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Snowboard : „Das ist keine todesmutige Stuntshow“

Kevin Pearce wollte bei Olympia groß auftrumpfen Bild: AFP

Nach dem schweren Unfall von Snowboarder Kevin Pearce wird auch ein Verbot von Überkopfsprüngen in der Halfpipe debattiert. Sind die neuen Tricks zu gefährlich, der Druck zu groß? Michael Eder über ein Nachlaufspiel mit bisweilen skurrilen Zügen.

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          „Well Wishes To Our Friend Kevin Pearce“ - so heißt auf Facebook die zurzeit meistgeklickte Snowboard-Seite im Internet. Unter dem Titel „Continue to believe!“ haben bislang rund 20.000 Menschen ihre guten Wünsche ins Netz geschrieben, doch der Glaube fällt schwer, dass Kevin Pearce jemals wieder ein normales Leben führen kann. Der 22 Jahre alte Weltklasse-Snowboarder aus Vermont in den Vereinigten Staaten war in der vergangenen Woche bei einem Trainingslauf in der Halfpipe von Park City gestürzt und mit schweren Kopf- und Hirnverletzungen in die Uniklinik nach Salt Lake City geflogen worden, sein Zustand ist unverändert kritisch.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Kevin Pearce ist nicht irgendein Snowboarder, er ist der Einzige, der in den vergangenen Jahren seinen Landsmann Shaun White, den Superstar der Szene, in wichtigen Wettkämpfen wie den Europ-ean Open in Laax besiegen konnte. Auch bei den Olympischen Spielen in Vancouver hätte er zum Favoritenkreis gezählt. Sein fürchterlicher Sturz hat im Lager der Snowboarder für Entsetzen gesorgt - und für Diskussionen über die Entwicklung der Sportart zu immer riskanteren Sprüngen und Tricks, zu immer größeren Halfpipes.

          Die aktuellen Superpipes bestehen aus einer Röhre mit sieben Metern hohen Eiswänden, über die sich die besten Fahrer bis zu sechs Meter hinauskatapultieren. Pearce verunglückte beim Versuch eines sogenannten Doublecorks, eine hochriskante doppelte Schraubensalto, er stürzte aus etwa sieben Meter Höhe auf den Kopf. Auch der Helm, den er trug, konnte ihn nicht vor schwersten Verletzungen bewahren.

          Sein fürchterlicher Sturz löste eine Sicherheitsdiskussion in der Szene aus

          Ein von Sponsoren verhätschelter Topverdiener

          Der junge Mann aus Vermont ist außerordentlich beliebt in der Szene, was auch daran liegt, dass er das Gegenteil dessen ist, was etwa Shaun White repräsentiert. Während Superstar White ein von Sponsoren verhätschelter Topverdiener im amerikanischen Sport ist und daheim in Kalifornien gern mit Hollywood-Größen verkehrt, steht Pearce für die ruhige, zurückhaltende, naturverbundene Fraktion der Snowboarder.

          Er kommt von der Ostküste und hatte alles andere als eine einfache Kindheit. Wie sein Vater und zwei seiner Brüder litt Kevin Pearce von klein auf unter schwerer Legasthenie, sein dritter Bruder, David, zwei Jahre älter als er, ist geistig behindert, er ist mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen. Kevin Pearce ist kein Bewegungsgenie wie Shaun White, er war nie ein Wunderkind, hat sich die Eleganz und Leichtigkeit seiner Sprünge hart erarbeiten müssen.

          Snowboarden schon zum vierten Mal olympisch

          Sein schwerer Unfall hat Diskussionen ausgelöst. Die Snowboard-Blogs und -Foren im Internet sind voll davon. Viele fordern, die gefährlichen Doublecorks, ja alle Überkopfsprünge bei Halfpipe-Wettbewerben, zu verbieten. Das Risiko sei nicht kontrollierbar, die Entwicklung aus dem Ruder gelaufen. Alex Dörr, General Manager der Ticket-To-Ride-Tour, unter deren Regie weltweit alle bedeutenden Snowboard-Freestyle-Veranstaltungen außerhalb der Olympischen Spiele stattfinden, ist anderer Meinung: „Snowboarden auf diesem Niveau ist ein Hochrisikosport“, sagt er. „Die Sportler wissen das, und es ist auch nicht so, dass es unkalkulierbar wäre. Wir haben keine Grenzen überschritten. Das ist nach wie vor Sport und keine todesmutige Stuntshow.“

          Auch wenn Snowboarden in Vancouver schon zum vierten Mal olympisch ist, so ist es noch immer ein junger Sport, seine Entwicklung schreitet rasant voran, befeuert wird sie alle vier Jahre von Olympia. 2006 in Turin waren die Halfpipewände noch fast zwei Meter niedriger, als sie in Vancouver sein werden, und die Tricks waren vergleichsweise ungefährlich. Das Problem ist: Wo die Grenzen mit großer Geschwindigkeit immer weiter nach oben verschoben werden, kommt die Sicherheitsdiskussion kaum hinterher. Der Unfall von Kevin Pearce hat jetzt die entscheidenden Fragen aufgeworfen: Sind die Anlagen zu groß? Sind die neuen Tricks zu gefährlich?

          Ein Nachlaufspiel mit skurrilen Zügen

          Was die Anlagen betrifft, sind die Meinungen eindeutig: Die Riesenpipes sind für gute Fahrer ungefährlicher als kleinere, weil durch den breiteren Radius die Aufsprungfläche größer wird. Problematischer ist die extreme Entwicklung bei den Tricks. Ausgelöst hat sie Shaun White, der im Frühjahr in einer abgelegenen Privatpipe in den Rocky Mountains Doublecorks einstudierte, von denen man bis dahin annahm, sie seien in der Halfpipe unmöglich zu springen, und die Konkurrenz im Sommer damit völlig überraschte.

          „Dadurch“, sagt Alex Dörr, „ist auf die anderen Fahrer ein enormer Druck entstanden.“ Plötzlich war klar, dass die bisherigen Höchstschwierigkeiten, „1260“er etwa, dreieinhalbfache Drehungen, nicht mehr ausreichen würden, um in Vancouver eine Medaille zu gewinnen. Überall setzte ein Nachlaufspiel ein, das bisweilen skurrile Züge annahm. Die Produzenten von sogenannten „bagjumps“ konnten sich vor Bestellungen kaum noch retten.

          Was zeigt White in Vancouver?

          Diese 15 auf 15 Meter großen, vier Meter hohen und 25.000 Euro teuren Luftkissen, bis dahin nur in der Stuntszene im Einsatz, wurden von Cardrona in Neuseeland bis nach Saas-Fee in der Schweiz an Halfpipes gelegt, so dass die Snowboarder bei ihren ersten Doublecork-Versuchen ein Landekissen fanden.

          Mittlerweile beherrschen eine ganze Reihe von Fahrern die neue Technik auch ohne Hilfsmittel. Auch Pearce war längst über „bagjump“-Versuche hinaus. Aber klar war allen auch: Wer in Vancouver Gold in der Halfpipe gewinnen will, dem wird ein einzelner Doublecork nicht reichen. White hat längst ganze Serien im Repertoire, und Gerüchte sprießen, dass er für Olympia noch andere, nie gesehene Schwierigkeiten parat habe. Das Nachlaufspiel geht weiter - ohne Kevin Pearce.

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