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Skispringen : Der Messi der Schanzen

Österreichs neuer Überflieger: Stefan Kraft gewinnt die Tournee Bild: Reuters

Jung und couragiert: Stefan Kraft wird als Tournee-Sieger zum neuen österreichischen Skisprung-Helden, auch wenn sein bester Freund das finale Springen gewinnt. Der Schweizer Ammann stürzt schwer.

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          Wer von Schwarzach im Pongau die B 311 nördlich Richtung Salzburg fährt und nicht gerade in St. Johann hängenbleibt, kommt unweigerlich nach Bischofshofen. Und wer schon einmal dort ist, der besucht natürlich das Sepp-Bradl-Stadion mit der Paul-Außerleitner-Skischanze. Stefan Kraft, der neue österreichische Skisprungheld, ist in Schwarzach geboren, keine 15 Kilometer vom Schanzenturm entfernt. Und er hat es nicht bei Kurzbesuchen belassen. Als Zehnjähriger begann Kraft beim SV Schwarzach mit dem Springen. Und gerade mal elf Jahre später hat er den vorläufigen Höhepunkt seiner noch jungen Karriere erklommen.

          Der junge Mann aus dem Pongau gewann die 63. Auflage der Vierschanzentournee. Er belegte bei seinem Heimspringen zum Abschluss mit Sprüngen auf 133,5 und 132 Meter den dritten Platz und verteidigte mit 1106,7 Punkten die Führung in der Gesamtwertung.

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          Gefährlich nahe war ihm beim finalen Springen nur sein Freund und Zimmergenosse Michael Hayböck gekommen, dem mit 137,5 und 136,5 Metern überlegen sein erster Weltcupsieg gelang und der den zweiten Rang in der Gesamtwertung (1100,7) vor dem Slowenen Peter Prevc (1077,2) verteidigte. Tageszweiter und Gesamtvierter (1074,8) wurde der japanische Altmeister Noriaki Kasai. Als bester Deutscher schaffte Richard Freitag jeweils Platz sechs in Bischofshofen und insgesamt (1056,8).

          Für eine Schrecksekunde sorgte der schwere Sturz des Schweizers Simon Ammann, der im zweiten Durchgang einen Sprung auf 136 Meter nicht stehen konnte und kopfüber in den Schnee fiel. Er erlitt offenbar Prellungen und Abschürfungen; Ammann soll sich in einem stabilen Zustand befinden. Schon am Vortag war der Amerikaner Nicholas Fairall schwer gestürzt und hatte sich eine Wirbelsäulenverletzung zugezogen.

          Stefan Kraft dagegen krönte mit seinem Triumph beim „Dreikönigsspringen“ eine fast schon unheimliche Serie auf seiner Heimschanze. Es ist gerade mal drei Jahre her, dass der Lokalmatador beim Abschlussspringen der Tournee 2011/12 in Bischofshofen zum ersten Mal im Weltcup starten durfte, freilich noch keine nachhaltigen Spuren im Schnee hinterließ. Schon ein Jahr später gelang ihm an gleicher Stelle als Dritter zum ersten Mal der Sprung aufs Podest. Und nun der Tournee-Sieg. „Das ist schon eine Wahnsinns-Erfolgsstory“, sagte auch der deutsche Bundestrainer Werner Schuster staunend über den 1,70 Meter kleinen Springer: „Er fürchtet sich vor nichts und niemandem, ist brutal gut gesprungen, technisch brillant.“

          Für ein Stefan-Kraft-Denkmal reicht das vermutlich noch nicht, und die wichtigsten Namensrechte sind im Pongau auch schon lange an zwei Sportler des SC Bischofshofen vergeben. Die Schanze ist Paul Außerleitner gewidmet, der 1952 im Training für das Dreikönigsspringen so schwer gestürzt war, dass er vier Tage später an den Folgen des Sturzes starb. Das Stadion erinnert an Sepp Bradl, der 1953 die erste Auflage der deutsch-österreichischen Vierschanzentournee gewann.

          Zwar gingen insgesamt schon 16 Tournee-Siege an Österreicher und nun die letzten sieben in Serie. Es dauerte aber bis ins Jahr 2015, ehe wieder ein Springer aus dem Salzburger Land den legendären Wettbewerb über vier Schanzen gewinnen sollte. Den Grundstein zum Gesamtsieg bei Tournee Nummer 63 legte Bradls junger Landsmann Kraft beim Auftaktspringen in Oberstdorf. Das hatte er mit 6,9 Punkten Vorsprung (umgerechnet knapp vier Meter) gewonnen. Es war sein erster Weltcupsieg überhaupt – den er sich eigentlich für Bischofshofen aufheben wollte, doch auch gerne im benachbarten Ausland mitnahm. Und die Führung gab der Bayern-München-Fan anschließend nicht mehr her.

          Gemeinsame Freude ist die schönste Freude

          Vor dem letzten Wettbewerb hatte Kraft 23,1 Punkte Vorsprung vor Hayböck, rund zwölfeinhalb Meter. Da konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. „Stefan springt dieser Tage wie in Trance, da klappt alles perfekt“, meinte Österreichs Bundestrainer Heinz Kuttin. „Ich will zwei Megasprünge raushauen“, kündigte Kraft selbst mutig an. Den ersten Wertungsdurchgang setzte er prompt auf 133,5 Meter - übertroffen allerdings von Hayböck, der herausragende 137,5 Meter schaffte und seinen Rückstand um 9,5 Punkte reduzierte. Doch Kraft behielt die Nerven. Er verlor zwar weiteren Boden gegenüber seinem Kameraden, doch der hätte schon über 140 Meter springen müssen, um ihn noch abzufangen.

          Gemeinsam freuten sich die beiden schließlich über Tages- und Gesamtsieg. Gemeinsam hatten sie sich auch vorbereitet – wie immer mit Fußballtennis. Gegenseitig klatschten sie sich vor den entscheidenden Sprüngen noch einmal ab – und stichelten höchstens gegen die fußballerischen Vorlieben des jeweils anderen. Wobei Barca-Fan Hayböck das für ihn größte Lob schon in Oberstdorf rausgehauen hatte: Da sei Bayern-Fan Kraft gesprungen „wie Messi.“

          Während Trainer Kuttin seinen neuen Siegspringer als „echten Tournee-Helden“ bezeichnete, nimmt der Hochgelobte den ganzen Wirbel leichter: Der „Schanzen-Messi“ bezeichnet sich selbst einfach als „aufgedrehten Jungen“, der „gerne in der Natur unterwegs ist“ und es „nicht länger als 24 Stunden in der Wohnung aushält“. Glücksbringer und ähnlichen Schnickschnack brauche er auch nicht. Sein Erfolgsmotto ist vielmehr denkbar einfach und überall anwendbar: „Lachen tut dem Herzen gut.“

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