecht wird. Mit dem Fernsehen stehen wir manchmal mittendrin im Epizentrum. Damit wir uns in dem Trubel verständigen können, brauchen meine Kollegen und ich Kopfhörer, weil es zu laut ist. Das ist schon befremdlich, muss aber anscheinend so sein.

          Wieso?

          Nun ja, wenn man fragt, warum es so ohrenbetäubend zugeht, erhält man zur Antwort: Weil es bei jedem Event so zugeht, und die Zuseher in der Masse Partystimmung wollen. Wollen sie sich selbst vergessen im Getöse? Ich weiß es nicht, muss aber einräumen, dass auch ich zu den Zauberlehrlingen gehörte, die die Geister einst gelockt haben, weil ich mir mehr Aufmerksamkeit und Geld für die Springer gewünscht hatte. Schade, dass Menschenansammlungen bei sportlichen Großereignissen zwangsläufig nur noch mit einem pervers hohen Geräuschpegel über die Bühne gehen können. Nuancen, feine Stimmungen werden dabei auch im Skispringen leicht banalisiert und zugeschüttet. Wie wenn über feine Gerichte in rauhen Mengen Ketchup gegossen wird, dessen geschmackliche Dominanz alles zum Einheitsbrei machen kann.

          Die Tournee erlebt eine Renaissance, die Vorverkaufszahlen versprechen beste Besucherzahlen. Die Tradition lebt so gut wie lange nicht, oder?

          Es ist erfreulich, wie die Verbindung von traditionellen Wurzeln und Innovation funktioniert. In meiner Diplomarbeit an der Uni Graz hatte ich schon 1987 das Potential des Skispringens als Showsportart vorhergesagt. Seit Anfang der 1990er Jahre haben die Verantwortlichen um Walter Hofer gemeinsam mit den Medien ein tolles Produkt geschaffen. Laufend verbesserte Durchführungsmodi haben Skispringen fernsehtauglich gemacht. Das sportliche Niveau ist herausragend.

          Springen Sie in Ihrer Rolle als TV-Experte in Gedanken mit?

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