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Start der Ski-alpin-Saison : Die knifflige Suche nach dem neuen Star

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Als absolute Ausnahme-Athletin hat sich nur Mikaela Shiffrin herauskristallisiert. Bild: dpa

Der dominierende Marcel Hirscher ist nicht mehr da. Auch Aksel Lund Svindal, Felix Neureuther und Lindsey Vonn haben aufgehört. Die alpine Ski-Szene sucht den Sportler, der die Massen nun begeistert.

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          Schon tief unten im Ötztal, am Ortsausgang von Längenfeld, noch 15 Kilometer von Sölden entfernt, grüßt Österreichs alpiner Skistar überlebensgroß von einer Werbeplakatwand. Anna Veith, strahlend, wirbt für Fruchtsäfte und erinnert nebenbei daran, dass der Skizirkus an diesem Wochenende wieder startet. Oben im Bergdorf wirkt die echte Anna Veith ziemlich klein und nicht ganz so glücklich.

          Beim Saisonstart, dem Riesenslalom auf dem Rettenbachferner an diesem Samstag (10.00 Uhr und 13.00 Uhr in der ARD und bei Eurosport), kann die Olympiasiegerin von 2014 und Doppel-Weltmeisterin von 2015 nicht mitmachen. Nach ihrem dritten Kreuzbandriss befindet sich die mittlerweile 30-Jährige mal wieder im Aufbautraining. Doch sie ist guter Dinge, dass es klappt: Nach ihrer zweiten Knieverletzung war sie erstaunlich stark zurückgekommen und gewann bei den Olympischen Spielen von Pyeongchang noch einmal Silber im Super-G – geschlagen nur von der tschechischen Sensation Ester Ledecká, die eigentlich Snowboarderin ist.

          Ledecká hätte dank ihrer Mehrfachbegabung das Zeug zum Superstar, allerdings ist die 24-Jährige in höchstem Maße eigenwillig und legt keinen Wert auf übermäßige Vermarktung, sprich Verfügbarkeit. Sie macht lieber ihr eigenes Ding, was sich schon in ihrer beharrlichen Doppelstart-Strategie – meist auf einem, manchmal auf zwei Brettern manifestiert –, so dass man nie genau weiß, wo sie gerade ist. In Sölden jedenfalls taucht sie nicht auf, denn auf Skiern bevorzugt sie Speedrennen.

          Die Leistungsdichte im Riesenslalom ist bei den Frauen auch ohne sie sehr hoch. Alleine beim Saisonauftakt jubelten in den vergangenen fünf Jahren sechs verschiedene Siegerinnen – was wie ein Tippfehler aussieht, rührt daher, dass 2014 Anna Veith und Mikaela Shiffrin mit exakt der gleichen Zeit das Siegerpodest enterten. Doch die Strahlkraft der einzelnen Sportlerinnen wie Tessa Worley (Frankreich), Federica Brignone (Italien) oder der Deutschen Viktoria Rebensburg reicht selten über die Berge des eigenen Heimatlandes hinaus.

          Als absolute Ausnahme-Athletin hat sich nur Mikaela Shiffrin herauskristallisiert. Die Amerikanerin gewann in den vergangenen drei Jahren stets den Gesamt-Weltcup und schon sechsmal den Slalom-Weltcup. Und während sich die meisten Konkurrentinnen auf maximal zwei Disziplinen beschränken, baut sie ihr Repertoire weiter aus. Sie ist die Einzige, die schon Rennen in allen sechs Disziplinen für sich entscheiden konnte. Vor kurzem sagte die gerade 24 Jahre alte Alleskönnerin beim Medientag ihres Ausrüsters Atomic: „Ich bin stärker geworden und habe mich weiter verbessert“. Es klang wie eine Drohung.

          Das einzige, was ihr offenbar nicht gelungen ist, war, die Beziehung zum französischen Skirennläufer Mathieu Faivre aufrecht zu erhalten. Im Herbst gaben die beiden ihre Trennung bekannt, allerdings mit Respekt und Freundschaft – keine Spur von Drama. Mikaela Shiffrin sagte: „Wir hatten eine wirklich großartige Zeit und ich wünsche ihm nur das Beste.“ Aber es sei extrem schwierig gewesen, ihre Termine zu koordinieren. „Dann kommt man an den Punkt, an dem es keinen wirklichen Sinn mehr macht.“ Klingt ein wenig wie das Ende einer Geschäftsbeziehung.

          Anna Veith ist ein Gesicht im Ski-alpin-Zirkus, derzeit aber noch nicht wieder fit genug für Rennen.

          Der Franzose Faivre, der für eine andere Skimarke fährt, hat immerhin sehr gut Englisch gelernt in den zurückliegenden Jahren. Zum Skistar auf Pisten und Boulevard hat ihn die Liaison mit der Weltbesten aber auch nicht gemacht. Sportlich gesehen ist eher sein Landsmann Alexis Pinturault zu beachten. Er ist derjenige, dem die meisten Experten zutrauen, dass er in diesem Winter die Große Kristallkugel gewinnen könnte. Selbst Teamgefährten wie der Amerikaner Ted Ligety tippen vor dem Auftaktrennen der Männer am Sonntag (10.00 und 13.00 Uhr in der ARD und bei Eurosport) auf Pinturault, wenn sie nach ihrem Saisonfavoriten gefragt werden.

          Viktoria Rebensburgs Strahlkraft ist international nicht so groß.

          Der 28-Jährige ist, wie Shiffrin, einer der letzten Allrounder. Mit Ausnahme der Abfahrt hat er schon in allen Disziplinen Rennen gewonnen, außerdem drei Olympia- und vier WM-Medaillen – nur auf niedrigerem Niveau. Seine Stärke ist neben dem Riesenslalom vor allem die Ausgeglichenheit. In den vergangenen sieben Wintern kam Pinturault im Gesamtweltcup sechs Mal unter die Top drei – ohne groß Aufsehen zu erregen. Gewonnen hat er nur fünfmal die Kombinations-Wertung, die als nicht besonders sexy gilt.

          Auf seine Chancen angesprochen, die Hirscher-Lücke zu füllen, verweist der stille Franzose lieber auf den italienischen Abfahrer Dominic Paris oder die Norweger Kjetil Jansrud und Henrik Kristoffersen. Letztgenannter ist Spezialist im Slalom und Riesenslalom und strotzt vor Selbstbewusstsein: „Marcel wäre nicht so schnell gefahren, wenn ich nicht da gewesen wäre“, sagte er jüngst der „Tiroler Tageszeitung“ über Hirschers Dominanz. „Ich habe ihn schnell gemacht“. Was ihm allerdings abgeht, ist die einnehmende Freundlichkeit, mit der sein Landsmann Aksel Lund Svindal stets den Weltcup bereicherte – und neben Herzen auch noch Rennen und Titel gewann.

          Im deutschen Lager gilt Stefan Luitz nach dem Rücktritt von Felix Neureuther als neue „Benchmark“, allerdings hatte der hochbegabte Pechvogel in den vergangenen Jahren oft genug mit sich selbst genug zu tun, um wirklich große Ziele anstreben zu können. Ein einziger Weltcup-Sieg ist ihm bislang gelungen, und der war nach der „Sauerstoff-Affäre“ auch noch monatelang vakant.

          Bleiben die Österreicher, die nach Hirschers Abgang zwar einerseits genauso öffentlich um ihren verlorenen Sohn weinen wie nach dem Karriereende des großen Hermann Maier, als zu befürchten war, der Winter setze ein Jahr aus. Doch dann ging der Zirkus doch weiter, nur mit anderen Hauptattraktionen. Deshalb verweisen die Vertreter der rot-weiß-roten Skination auch umgehend darauf, super aufgestellt zu sein und nennen Marco Schwarz, Manuel Feller und Vincent Kriechmayr. Alles sportlich gute Namen, aber alles keine potentiellen Superstars. Oder wie es der deutsche Sportdirektor Wolfgang Maier sagt: „Hirscher war die Breite und die Spitze.“

          Im deutschen Lager gilt Stefan Luitz nach dem Rücktritt von Felix Neureuther als neue „Benchmark“.

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