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Stasi-Vergangenheit : Ingo Steuer: „Schandfleck“ in meinem Leben

  • Aktualisiert am

„Ich würde die Zeit gerne ausradieren” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Zwei Monate nach seiner Enttarnung als „IM Torsten“ hat Eiskunstlauf-Trainer Ingo Steuer erstmals Fehler eingestanden und seine Stasi-Mitarbeit als „Schandfleck“ in seinem Leben bezeichnet: „Ich schäme mich sehr.“

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          Zwei Monate nach seiner Enttarnung als „IM Torsten“ hat Eiskunstlauf-Trainer Ingo Steuer erstmals Fehler eingestanden und seine Stasi-Mitarbeit als „Schandfleck“ in seinem Leben bezeichnet.

          „Ich schäme mich so sehr, daß ich mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet habe. Damals war mir das alles gar nicht klar“, sagte der 39 Jahre alte ehemalige Weltmeister in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur zu Beginn der Weltmeisterschaften in Calgary. „Ich habe so viel überlegt, ob ich etwas Schlimmes gemacht habe. Damit könnte ich gar nicht leben.“ Die Veröffentlichung seiner Stasi-Akten kurz vor den Olympischen Winterspielen, die gerichtliche Auseinandersetzung über seine Nominierung und der Presserummel hätten ihn alle Energien gekostet. „Ich komme mir vor wie ein Schwerverbrecher, ich werde im gleichen Atemzug mit Mördern genannt“, führte Steuer aus, der sagt, er komme sich wie in einem schlechten Film vor und es fehle ihm nun jegliche Motivation. „Ich plane überhaupt nicht mehr. Wenn man mich nicht mehr braucht, dann eben nicht.“

          „Man kann es nicht wieder gutmachen“

          Er könne nicht verstehen, warum er erst kurz vor den Spielen in Turin beschuldigt wurde und nicht schon viel früher. „Warum werde ich jetzt fertig gemacht, das hätten sie auch schon 1994 haben können. Aber da war ich erfolgreich mit Mandy“, meinte der niedergeschlagene Coach. 1994 ging Steuer mit Mandy Wötzel bei Winterspielen an den Start, 1998 kehrten sie mit Bronze zurück. Er erklärt sich die Geschehnisse in der ehemaligen DDR im Rückblick mit seiner Naivität als 18jähriger. „Wir sind so erzogen worden, das war ganz normal und erschien mir nicht als etwas Böses. Wenn ich heute darüber nachdenke, würde ich die Zeit gern ausradieren“, sagt der Trainer der Europameisterschaftszweiten Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy (Siehe auch: Eiskunstlauf: „Steuer-Prüfung“ nicht bestanden).

          „Ich habe gelogen”

          Er sei in einen Strudel hineingeraten, erzählt der Chemnitzer heute. „Man kann es nicht wieder gutmachen, indem man Entschuldigung sagt.“ Nach eigenen Angaben hat er sich mit Opfern aus der Eislauf-Szene nach der Wende getroffen. „Ich stelle mich den Problemen, wenn ich etwas verbockt habe.“ So gibt er auch zu, bei der Einstellung in die Bundeswehr gelogen zu haben. „Wir sind von einem System ins nächste gerutscht, standen so unter Druck. Es war naiv und leichtgläubig, aber ich wollte einen Neuanfang. Und die Chance bekam man nicht, wenn man mit dem Apparat zu tun hatte.“

          „Ich bin so ausgebrannt“

          Nun scheidet er Ende März aus der Bundeswehr-Sportfördergruppe aus und beginnt ein Studium der Anglistik und Amerikanistik. Die Anforderungen im neuen Wertungssystem des Eiskunstlaufs seien so hoch geworden, daß er sein Englisch perfektionieren wolle, um Schritt zu halten. „Wenn ich etwas mache, dann muß es perfekt sein“, behauptet er. Wie es nach der WM weitergeht ohne die finanzielle Absicherung bei der Bundeswehr, wisse er nicht. „Ich bin so ausgebrannt, meine Sportler fragen mich schon, warum ich so verbittert bin.“ Gleichzeitig gibt er zu, die Aufdeckung habe auch eine gute Seite gehabt: „Jetzt kann ich frei über alles sprechen.“

          Er wünsche sich, daß sowohl die Deutsche Eislauf-Union (DEU) als auch der Bund als Förderer des Leistungssports weiter mit ihm zusammen arbeiten. „Ich bin nicht einfach, aber ich würde mir sehr wünschen, einen gemeinsamen Weg mit dem deutschen Sport zu gehen.“ Nach der Saison wird die DEU mit Steuer ein Gespräch führen, dazu steht der Prozeß um die grundsätzliche Olympia-Nominierung vor dem Berliner Kammergericht an.

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