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Probleme einer Szenesportart : Dem Snowboarden droht der Zerfall

Auch eine Möglichkeit: ein Snowkiter lässt sich Anfang Februar in Heiligenberg auf seinem Snowboard über den Schnee ziehen Bild: dpa

Konkurrierende Wettkämpfe, Sponsoren auf dem Absprung, kein Einfluss auf Olympia: Die glorreichen Zeiten des Snowboardens scheinen vorbei zu sein. Dem Szenesport droht der Zerfall.

          4 Min.

          Es war ein sonniger Tag im März 2011, als ein 17 Jahre alter Kanadier die Snowboard-Welt buchstäblich auf den Kopf stellte. Mark McMorris war mit einem Filmteam nach Colorado gefahren, neben einer riesigen Schanze zogen Hobbyskifahrer ihre Schwünge, ein Sessellift ratterte Richtung Gipfel. McMorris fuhr auf die Monsterschanze zu, hob ab und drehte sich viermal um die eigene Achse und garnierte das mit drei Salti. Dann landete er sicher. An diesem Tag hat der Kanadier Sport-Geschichte geschrieben: Als erster Snowboarder war er einen „Backside 1440 Triple Cork“ gelandet, das Video von seinem Sprung ging um die Snowboard-Welt, für McMorris begann ein neues Leben.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Gerade haben sich in Laax in der Schweiz einige der besten Snowboarder der Welt zu den „Burton European Open“ getroffen. Finaltag, die Sonne schien, der Slopestyle-Parcours war ein kreatives Meisterwerk. Die Snowboarder sprangen über einen Baumstamm, schlitterten über Geländer und eine wellenförmige Mini-Rampe, bevor drei 25-Meter-Sprünge auf sie warteten. McMorris hatte eine Woche zuvor beim wichtigsten Wettkampf der Snowboarder, den X-Games in den Vereinigten Staaten, zwei Goldmedaillen gewonnen. In Laax lag er auf Platz eins, bevor sich der Norweger Stale Sandbech in den Parcours stürzte, ein Meisterwerk aus Überschlägen und Rotationen zeigte - und sich an die Spitze schob. McMorris packte als letzter Starter seinen Supertrick aus: den Triple Cork. Er stürzte. Platz zwei.

          Eine andere Welt, ein anderer König

          „Es war ein toller Wettkampf, man kann nicht immer gewinnen“, sagte er. Es klang nach einer Phrase, aber McMorris kann man die Gelassenheit abkaufen. Mit seinen 21 Jahren hat er schon fast alles erreicht. Viele seiner Kollegen hetzten von Laax aus zum nächsten Wettkampf, McMorris blieb in der Schweiz. Er hatte eine Einladung der Schweizer Snowboard-Legende Nicolas Müller, gemeinsam wollen sie ein Video drehen. Müller gehört zu jenen Snowboardern, die mit Wettkämpfen nichts zu tun haben wollen, die lieber fernab der Zivilisation spektakuläre Filme drehen. Es ist eine andere Welt, aber auch sie hat einen König: den Amerikaner Travis Rice. Wer in seinen Filmen mitfahren darf, hat es geschafft.

          Nicht lange nach dem erfolgreichen Frühlingstag 2011 bekam McMorris einen Anruf, für den viele Snowboarder alles geben würden: Rice wollte, dass er in seinem Video mitmachte. Wie er auf ihn gekommen war? „Na ja“, sagt McMorris. „Er wollte einen Triple Cork in seinem Film haben.“ Und den konnte damals nur einer. Gefühlte hundertmal sei er für Rice über Schanzen gesprungen, in dem gefeierten Film „The Art of Flight“ tauchten davon wenige Sekunden auf. Zu sehen, natürlich, der Triple Cork.

          Auf dem Sprung: Mark McMorris Bilderstrecke
          Auf dem Sprung: Mark McMorris :

          Auch in dem anderen Teil der Snowboard-Welt ging es für McMorris weiter bergauf. Drei X-Games-Goldmedaillen gewann er 2012 und 2013. Im Jahr darauf flog er nach Sotschi, zur olympischen Premiere seiner Paradedisziplin Slopestyle. „Unschlagbar?“, fragte das Szenemagazin „Transworld Snowboarding“ auf der Titelseite. Die Antwort war: nein. McMorris gewann Bronze. Gold holte der Amerikaner Sage Kotsenburg.

          Auch Kotsenburg reiste Anfang dieses Jahres nach Europa, im Januar startete er beim Air&Style-Springen in Innsbruck. „Die Zeit nach Olympia war unglaublich“, erzählte er. Auf dem Flug nach Sotschi habe ihn kein Mensch erkannt, auf dem Rückflug hätten alle ein Foto mit ihm machen wollen. Mittlerweile hat sich der Trubel gelegt, Kotsenburg muss sich wieder mit der schwierigen Seite seiner Sportart herumschlagen. Noch im Jahr seines Triumphes gab sein Sponsor Nike bekannt, dass das Unternehmen sich aus der Sportart zurückziehen werde. Die Snowboard-Kollektion 2014 sei die letzte, die in die Läden komme. „Das ist schade“, sagt Kotsenburg. „Snowboarden steckt in einer schwierigen Phase.“

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