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Snowboard : Ruheständler schlägt Olympia-Hoffnung

Immer mehr Druck: Christophe Schmidt droht Olympia zu verpassen Bild:

Die European Open in Laax, die größte Snowboard-Veranstaltung in Europa, war für Christophe Schmidt ein Fiasko. Die einzige deutsche Olympia-Hoffnung hat ein psychologisches Problem und droht die Qualifikation für Vancouver zu verpassen. Wie es besser geht, zeigte ihm ein deutscher Board-Rentner.

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          Druck – das ist das Unwort des modernen Sports. Die Last der Erwartungen, Ergebnisse zu produzieren, welche Verbänden und Sponsoren ins Konzept passen, macht vielen Athleten zu schaffen. Als der 35 Jahre alte Xaver Hoffmann, der anderthalb Jahrzehnte zu den besten deutschen Snowboardern gehörte, seine Karriere vor zwei Jahren ausklingen ließ, war auch dies ein Grund: „Es war Zeit für etwas Neues.“

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Hoffmann gehörte zur ersten Generation der deutschen Snowboarder, er war einer jener Pioniere, die den Berg als Spiel- und nicht als Arbeitsplatz betrachteten, die ohne Verband und Verein, ohne Trainer und Betreuer auskamen, die auf Weltklasseniveau fuhren, weil sie talentiert waren und jede freie Minute auf dem Berg verbrachten. 1998 war Hoffmann der erste deutsche Weltcup-Gewinner in der Halfpipe. Nach Abschluss seiner sportlichen Karriere setzte er neue Schwerpunkte. Er versuchte sich als Snowboardproduzent, wurde Manager des Nitro-Teams, nahm sich mehr Zeit für seine Familie.

          Enormer Aufwand

          Auch Christophe Schmidt ist ein Weltklasse-Snowboarder. Der 26-Jährige vom Schliersee war in der Halfpipe Achter bei den Olympischen Spielen in Turin, er ist auch für Olympia in Vancouver die Hoffnung des deutschen Snowboardverbandes, in dessen Kader er seit Jahren trainiert. Der Verband hat keine Kosten gescheut, um ihm und dem 18-jährigen Ethan Morgan auf die Sprünge zu helfen.

          Olympia kommt für ihn zu früh: Ethan Morgan, neben Schmidt zweiter Geförderter des deutschen Snowboardverbandes

          Gemeinsam mit Verbandstrainer David Selbach reisen sie um die Welt, Trainingslager und Wettkämpfe in Süd- und Nordamerika, in Asien und Neuseeland stehen seit Jahren auf dem Programm, die Fördergelder des Innenministeriums machen es möglich. Ziel des enormen Aufwandes ist ein gutes Ergebnis bei Olympia, und dafür soll Christophe Schmidt sorgen, für den jungen Ethan Morgan kommt Vancouver noch zu früh.

          Psychologisches Problem

          Schmidts Qualifikation schien nur Formsache, doch dann gab es Probleme. Er verletzte sich vor einem Jahr und konnte erst wieder im November im Weltcup starten. Ihm blieben nur drei Wettkämpfe, um sich für Vancouver zu qualifizieren, wozu er einen Weltcup-Platz unter den ersten acht oder zwei Plätze unter den ersten zwölf benötigt. Beim ersten Versuch im November in Saas-Fee wurde er Zehnter, beim zweiten vor einer Woche in Kreischberg verpasste er Platz zwölf um einen Zehntelpunkt, und nun bleibt ihm nur noch eine Chance: am 22. Januar beim Weltcup in Stoneham in Kanada.

          Der Druck ist immer größer geworden, und obwohl Schmidt bislang als nervenstarker Athlet galt, sagt sein Trainer nun: „Die Qualifikation ist mehr ein psychologisches Problem geworden als ein sportliches.“ Was er damit meint, zeigte sich bei den European Open in Laax. Diese größte Snowboardveranstaltung Europas ist Teil der alternativen Ticket-to-ride-Tour und damit keiner der Qualifikationswettbewerbe für Olympia, die vom internationalen Skiverband Fis veranstaltet werden. Gleichwohl war Laax für Schmidt General- und Nervenprobe für den folgenden letzten Weltcup.

          Auch Xaver Hoffmann war nach Laax gekommen. Als Teammanager wollte er sich um seine Fahrer kümmern, und natürlich hatte er sein Board dabei. Und weil die mit 125.000 Dollar dotierte Veranstaltung als „Open“ ausgeschrieben ist, das heißt, dass sich neben den für das Hauptfeld gesetzten internationalen Topfahrern auch jedermann, der sich in die sechs Meter hohe Pipe traut und bereit ist, 50 Euro Startgeld zu investieren, für die Qualifikation anmelden kann, hat sich auch Hoffmann in die Starterliste eingeschrieben. Als am Ende abgerechnet wurde, stand fest, dass nur ein Deutscher das Finale der besten sechzehn Fahrer erreicht hatte – und das war als Dreizehnter Xaver Hoffmann. Schmidt und Morgan waren nur auf den Plätzen 22 und 25 gelandet.

          Hoffmann springt völlig entspannt

          Für Hoffmann war es „ein Traum“, für Schmidt der nächste Tiefschlag. Während sich die Weltelite in dieser Woche auf einer Anlage in den Vereinigten Staaten trifft, um Doublecorks zu üben, die gefährlichen neuen Halfpipetricks, muss er in Stoneham in Kanada beim Weltcup nachsitzen und hoffen, im allerletzten Versuch noch die Olympia-Qualifikation zu schaffen.

          Es ist nicht so, dass Hoffmann, der im Laaxer Finale den 13. Platz behielt, kompliziertere Sprünge beherrschte als Schmidt. Er zeigte in Laax als Privatier sein Standardrepertoire – allerdings völlig entspannt und auf einem Niveau, das er als Wettkämpfer zuletzt nicht mehr erreicht hatte. Ganz ohne Druck, ganz ohne Erwartungen lief für ihn alles wie von selbst. Ein Gefühl, von dem Christophe Schmidt derzeit nur träumen kann.

          Nur mit Doublecork

          Der sogenannte Doublecork sorgt für Diskussionen, seit der amerikanische Topfahrer Kevin Pearce Ende Dezember beim Versuch, den neuen Halfpipe-Trick zu lernen, gestürzt war und sich dabei schwere Kopf- und Hirnverletzungen zugezogen hatte. Forderungen, Doublecorks zu verbieten, begegneten die Fahrer in Laax ausnahmslos mit Unverständnis.

          Dies wäre, sagte Xaver Hoffmann, als würde man bei einer Skiabfahrt in einer Steilpassage Tempo 30 verordnen. Innovative Tricks markierten den Fortschritt der Sportart. Im Wettkampf zeigten die drei topplazierten Fahrer den neuen Sprung, eine dreifache Schraube mit doppeltem Salto: der finnische Sieger Piroinen, vor seinem Landsmann Laari und Youri Podlatschikow aus der Schweiz, der ohne Helm fuhr, was bei den European Open erlaubt, bei Olympia aber verboten ist.

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