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Snowboarden : Hellseher, Partylöwe, Klassenkämpfer

Drew Stevenson (l.) mit Snowboard-Ikone Terje Haakonsen Bild:

Drew Stevenson verkörpert das System des „wahren Snowboardens“, ist Herz, Leber und Präsident der Szene. Früher hat der Australier Schafe gehütet, heute ist er der leidenschaftlichste Mann in seinem Sport - und bestimmt auch der unhygienischste.

          Wintersport, das weiß jedes Kind, ist erst einmal Biathlon, dann Zickenduell - und dann Rodeln und folkloristische Gesprächsrunden vor aufgemalten Biergärten im Bayernfunk. Doch was ist Snowboarden? Die großen Fragen dieser Sportart sind nicht beantwortet.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Zum Beispiel: Wie laufen diese Parties ab, wenn die Kids die Abende nach einem großen Wettkampf ausklingen lassen? Jemand muss das mal erzählen, das kann man nicht ewig den Szenemagazinen überlassen, die fast nur bunte Bilder drucken und die Texte so klein, dass sie keiner über zwanzig lesen kann. Jemand muss das mal erzählen, und diese Aufgabe wollen wir gern übernehmen - wie wär's mit der „O'Neill Evolution“ in Davos, einer mit 100 000 Dollar ordentlich dotierten Veranstaltung, und wie wär's, zum Einstieg, mit dem offiziellen Dinner-Abend in einer Hütte auf dem Jakobshorn?

          Zum Frühstück ein paar Bier

          Fahrer, Fahrerinnen, Organisatoren, Sponsoren, Fondue, Bier, Wein, Stimmung und eine lässige Ansprache des Snowboard-Präsidenten. Ganz normal? Möglich - wenn der Präsident nicht Drew Stevenson hieße. Der Australier ist Präsident der Ticket-To-Ride-Tour (TTR), der Plattform, auf der die bedeutendsten Snowboardveranstaltungen der Welt stattfinden. Gestern hat Stevenson in Hossegor an der französischen Atlantikküste noch eine Runde Golf gespielt, im Anschluss ist er nach Davos gefahren. Dort hat er zum Frühstück ein paar Bier getrunken und am Abend auf dem Jakobshorn diese lässige Rede gehalten.

          Flugshow beim „Nokia Air and Style” in München

          Normalform erreichte Stevenson, als eine Tischnachbarin den Verlust ihres Stirnbandes beklagte. Er stiefelte in die Küche, kehrte mit einem Messer von eindrucksvoller Größe zurück und verarbeitete sein Hemd zu einem Stirnband für das Mädel, das fortan wieder modisch auf der Höhe war, was man von Stevenson nicht mehr behaupten konnte. Auf eine Beschreibung der weiteren Ereignisse des Abends wollen wir verzichten, aus Gründen der Diskretion - und weil es erst einmal um Drew Stevenson gehen sollte, denn wer wissen will, was Snowboarden ist, der sollte den 39 Jahre alten TTR-Präsidenten näher kennenlernen.

          Mit 18 sah er zum ersten Mal Schnee

          Das Method-Magazin hat ihn vor Jahren mit den zeitlosen Worten beschrieben: „Wahrscheinlich der leidenschaftlichste Mann im Snowboarden und bestimmt der unhygienischste.“ Aufgewachsen ist Stevenson auf einer Farm in Westaustralien. Seine Jugendbeschäftigung: Schafe hüten. Mit 17 kam er über einen Schüleraustausch nach Belgien, mit 18 sah er zum ersten Mal Schnee - eine Erfahrung, die aus ihm einen Snowboarder machte. 1994 wurde er Chefredakteur des in mehreren Sprachen erscheinenden „Onboard“-Magazins, danach Filmer, Regisseur, Schanzendesigner, Vertreter der europäischen Snowboard-Profis, Hellseher und Partylöwe, das Ganze meistens gleichzeitig.

          Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Stevenson in Bewegung. Heimat? Im Sommer lebt er für ein, zwei Monate in Hossegor, den Rest des Jahres fliegt er, fährt er von einer Snowboard-Veranstaltung zur nächsten - unermüdlich. Stevenson sieht aus wie ein Klassenkämpfer - aber er ist ein Diplomat, wenn auch kein politisch ganz korrekter. Jedenfalls greift er niemanden an. Jeder tue für das Snowboarden, was er könne, sagt er, die TTR und der internationale Skiverband, die Fis. Stevenson kämpft lieber für etwas als gegen jemanden, und deshalb hat er Erfolg gehabt, deshalb ist er zu einem der wichtigsten Männer in der Snowboardszene geworden.

          Herz und Leber der Snowboardszene

          Als nämlich der alternative Snowboardverband ISF Anfang des Jahrhunderts in Konkurs ging, ausgezehrt vom mächtigen Skiverband und der eigenen Naivität, war es Stevenson, der die Trümmer der Ideen zusammenkehrte. Es ist viel Bier geflossen in dieser Zeit, es sind viele Träume geplatzt, aber Stevenson hat immer weitergemacht - und dann war das neue Projekt endlich geboren. Im September 2002 beschlossen er, die norwegische Snowboard-Ikone Terje Haakonsen und Vertreter der Snowboardindustrie in Hossegor die Gründung der Ticket-to-Ride-Tour. Heute zählen alle wichtigen Veranstaltungen zur TTR-Serie, die eine eigene Weltrangliste führt und mit Swatch einen potenten Sponsor gewonnen hat.

          Im System des „wahren Snowboardens“, sagt Haakonsen, sei Stevenson der Kommunikator. Der Mann, den alle kennen, der Mann, der das Puzzle zusammenfügt. Stevenson ist Herz und Leber der Snowboardszene, Haakonsen ihr Verstand. Der charismatische Norweger, auch mit 32 Jahren noch ein Ausnahmefahrer, wird in der Szene verehrt wie ein König.

          „Nimm Biathlon! Warum Snowboarden?“

          Mit Stevenson eng befreundet, ist er das Gegenstück zum australischen Partylöwen, Haakonsen ist ein stiller, nachdenklicher Mann, ein scharfer Analytiker. Und er redet Klartext, seit Jahren, er macht aus seiner Verachtung gegenüber der Fis, die seinen Sport vereinnahmt hat, keinen Hehl. „Nimm Biathlon“, sagt er „oder Bobfahren - beides wird nicht von der Fis organisiert. Warum Snowboarden? Wir haben die besten Fahrer, und wir haben das beste Konzept. Es ist logisch, dass wir die Hoheit über die Olympiaqualifikation bekommen müssen. Wir, die TTR, und nicht die Skifahrer.“

          Fest steht, erstens: Die TTR wächst von Jahr zu Jahr, zweitens: Haakonsen und Stevenson werden nicht aufgeben. Was nun, wenn es tatsächlich einmal zur Annäherung zwischen den Olympiern und dem authentischen Snowboarden kommen sollte? Dann sollte vielleicht Haakonsen die Gespräche führen. Stevenson könnte so lange ein Bier trinken oder Golf spielen oder Stirnbänder schnitzen. Oder einfach Snowboard fahren gehen. Irgendetwas würde ihm schon einfallen.

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