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Sportwissenschaft : Wer baut die heißesten Schlitten?

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Es geht um Hunderttausendstel Bild: dpa

Für Rennrodler steht die Antwort auf die Frage, wer die schnellsten Schlitten baut, längst fest: Gerhard Kirchner. Der Tüftler aus Oberhof war dem Geheimnis der Kufen schon zu DDR-Zeiten verfallen. In Turin will er jetzt sein olympisches Meisterstück präsentieren.

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          Die Tannen voller Schnee, große Flocken in der Luft, Stille. Da schwillt in der Ferne über den Tannenwipfeln ein Donnern an, es klingt wie ein Flugzeug im Tiefflug. Gerhard Kirchner beugt sich vor und blickt den Berg hinauf. Das Donnern kommt näher. „Achtung!“ ruft Kirchner, da ist es schon passiert. Der Kopf ist zu langsam, die Augen kommen nicht mit, so schnell rast das Geschoß auf der Eisbahn vorbei. 135 Kilometer pro Stunde. Ein lautes Zischen noch, dann wird das Geräusch leiser, hallt den Berg hinunter, und an der Eisbahn herrscht wieder Stille.

          Irgendwo hinter diesem Donnern und Zischen steckt das Geheimnis des perfekten Schlittens. „Man hört es“, sagt Gerhard Kirchner, „wenn etwas nicht stimmt, klingt es falsch.“ Seit fünfzig Jahren widmet er sein Leben dem Rennrodeln. Früher ist er selbst gefahren, zu Zeiten, als die Sportler noch eigenhändig ihre Eisbahnen im Wald aushoben. Später wurde er Trainer, und seit mehr als 25 Jahren versucht er, den idealen Schlitten zu bauen. Er selbst würde seine Konstruktionen niemals perfekt oder ideal nennen. Doch sie scheinen es schon fast zu sein: Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit gewinnen die deutschen Rennrodler auf Schlitten, die aus seiner Werkstatt stammen. Bei jeder Europameisterschaft, jedem Weltcup oder jeder Weltmeisterschaft - fast immer stehen deutsche Sportler ganz oben auf dem Siegertreppchen. Allein siebenmal holten Athleten auf Rennschlitten des Oberhofer „Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten“ (FES) olympisches Gold, sechsmal Silber und achtmal Bronze. Der nächste Test für die Schlittenschmiede werden die Olympischen Spiele in Turin sein.

          Die Physik besiegen

          Damit die Sportler gewinnen, müssen auch Kirchner und seine Kollegen einen kleinen Sieg erringen - über die Physik. „Eigentlich ist es ganz einfach“, sagt er, „wir wollen so schnell wie möglich von A nach B kommen.“ Das Problem: „Wir haben die Grenzen der Physik längst erreicht.“ Früher wurden Fortschritte noch in Stundenkilometern gemessen, heute ist schon eine Hundertstelsekunde ein riesiger Erfolg. Silke Kraushaar gewann 1998 gar mit nur zwei Tausendsteln Vorsprung. „Wir fragen uns ständig: An welchem Rädchen können wir jetzt noch drehen?“ sagt Kirchner.

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          Jedes Einzelteil des Schlittens ist schon längst soweit wie möglich optimiert - die Sitzwanne, der Bock, der die Wanne mit den Kufen verbindet, und insbesondere die Laufschienen, das Herzstück der Kufen. Ein Rennrodelschlitten hat heute so wenig mit dem Klassiker Marke Davos gemein wie ein Formel-1-Wagen mit einer Seifenkiste. Wenn man Rennschlitten bauen will, sagt Gerhard Kirchner, „muß man schon ein bißchen verrückt sein“.

          Entwicklung „exklusiv für Deutschland“

          Kirchners Werkstatt liegt versteckt im Wald, abgeschottet von der Außenwelt, auf dem Gelände der Bundeswehr-Sportkaserne „Grenzadler“ in Oberhof. Das FES ist eine Institution für Schlittenentwickler. Gegründet wurde das Institut zu einer Zeit, als die meisten Rodler noch Schlitten von der Stange fuhren. In der sechziger Jahren begann man in der DDR mit der professionellen Entwicklung von Sportgeräten für viele olympische Disziplinen. In den besten Zeiten arbeiteten 180 Techniker und Forscher daran, den ostdeutschen Sportlern einen Vorsprung zu sichern. Nach der Wende stand die Zukunft des FES auf der Kippe. Doch der gute Ruf brachte immer noch genügend Aufträge, zeitweise aus aller Welt.

          Heute arbeiten im Institut etwa 50 Leute, in der Außenstelle Oberhof besteht die FES allerdings nur aus drei Leuten: dem Leiter Gerhard Kirchner und seinen zwei Kollegen, einer davon sein Sohn. Ihr Dienstherr ist das Bundesministerium des Inneren. „Heute entwickeln wir exklusiv für Deutschland“, wie Kirchner sagt. In drei Räumen stapeln sich die Werkzeuge und Materialien auf Regalen bis unter die Decke. Die Hallen des FES sehen aus wie alle Werkstätten: Chaos, nach einem Prinzip geordnet, das nur die Werkstattbesitzer kennen. Trotz der Kälte hat Kirchner die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, das Schwarz unter seinen Fingernägeln wird auch die gründlichste Dusche nicht mehr beseitigen können. An einer Wand hängt die Ahnengalerie der Kufen. „Die hier haben sie uns verboten“, sagt Kirchner und deutet auf eines der Exemplare. „Bei denen hatten wir Gummiplatten eingebaut, zur Federung.“

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