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Skisprungtrainer Schuster : Politischer Jongleur

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Zwischen Politik und Effizienz: Abseits des Schanzentisches wird die Arbeit für Bundestrainer Schuster manches Mal schwierig Bild: (c) AP

Große Ressourcen, schwieriger Apparat: Wie der Österreicher Werner Schuster als Bundestrainer das deutsche Skispringen umkrempeln und in die Erfolgsspur zurückbringen will. Er muss Kompromisse eingehen.

          3 Min.

          Ruhetag, Pause, kein Skispringen, nicht trainieren. Werner Schuster lässt seine Athleten durchschnaufen, frei laufen. Der eine oder andere macht kurz einen Besuch bei der Familie. Dann heißt es noch einmal wach werden, volle Konzentration auf die letzte Station einer Tour, die Kraft kostet. Zehn Tage um den Jahreswechsel herum verbringen die Skispringer in vier verschiedenen Orten in zwei Ländern, auf vier verschiedenen Schanzen. Am Ende stehen in der persönlichen Bilanz Freude oder Frust oder beides nebeneinander.

          Werner Schuster, der Bundestrainer der deutschen Springer, zieht Positives auch aus kleinen Erfolgen: „Ich freue mich immer, wenn meine Leute unten sind und führen.“ Mit frühen Startnummern gehen die deutschen Skispringer jeweils ins Rennen, noch hat es keiner unter die besten zehn im Gesamt-Weltcup geschafft – diese Gruppe ist automatisch für jeden Wettkampf qualifiziert. Doch immer öfter spüre und höre er oben auf dem Trainerturm die Anerkennung seiner Kollegen aus anderen Ländern, sagt Schuster.

          Fünf Deutsche haben sich bei den ersten drei Springen von Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck Top-Ten-Plazierungen gesichert – „und das in einer Saison, die eigentlich nicht wunschgemäß verläuft“, sagt Schuster. Es ist Bewegung im deutschen Skispringen, auch wenn die Wellen noch zu groß sind. „Ich hoffe, dass wir die noch glätten können.“ Wieder einmal ein Podestplatz, das wär‘s – ein deutscher Skispringer, der um den Sieg mitspringen kann, ist das Ziel. Severin Freund, der 22-jährige Bayer aus Rastbüchl, hätte das Zeug dazu. Auch auf Pascal Bodmer, der am Dienstag zwanzig Jahre alt wurde, ruhen Schusters Hoffnungen. „Wir müssen geduldig sein.“

          Aufsteiger: Pascal Bodmer
          Aufsteiger: Pascal Bodmer : Bild: (c) AP

          Die Nachteile des Systems

          Aber Geduld ist nicht das erste Wort, wenn ein Mann wie Schuster verpflichtet wird. Das deutsche Skispringen lag am Boden, als er im März 2008 die Nachfolge des glücklosen Peter Rohwein beim Deutschen Skiverband übernahm. Der Auftrag war klar: Schnellstmöglich mussten die Springer besser werden. Schuster kam, „gespickt mit Selbstvertrauen“. Er hatte den jungen Überflieger Gregor Schlierenzauer im österreichischen Nachwuchszentrum in Stams betreut, „und ich habe gemerkt, meine Theorien funktionieren“. Er hatte in der Schweiz mit Simon Ammann gearbeitet und entscheidende Impulse gegeben. In Deutschland war der Boden bereitet: „Es war eine gewisse Demut im gesamten System.“ Athleten, Trainer, Betreuer mussten ihren Stellenwert neu definieren. Deshalb wurde die so schwierig erscheinende Aufgabe zur einfachsten. Innerhalb von drei Monaten gelang ein Leistungssprung fast aller arrivierten Sportler.

          Gleichzeitig galt es, die Nachfolge der älteren Leistungsträger zu sichern. Schuster sichtete, erfasste das Potential, bei Athleten und Trainern. Die Kommunikation mit den Stützpunkten, den Vereinstrainern wurde verbessert. Aber gleichzeitig lernte der 41 Jahre alte Kleinwalsertaler Schuster die Nachteile eines Systems kennen, mit dem er bis heute kämpft. „Bei aller Verständigung schielt doch wieder jeder mit dem zweiten Auge darauf, dass seine Position gefestigt wird“, sagt er. Er erlebte verschiedene sport- und finanzpolitische Interessen. Schuster sollte mit Instituten arbeiten, „die Tolles leisten können, die andererseits aber auch eine sportfachliche Führung benötigen“.

          Und manches Mal stellte er sich die Frage, ob diese Stellen dem Sport dienten oder der Sport ihnen. „Man muss aber auch politisch denken“, sagt er, „und das ist eigentlich nicht so mein Stil.“ Qualität zählt für Schuster, und sein Ansatz lautet: „Egal, wo jemand her kommt: Wichtig ist, wer was leisten kann, wichtig ist, dass man es effizient macht.“ Vielleicht sei das ein wenig naiv, findet er, angesichts eines riesigen Apparats aus Stützpunkten mit ihren Trainern, Landesverbänden, Instituten. „Das ist ein sehr großer Apparat“, sagt Schuster, „den zu jonglieren, ist schon ein Ding.“

          Immerhin setzte der Bundestrainer vor dieser Saison eine Vereinheitlichung der Athletik-Konzeption durch. Um das möglichst schnell und effektiv tun zu können, holte er sich einen unabhängigen Mann, den Österreicher Harald Pernitsch. „Das war für mich der einzige Weg, um allen Beteiligten eine einheitliche Orientierung zu geben.“ Es sei ein mutiger Schritt gewesen, „und schrittweise müssen wir weitergehen. Es gibt großartige Ressourcen im deutschen Sport, aber manchmal ist der Apparat ein bisschen zu behäbig.“

          Kompromisse kosten Kraft

          Klingt das nach Kapitulation vor einem System, das die eigene Arbeit womöglich verwässert? „In manchen Phasen denke ich, man müsste eigentlich noch rigoroser diese Dinge umkrempeln.“ Denn Schuster und seine Springer wissen, sie werden nur an Ergebnissen gemessen. „Wenn man die nicht gleich vorweisen kann, dann werden die Stimmen der Entsorgten zu stark.“ Denn seit der Hoch-Zeit des deutschen Skispringens ist viel Geld mit dieser Sportart zu verdienen. „Das wird wohl eine ewige Gefahr im deutschen Skisprungsport sein“, sagt Schuster, „jeder will die Kuh melken, und noch zu wenig sind bereit, auch den Acker umzupflügen.“

          Schuster muss Kompromisse eingehen. Und die kosten Kraft. Bestätigung, frischen Mut holt er sich in der Arbeit mit den Athleten, in der Loyalität der Kollegen. Er richtet sich auf an der Wertschätzung, „an der Erfahrung, dass man mir zutraut, hier Schwung reinzugeben“. Zweimal schon, in Österreich und in der Schweiz, habe er etwas entwickelt, sei in der Erntephase aber nicht mehr dabei gewesen. In Deutschland, sagt er, müsste es möglich sein, bis 2014 seine Vision zu verwirklichen: „Dass ein frisches Gesicht in den nächsten Jahren den internationalen Skisprungsport bereichern kann“, an die absolute Spitze kommen kann. So lange möchte er auf jeden Fall durchhalten. „Nur die Arbeit zu machen und zusehen, wie sich dann andere sonnen, dass möchte ich nicht erleben. Ich möchte zumindest die erste Ernte selber einfahren.“

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