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Dreßens Comeback-Sieg : „Definitiv gewaltig“

Mit Cowboyhut auf dem Siegerpodest: Abfahrer Thomas Dreßen gelingt ein sensationelles Comeback Bild: dpa

Kitzbühelsieg, Kreuzbandriss, Comebackerfolg: Abfahrer Thomas Dreßen erlebt alle Höhen und Tiefen eines Skifahrers binnen weniger Monate. Nach seinem Sieg in Lake Louise überschlagen sich die Gratulanten.

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          „Jetzt freue ich mich wieder“, hatte Thomas Dreßen unmittelbar vor seinem Start in den Abfahrtslauf von Lake Louise zu seinem Servicemann gesagt: „Lassen wir es krachen.“ Und dann ließ er es krachen. In seinem Comeback-Rennen auf den Tag genau ein Jahr, nachdem er sich bei einem Sturz auf der Raubvogel-Piste in Beaver Creek eine schwere Verletzung des rechten Knies zugezogen hatte, fuhr der 26-Jährige mit Startnummer 13 sensationell ganz nach oben aufs Siegerpodest: Thomas Dreßen zeigte bei traumhaften Bedingungen in den kanadischen Rocky Mountains eine perfekte Vorstellung und gewann die Weltcup-Abfahrt in Lake Louise mit einem Vorsprung von nur 0,02 Sekunden vor dem den Italiener Dominik Paris.

          Beim Super-G-Sieg des Österreichers Matthias Mayer am Sonntag belegte Dreßen dann mit einem Rückstand von 1,10 Sekunden einen ordentlichen zehnten Platz. Paris wurde abermals Zweiter. „Es war eine solide Fahrt, nicht wirklich am Limit“, meinte Dreßen hinterher: „Aber mei, wenn mir einer vor dem Wochenende gesagt hätte, dass ich die Abfahrt gewinne und im Super-G auf Platz zehn bin, hätte ich gesagt: 'Wahnsinn, nehm ich sofort.“

          „Wahnsinn!“, heißt das Wort, das in unmöglich erscheinenden Glücksmomenten den meisten Menschen zuerst einfällt. Und „Wahnsinn“ war auch Dreßens Kernaussage, nachdem sein Sieg am Samstag feststand: „Dass es so aufgeht: Wahnsinn. Ich weiß gar nicht, was sich sagen soll, es ist einfach nur geil.“ Doch dann kamen seine Worte doch ins Rollen, und der 26-Jährige rekapitulierte die vergangenen 24 Monaten, die für ihn schon mehr einschneidende Erlebnisse bereithielten, als andere Fahrer in ihrer ganzen Karriere erreichen.

          In der Kurzversion lauten die Stationen vom rasenden Aufstieg, dem tiefem Fall und dem unglaublichen Comeback des Rennfahrers Thomas Dreßen: erster Podestplatz in Beaver Creek am 2. Dezember 2017, Sieg in Kitzbühel schon am 20. Januar 2018, Kreuzbandriss am 30. November 2018, Sieg im ersten Rennen danach am 30. November 2019. „Viel zu verarbeiten“, meinte Dreßen dazu lachend: „Aber ich habe ja hoffentlich noch Zeit.“

          Der selbst in Momenten des Überschwangs noch geerdet wirkende Garmisch-Partenkirchener hatte sich für die Frühphase der Saison kurz nach seinem 26. Geburtstag eigentlich „überhaupt nix vorgenommen“. Viel zu unkonstant sei er gefahren, „von den Zeiten her, aber auch vom technischen Skifahren. Da gibt es noch viel zu tun“, meinte er selbstkritisch. Ein Platz in den Top Ten war das bestmögliche Resultat, auf das er zu hoffen wagte, zumal ihn noch eine Erkältung plagte. Sicherlich habe er irgendwann wieder „dahin kommen wollen, wo ich war.“ Aber wann? Wenn es im letzten Rennen der Saison passieren würde, wäre es ihm auch recht gewesen.

          Und dann gewinnt er gleich das erste. Seine Weggefährten wählten in ihren Analysen und Aussagen schon deutlich größere Worte, um zu beschreiben, was Dreßen geleistet hatte: „So ein Comeback hinzulegen, das ist definitiv gewaltig“, sagte der im Frühjahr vom Rennsport zurückgetretene und nun als Fernsehexperte aktive Felix Neureuther. „Wenn du so lange weg warst und dann gleich das erste Rennen gewinnst – das ist außerhalb jeder Norm“, sagte der Alpinchef im Deutschen Skiverband, Wolfgang Maier. Und Dreßens Teamkollege Josef Ferstl, am Samstag mit 1,43 Sekunden Rückstand auf Rang 14 ins Ziel gekommen, meinte ebenso schlicht wie feierlich: „Das ist einfach der Thomas, er ist der perfekte Abfahrer.“

          Nicht zu bremsen: Thomas Dreßen rast in Lake Louise zum Sieg.

          Mit seinem insgesamt dritten Weltcupsieg ist Dreßen zumindest der erfolgreichste deutsche Abfahrer des alpinen Ski-Weltcups. Bislang gibt es überhaupt gerade mal fünf Deutsche, die insgesamt neun Abfahrten für sich entscheiden konnten; selbst Doppel-Olympiasieger Markus Wasmeier hat nur zwei gewonnen. Eine Bilanz, die nicht unbedingt für die hiesigen Alpinen spricht, doch die Dreßen bald ausbauen könnte. Der von Maier schon jetzt zum „herausragenden deutschen Abfahrer der Historie“ geadelte Dreßen dachte im Moment des Triumphs aber eher an seine Vorgeschichte als an mögliche kommenden Heldentaten.

          Denn bei seinem Sturz im Vorjahr waren neben dem Kreuzband auch Innen- und Außenmeniskus, Innenband sowie Knorpel des Knies lädiert worden. „Vor einem Jahr hing ich im Netz und hatte Weh wie die Sau. Ich war im Arsch“, brachte es Dreßen deftig auf den Punkt. Andererseits hatte er auch in der schlimmsten Phase der Rehabilitation nie sein positives Denken verloren. „Ja mei, das ist Berufsrisiko“, sagte er im Gespräch mit FAZ.NET im vergangenen Winter, nur 14 Tage nach seinem Sturz. „So ein Kreuzbandriss gehört halt dazu.“ Mit eisernem Willen und festem Glauben kämpfte er sich zurück. Und wusste nun auch im Moment des Erfolgs sofort, bei wem er sich für die Unterstützung in den zurückliegenden zwölf Monaten vor allem bedanken durfte: „Biggi, danke!“, rief er seiner Freundin Birgit via Fernseh-Kamera zu.

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