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Doping-Skandal : Das Zittern vor den 40 Beuteln

Welche Namen deckt der aktuelle Doping-Skandal noch auf? Bild: dpa

Nach fünf Skilangläufern hat die Staatsanwaltschaft einen Tiroler Radprofi dingfest gemacht. Bei gewissen Ausdauer-Hochleistern dürfte dieser Tage die Angst umgehen. Wer wird der Nächste sein?

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          Wer wird der Nächste sein? Bei gewissen Ausdauer-Hochleistern dürfte dieser Tage Angst umgehen. Und zwar bei denen, die wissen, dass in dem konspirativen Kühlschrank, den die Polizei in einer Garage in Erfurt gefunden hat, auch Beutel mit ihrem Blut gelagert waren. Die Staatsanwaltschaft ist dabei, die Kennzeichnung der etwa 40 Beutel zu decodieren, und der auf Doping-Service spezialisierte Mediziner Mark S., der am vergangenen Donnerstag verhaftet wurde, hat grundsätzlich seine Kooperation zugesagt.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Darunter würde Kai Gräber von der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping in München auch die Mithilfe bei der Decodierung „subsumieren“, wie er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in einem Interview erklärte. Nach welchem System der Lebenssaft kenntlich gemacht wurde, wird sich zeigen. 2006, im spanischen Blutdoping-Skandal namens „Operación Puerto“, hatte der Gynäkologe Eufemiano Fuentes die Namen von Hunden benutzt. „Piti“ war das Haustier von Radprofi Alejandro Valverde, „Birillo“ bellte für Ivan Basso. Und bei der „Operation Aderlass“? „Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt“, sagte Gräber.

          Dass es nach den fünf Skilangläufern, die am Rande der WM in Seefeld ergriffen wurden, einen Radrennfahrer treffen würde, war zu erwarten, hat dieser Sport doch eine unrühmliche Pharmazie-Tradition und der Arzt Mark S. dort eine ausführliche Vorgeschichte. Und tatsächlich: Schon am vergangenen Freitag wurde ein Radprofi aus Tirol, dessen Identität das Bundeskriminalamt von Österreich nicht preisgab, festgenommen, befragt und nach einem Doping-Geständnis wieder freigelassen. Seine Festnahme sei im Rahmen schon länger laufender Ermittlungen erfolgt – also noch nicht durch die Identifikation der Blutbeutel, hieß es.

          Für Gräber ist das erst der Anfang. „Ich würde die Einschätzung teilen, dass die 40 Blutbeutel nicht von einem einzelnen Athleten stammen, sondern von mehreren, und aller Wahrscheinlichkeit nach von ... bislang nicht bekannten Sportlern.“ Gräber glaubt auch, dass die Ermittlungen weit zurückgehen werden, „in die Anfänge der Jahre 2000“. Der frühere Radsport-Manager Stefan Matschiner, der den österreichischen Profi Bernhard Kohl in dessen Doping-Zeit um das Jahr 2008 beim Gerolsteiner-Team betreute, als S. dort Teamarzt war, sagte am Sonntagabend in der ARD, er habe S. seine Gerätschaften überlassen, was damit passiert sei, wisse er nicht. Nach der Rechnung des Staatsanwalts dürfte der Arzt viel Geld verdient haben mit seiner Service-Tätigkeit für Doper. „Zwischen acht- und fünfzehntausend Euro“, sagte er der F.A.S. „Nicht pro Jahr gezahlt, sondern pro Saison.“

          Das Prinzip, nach dem Eigenblut-Doping funktioniert, ist einfach, aber mit einem hohen Infektionsrisiko belastet. Zunächst wird einem Ausdauersportler Blut abgenommen, das behandelt und kühl gelagert wird. Wenn sein Körper das entstandene Defizit (manchmal auch mit Hilfe von Epo) ausgeglichen hat, wird ihm der Inhalt des Beutels wieder zugeführt. Durch die nun erhöhte Zahl von roten Blutkörperchen steigt seine Sauerstoffkapazität und damit seine Leistungsfähigkeit im Wettkampf. Bei der Razzia von Seefeld wurde aber noch mehr gefunden als Blutbeutel und Zentrifuge. „Etwa dort, wo der kasachische Sportler festgenommen worden ist“, sagte Gräber. „Was es im Einzelnem ist, ob Wachstumshormon oder Epo oder Steroide, weiß ich noch nicht.“

          Umso absurder klingt vor diesem Hintergrund die Stellungnahme des langjährigen Spitzenfunktionärs Gian Franco Kasper, unter dessen Aufsicht als Präsident des Ski-Weltverbands FIS offenbar die ganze Saison munter drauflosgedopt wurde – ohne dass es bei den Festgenommenen bis dato zu positiven Tests gekommen wäre –, offensichtlich stehen noch Analysen aus. „Während die Geschehnisse der vergangenen Tage ein negatives Licht auf den Sport werfen, senden sie doch ein klares Signal, dass Doping von der FIS nicht hingenommen wird und mit harten Konsequenzen verbunden ist.“ Und das, obwohl Kaspers FIS von dem Polizeieinsatz während der WM in Seefeld ebenso überrascht wurde wie die ertappten Langläufer. Das millionenteure Testprogramm der Sportorganisationen wurde durch das Eingreifen der Justiz eher vorgeführt als gerechtfertigt. Erst die Anti-Doping-Gesetze in Deutschland und Österreich haben die Aufdeckung des Doping-Netzwerks möglich gemacht. Dazu – immerhin – die Zusammenarbeit der Behörden mit der Ermittlungsabteilung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die von dem beurlaubten bayrischen Kriminalbeamten Günter Younger geleitet wird. „Der Fall zeigt eigentlich, wie effektiv Doping-Ermittlung im Bereich der Strafverfolgung ist“, sagte Gräber der F.A.S.

          Erfreut zeigte sich der Münchner Staatsanwalt, dass der des Dopings geständige österreichische Langläufer Johannes Dürr, der als Informant die Aktion ins Rollen gebracht hatte und seitdem Anfeindungen ausgesetzt ist, nun nicht mehr als Einzelfall hingestellt werden kann. „Mal sehen“, sagte Gräber, „wie viele ,Einzelfälle‘ wir jetzt noch herausbekommen.“

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