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Rekordjägerin Mikaela Shiffrin : „Nice to meet you, Ingemar“

Beim Rennen in Levi gab es für Mikaela Shiffrin ein Rentier. Bild: EPA

Mikaela Shiffrin gewinnt ein Skirennen nach dem anderen. Vergleiche mit großen Vorbildern nerven sie trotzdem. Denn die amerikanische Alleskönnerin hat noch ein anderes Ziel.

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          Hätte es auch in Killington ein Rentier für die Siegerin gegeben, das Tier würde jetzt wohl auf den Namen Annemarie hören. Denn Mikaela Shiffrin ist beim Slalom in den Green Mountains im amerikanischen Bundesstaat Vermont am Sonntag ihr 62. Weltcupsieg gelungen – womit die junge Amerikanerin mit der legendären Österreicherin Annemarie Moser-Pröll gleichgezogen hat, die in den 1970er Jahren von Sieg zu Sieg eilte, allerdings vornehmlich in der Abfahrt.

          Vor Wochenfrist hatte Mikaela Shiffrin bereits einen anderen Helden längst vergangener, aber nicht vergessener Zeiten hinter sich gelassen: Im finnischen Skiort Levi, hoch oben nördlich des Polarkreises, war sie zu ihrem 41. Slalom-Erfolg gefahren, womit sie den alten Schweden Ingemar Stenmark überholte. „Ein Tribut an einen der absolut größten Skifahrer aller Zeiten“, sagte die 24-Jährige daraufhin und taufte das Rentier, das ihr für den Sieg geschenkt wurde, auf den Namen Ingemar. „Nice to meet you, Ingemar“ schrieb sie unter ein Twitter-Foto, auf dem zu sehen ist, wie sie das Tierchen streichelt. 1400 virtuelle Herzchen flogen ihr daraufhin zu.

          Wollte jemand den größtmöglichen Unterschied zwischen zwei begnadeten Skifahrern in unterschiedlichen Dekaden aufzeigen, wäre der Vergleich zwischen Stenmark und Mikaela Shiffrin keine schlechte Idee. Hier der mittlerweile 63 Jahre alte Schweiger aus Tärnaby, der einst Fernsehreporter mit seinen einsilbigen Antworten abschreckte und gerade deshalb als bescheidener Antiheld geliebt wurde. Dort die quirlige Amerikanerin, die, ganz Kind ihrer Zeit, eine virtuose Selbstdarstellerin in den sozialen Netzwerken ist und auch das Spiel mit traditionellen Medien beherrscht.

          In der virtuellen Welt präsentierte sich Mikaela Shiffrin in den vergangenen Wochen mit neuem Look, zeigte sich als gelassene junge Frau, die auch ohne Skihelm wahrgenommen werden möchte, gerne mit grellrotem Lippenstift und geschminkt, „um von der Skibrillen-Bräune abzulenken“, wie sie über ihre „Eulenaugen“ schreibt. Und die Top-Sportlerin zeigt sich als musisch versiert: Ihre neueste Leidenschaft gilt dem Gesang, zu dem sie sich selbst auf der akustischen Gitarre begleitet. „If you need me“, trällerte sie tonlagensicher einen Song der amerikanischen Popsängerin Julia Michaels und zeigt auch dabei durchaus Talent, was sie aber selbstironisch herunterzuspielen versucht: „Ich habe ja nicht viel Zeit zum Spielen, aber wenn, dann macht es mich glücklich.“

          Das größte Glück allerdings, und das versäumt Mikaela Pauline Shiffrin derzeit bei keiner Gelegenheit zu erwähnen, empfinde sie auf alpinen Skihängen. Im Schnee gewann sie wieder das leidenschaftliche Gefühl zurück, das sie schon durch ihre Anfangsjahre als Teenager im Weltcup trug, ihr in den vergangenen Jahren aber etwas abhandengekommen schien. In der Olympiasaison 2017/18 war sie bisweilen so aufgeregt, dass sie sich vor den Rennen übergeben musste, obwohl sie schon damals als Seriensiegerin längst über jeden Zweifel an ihrem Können erhaben war. In Pyeongchang hatte sie sich dann mit ihrem überambitionierten Rennprogramm übernommen. Zwar gewann sie Gold im Riesenslalom und Silber in der Kombination, aber ausgerechnet in ihrer Paradedisziplin, dem Slalom, wurde sie nur Vierte.

          Dass der zurückgewonnene Fun-Faktor ihrer Leistung nicht abträglich ist, zeigte sich nun bei den beiden ersten Slaloms der neuen Saison. In Levi siegte sie mit 1,78 Sekunden Vorsprung, in Killington waren es gar 2,29. Auch beide Riesenslalom-Rennen des Winters beendete sie auf dem Siegerpodest, und die Konkurrenz wartet bangen Blicks, wie sie sich in den ersten Speed-Events am Wochenende in Lake Louise schlägt. Schon bei der jüngsten Weltmeisterschaft 2019 in Are ließ die amerikanische Alleskönnerin mehr als aufblitzen, was sie in den schnellen Disziplinen drauf hat, als sie auch Gold im Super-G gewann – neben ihrem vierten Weltmeistertitel im Slalom nacheinander.

          Mit insgesamt fünf WM-Siegen liegt sie nun gleichauf mit Stenmark, doch die permanenten Vergleiche beginnen sie langsam auch zu nerven. In ihrem jüngsten Facebook-Video zeigt sich Mikaela Shiffrin mit riesigen Kopfhörern auf den Ohren und der gespielten Frage: „Was hast du gesagt? Ich kann dich nicht hören.“ Die Auflösung verbirgt sie in der Textzeile: „Wenn mich jemand über Rekorde befragt, die ich brechen soll“. Mikaela Shiffrin möchte lieber als Persönlichkeit wahrgenommen werden, nicht als dauersiegende Skimaschine, und greift auch deshalb lieber zur Gitarre, wenn mal wieder Zeit ist.

          So wie sie sich früher schon im Stepptanz geübt hat, was mit Skischuhen nicht ganz einfach ist, bei ihr aber verblüffend leichtfüßig aussah. Aufs Äußere reduziert werden, wie ihre einst omnipräsente und mit 82 Weltcupsiegen bislang noch erfolgreichere Landsfrau Lindsey Vonn, die gerne Fotoshootings im Bikini präsentierte – oder auch ohne –, will Mikaela Shiffrin freilich auch nicht. Dann lieber weiter Rennen gewinnen und zur Not auch dem Vergleich standhalten. Könnte sein, dass das nächste Rentier in Levi auf den Namen Lindsey getauft wird.

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