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Slopestyler Leon Vockensperger : Deutschlands große Snowboard-Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Lange haben Deutschlands Snowboarder auf einen Weltklassefahrer im Slopestyle gewartet. Bei dem wichtigsten Freestyle-Event Europas sorgt Leon Vockensperger für eine Sensation. Doch er hat ein größeres Ziel vor Augen.

          3 Min.

          Ein Weltklassefahrer im Slopestyle – darauf haben die deutschen Snowboarder lange gewartet. Eigentlich schien es unmöglich. Die Voraussetzungen waren zu schlecht. Die Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Neuseeland, Norwegen und Schweden hatte schlicht ganz andere Möglichkeiten. Schnee en masse, Snowparks vom Feinsten, Freestyle als glitzernde Krone des Snowboardens. Die Deutschen flogen hinterher, im Land der Bobfahrer und Rodler fehlte es an Infrastruktur, an Geld zum Reisen, an Trainern, an allem.

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          Und nun dies: Bei den Laax Open, dem wichtigsten Freestyle-Event in Europa, landete der 21 Jahre alte Leon Vockensperger vom SC Rosenheim im Slopestyle auf Platz zwei, geschlagen nur vom Schweden Niklas Mattsson. Bei der olympischen Disziplin Slopestyle geht es darum, auf einem Parcours mit Schanzen und Hindernissen eine Kür aus Kunststücken und Sprüngen zu zeigen. Es ist, mehr noch als die Halfpipe, eine abenteuerliche, zirkusreife Mischung aus Fahrkunst, Mut und Kreativität. In dieser Disziplin einen Deutschen in der Weltspitze zu sehen ist eine Sensation.

          Dabei hatte sich Vockenspergers Aufstieg angedeutet, ehe ihn eine schwere Verletzung zunächst aus dem Rennen warf. In Neuseeland hatte er im Sommer 2018 sein erstes Finale erreicht. Der Name des Jungen aus Flintsbach am Inn stand plötzlich neben dem seiner Idole. Den Amerikaner Redmond Gerard, Slopestyle-Olympiasieger von Pyeongchang, kickte er aus dem Finale. „Ich habe gemerkt, dass es funktioniert“, sagt er. 2019 sollte seine Saison werden, doch dann, im Oktober 2018 beim Training auf dem Hintertuxer Gletscher, stürzte er. Riss des Syndesmosebandes im Sprunggelenk. Fehldiagnosen, Fehlbehandlungen folgten, schließlich im Januar 2019 eine Operation.

          Wieder auf dem Board stehen

          Erst im April 2019 stand er wieder auf dem Board. Das Gefühl für das Board, das intuitive Zusammenspiel zwischen Körper und Geist, war weg. „Im Überlebensmodus“, so nennt er es, kämpfte er sich durch Weltcuprennen, weil er Punkte für die Rangliste brauchte. Als dann im Frühjahr 2020 der Lockdown die Skigebiete erreichte, flog er zu einem Freund, einem Snowboardprofi, nach Schweden, wo die Lifte noch liefen. Sie bauten sich Schanzen, eineinhalb Monate trainierte er jeden Tag, immer und immer wiederholte er die Basics. Nach und nach kam die Sicherheit zurück.

          Im Herbst 2020 begann er mit der Vorbereitung für die neue Saison. „Als in Österreich im November wegen Corona alles zu war, sind wir in die Schweiz, dann wieder zurück nach Österreich“, sagt Vockensperger. „Irgendwo war immer etwas auf. Es hat funktioniert für uns Berufssportler. Das war ein Megaprivileg, wir wissen das, und wir halten uns strikt an alle Vorgaben und Hygienekonzepte.“ Trainiert wurde, wo immer die Skigebiete geöffnet waren, in Saas-Fee in der Schweiz, am Stubaier Gletscher und in Flachauwinkl in Österreich, am Stilfser Joch in Italien. In Snowparks oder in privaten Camps.

          Diese Camps dauern jeweils zwei Wochen, sie sind teuer. Sponsoren bezahlen die Rechnungen für Vockensperger: Burton, Anon, G-Shock, Blue Tomato – auch die Snowboard-Industrie setzt auf den Deutschen. Daneben steht die Bundeswehr Gewehr bei Fuß, nach dem Abitur wurde Vockensperger Sportsoldat. Koordiniert wird das Training von Snowboard Germany, dem Verband, der internationale Erfolge bislang nur in den alpinen Disziplinen feiern konnte, nun aber auch im Freestyle von Medaillen träumen kann.

          Schwierige Wettkampfbedingungen

          Das Problem aktuell sind die Wettkämpfe. Entweder sie poppen spontan auf, oder sie werden nach und nach abgesagt wie in der vergangenen Woche die Weltmeisterschaft in Calgary. Nach seinem Erfolg in Laax ist Vockensperger erst einmal zum Filmen gefahren. Ein amerikanischer Kameramann begleitet ihn über das Jahr zu verschiedenen Spots, daraus soll ein Video entstehen, inspiriert von großen Snowboardfilmen.

          Große Ziele vor Augen: Vockensperger peilt die Olympischen Spiele an.
          Große Ziele vor Augen: Vockensperger peilt die Olympischen Spiele an. : Bild: Picture-Alliance

          Einer dieser Filme, Torstein Horgmos Meisterwerk „Horgasm – A Love Story“ von 2013, hat Vockensperger früh begeistert. „Ich habe diesen Film bis heute bestimmt 150 Mal angeschaut.“ Er drückt für ihn das aus, was er die Seele des Snowboardens nennt. „Ein Gefühl, das ganz, ganz tief von innen kommt.“ In der Schweiz, in Tschechien, in Serbien stehen noch ein paar Wettkämpfe im Kalender, die Profis müssen mitnehmen, was kommt, auch kleinere Events, bei denen Schanzen und Setups bescheiden sind im Vergleich mit Laax.

          Vockenspergers Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Dazu muss er, um sicherzugehen, auf der Weltrangliste unter den ersten 30 landen, was nach den Eindrücken von Laax kein Problem sein dürfte. Zusätzlich muss er sich die nationale Nominierung sichern. „Ich bin zuversichtlich“, sagt er. „Laax war schon mal ein ziemlich solides Ergebnis.“ So kann man es nennen. Man kann seine Vorstellung dort aber auch anders nennen: ein großes Versprechen für das deutsche Freestyle-Snowboarden im Jahr vor Olympia.

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