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Sven Hannawald : Einmal auf den Mond

  • -Aktualisiert am

Überflieger 2001: Sven Hannawald Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Vor zehn Jahren schreibt Sven Hannawald Sportgeschichte. Als erster und bislang einziger Athlet gelingt es ihm, alle Springen der Vierschanzentournee zu gewinnen. Erinnerungen.

          5 Min.

          Und jetzt noch um 20 Uhr die Tagesschau. Es ist Sonntag, der 6. Januar 2002. Ich sitze im Kellergeschoss der zum Pressezentrum umfunktionierten Hauptschule von Bischofshofen. Die Pressekonferenz zum Abschluss der 50. Vierschanzentournee ist gerade zu Ende gegangen. Die Journalisten und Fotografen sind bereits zurück an ihre Arbeitsplätze geeilt. Nur noch ein ARD-Team ist da. Jemand reicht mir ein Glas Sekt. Noch zehn Minuten bis zur Schalte. Durchatmen. Zum ersten Mal dämmert es mir: Es ist vorbei. Ich habe es geschafft: vier Schanzen, vier Wettkämpfe, alle gewonnen. Als Erster in der Geschichte des mit Abstand wichtigsten Sportereignisses für einen Skispringer. So muss es dem ersten Menschen auf dem Mond ergangen sein. Begreifen kann ich es immer noch nicht. Aber es fühlt sich gut an. Sehr gut.

          Knapp ein Jahr zuvor hatte ich die Saison nach der WM im finnischen Lahti vorzeitig beenden müssen. Meine Akkus waren komplett leer, alle Freude hatte sich aufgebraucht. Ich war Bundestrainer Reinhard Heß dankbar, dass er mich fünf Wettkämpfe vor Abschluss der Weltcup-Saison nach Hause schickte. Füße hoch und Kräfte tanken. Mein Tournee-Erfolg musste so buchstäblich bei null beginnen.

          „Ich mach einfach mein Zeug“: Das war Sven Hannawalds Motto vor zehn Jahren. Er gewann vier Medaillen bei nordischen Ski-Weltmeisterschaften und jeweils drei Medaillen bei Olympischen Spielen und Skiflug-Weltmeisterschaften.

          Aber das kenne ich ja aus meiner Karriere. Skispringen ist für mich immer ein Grenzgang, für den ich meine Limits vollständig ausreizen muss. Auf Saisonhöhepunkte wie Weltmeisterschaften oder eben die Tournee hinzuarbeiten funktioniert sehr gut, eine ganze Saison aber auf absolutem Topniveau ist schon eher schwierig für meinen Körper. Vor dieser Tournee aber hat einfach alles gestimmt. Ich konnte ausgeruht durch eine extrem harte Vorbereitung gehen. Es gab keine Probleme. Im Gegenteil. Keine Verletzungen. Das Setup aus Ski, Schuh, Bindung und Anzug hat hundertprozentig gepasst.

          Die logische Folge: Meine Leistungskurve führte vor der Tournee stetig nach oben. Die Rechnung geht auf: Ich mache zwar Fehler, finde aber anders als in der Vergangenheit immer zuverlässig die Ursachen und kann sie dann auch abstellen. Die Lust aufs Training ist da und die Lust darauf, immer besser zu werden. Das Geniale ist: Es gelingt mir, mich ganz auf mich zu konzentrieren. Bin ganz bei mir selbst. Da kann neben mir eine Bombe einschlagen, nichts bringt mich aus der Ruhe.

          2005 beende Sven Hannawald seine Karriere, weil er unter dem Burnout-Syndrom litt. Heute fährt der 36-Jährige Autorennen.

          Vor der Tournee hat Adam Malysz noch alles dominiert. Mit sechs Weltcupsiegen im Gepäck ist er der haushohe Favorit. Aller Druck liegt auf ihm. Das ist gut so. Ich kann mich ganz auf mich, meine Technik, mein Material und mein Körpergefühl verlassen. Hinzu kommt, dass ich mit Reinhard Heß und Wolfgang Steiert extrem erfahrene und analysestarke Trainer an meiner Seite habe, die mich optimal unterstützen. Zum Beispiel dann, wenn wir beschließen, auf die Qualisprünge zu verzichten. Da wird das Murren jedes Mal lauter.

          Dabei geht es uns doch gar nicht darum, Gegner zu verunsichern oder auf günstige Startnummern hinzupokern. Erst recht nicht darum, die Zuschauer zu enttäuschen. Mir geht es nicht um die Konkurrenten, nur um mich. Nach dem zweiten Trainingssprung ist mir zuletzt immer klar gewesen, wie die Schanze "tickt" und was ich zu tun habe - den Qualifikationssprung brauche ich in dieser Situation einfach nicht mehr. Die Körner habe ich mir so für den Wettkampf gespart. Das konnte ich mit großer Gelassenheit tun, weil sich Reinhard Heß jedes Mal mit breiter Brust vor mich gestellt hat.

          Negativer Druck?

          Mein Sprungempfinden ist derzeit genau richtig. Der Auftaktsieg in Oberstdorf gibt mir recht. Alles läuft nach Maß. Ich kann jetzt, wo es darauf ankommt, meine Form hundertprozentig abrufen. Wichtig ist für mich, dass ich die Tournee in- und auswendig kenne, sie läuft nach immer dem gleichen Muster ab: vier sehr unterschiedliche Schanzen, acht Wettkämpfe innerhalb von zehn Tagen, permanent unterwegs, immer neue Quartiere, Leben aus der Tasche, dazu ein anhaltender Interviewmarathon, Autogramme schreiben und, und, und. Das ist Stress pur, diesmal für mich kalkulierbar. Ich weiß jeden Tag, was auf mich zukommt.

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