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Biathlon in Oberhof : Der Lärm, die Lust – und die große Last

Zu Hause unter besonderem Druck: Laura Dahlmeier 2017 in Oberhof. Bild: dpa

Zuhause ist es am schönsten? Eine Studie belegt, dass es im Biathlon einen Heimnachteil gibt. Die Zahlen sind eindeutig. Und es gibt einige Gründe, warum es bei Wettbewerben im eigenen Land öfter danebengeht.

          Jetzt lärmen sie wieder, was Stimme, Ratschen und Tröten hergeben, kommentieren jeden Schuss ihrer Lieblinge, hetzen mit ihren Rufen ihren Erik oder ihre Laura die steilen Anstiege am Oberhofer Grenzadler hinauf – und bürden den Biathleten mit ihrer Begeisterung und ihrer Erwartungshaltung doch eine ganz schöne Last auf. So mancher deutsche Skijäger geht mit zwiespältigen Gefühlen in die Heim-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding. Freude und hohe Motivation einerseits, aber auch die Angst vor dem Nervenflattern am Schießstand andererseits. Von wegen Heimvorteil.

          Dass dieses Gefühl nicht trügt und dass es den internationalen Kollegen bei deren Heimspielen nicht viel besser ergeht, ist jetzt sogar wissenschaftlich belegt. Alexander Krumer und sein Kollege Ken Harb-Wu vom Schweizerischen Institut für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität St. Gallen haben in einer Studie die Schießresultate von 220 Biathleten und 217 Biathletinnen über 16 Jahre lang (Saison 2001/02 bis 2016/17) bei 155 Sprintwettbewerben im Weltcup, bei Weltmeisterschaften und bei vier Olympischen Spielen untersucht. Mit dem Ergebnis: Vor heimischem Publikum fällt die Trefferquote schlechter aus als in fremden Stadien. Aus dem umfangreichen Datenmaterial ergibt sich folgendes Gesamttrefferbild: Auswärts schossen die Männer 2050 Mal vorbei, im eigenen Land aber immerhin 2120 Mal.

          Die Frauen verfehlten auf fremden Schießständen 2023 Mal die Scheiben, zu Hause aber doch 2136 Mal. Bei Männern macht der Unterschied 0,15 Treffer aus, bei Frauen 0,23 Treffer. „Das hört sich vielleicht nicht viel an, ist aber ein ziemlich großer Effekt“, sagt Krumer, „wenn man das in Zeit umrechnet.“ Eine Strafrunde à 150 Meter kostet die Skijäger etwa 22 bis 25 Sekunden. Das bedeute, dass ein Biathlet durch die schlechtere Trefferzahl rein rechnerisch im Schnitt 3,75 bis 5,75 Sekunden länger unterwegs sei. Und es ist bekannt, dass in der Weltspitze oft Sekundenbruchteile über Gold oder Silber, Bronze oder Blech entscheiden. Als Beispiel nennt Krumer den Russen Anton Schipulin, der 2014 bei den Spielen in Sotschi vor seinem Heimpublikum nach einem Fehlschuss Bronze um 0,7 Sekunden verpasste: Die Nerven, der Druck, die Erwartungshaltung, Versagensängste, Übermotivation – das alles sind Gründe, weshalb es zu Hause öfter danebengeht.

          Dass die feinmotorische Präzisionsarbeit vor heimischem Publikum leidet, ist aber nur die eine wesentliche Erkenntnis, die sich weitgehend mit den Eindrücken der Sportler deckt. Auch das zweite Ergebnis der Studie bestätigt das Gefühl der Heim-Biathleten, von den enthusiastischen Fans draußen auf Strecke mitunter fast getrieben zu werden – mit der Gefahr, sich zu übernehmen: „Vor heimischem Publikum sind die Laufzeiten besser“, hat Krumer festgestellt. Konkret beziffert er den Zeitgewinn auf heimischem Boden mit 1,25 Sekunden bis 2,03 Sekunden bei den Männern und zwischen 1,90 und 2,06 Sekunden bei den Frauen. Nicht genug, um den Zeitverlust durch die schlechtere Trefferleistung wettzumachen. Was Krumer etwas vereinfacht zu folgendem Schluss kommen lässt: „Im Biathlon gibt es einen Heimnachteil.“ Im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten.

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