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Vierschanzentournee : Sehnsucht nach einem Überflieger

Ab in die Tiefe: Die Vierschanzentournee, die am Sonntag in Oberstdorf beginnt, hat Kultstatus. Bild: dpa

Die deutschen Skispringer hoffen auf ein neues Hoch schon zum Beginn der Vierschanzentournee. Der klare Favorit aber kommt aus Japan – und dahinter lauern zwei Polen.

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          Acht Sprünge, vier Schanzen, zwei Länder – und die eine große Frage: Wann endlich kommt der Sieger der Vierschanzentournee mal wieder aus Deutschland? Der letzte Triumphator ist bekannt. Mehr noch: Er hat Geschichte geschrieben, denn vor dem Coup von Sven Hannawald hatte es weltweit noch keinen Skispringer gegeben, der alle vier Wettkämpfe für sich entscheiden konnte. Sieg in Oberstdorf, Sieg in Garmisch-Partenkirchen, Sieg in Innsbruck und Sieg auch in Bischofshofen. Im zu Ende gehenden Jahr 2018 hat es Hannawald der Pole Kamil Stoch gleichgetan und gleichfalls mit vier Einzelsiegen souverän die Tournee gewonnen. Es war Stochs Zweiter Gesamtsieg in Serie und deshalb hegen die skisprungbegeisterten Polen große Hoffnungen, dass Stoch bei der 67. Auflage der Hattrick gelingt. Doch der Mann des bisherigen Winters kommt nicht aus Polen, sondern aus Japan und heißt Ryoyu Kobayashi.

          Klein, wendig, gerade 22 Jahre alt geworden. Der junge Japaner ist mit der Empfehlung von vier Weltcupsiegen dieses Winters nach Oberstdorf gereist, wo traditionell die Vierschanzentournee startet und sich die Athleten an diesem Samstag für das Auftaktspringen am Sonntag qualifizieren müssen. Für das deutsche Team hat Bundestrainer Werner Schuster mit Markus Eisenbichler (TSV Siegsdorf), Richard Freitag (SG Nickelhütte Aue), Severin Freund (WSV DJK Rastbüchl), Karl Geiger (SC Oberstdorf), Stephan Leyhe (SC Willingen), David Siegel (SC Baiersbronn) und Olympiasieger Andreas Wellinger (SC Ruhpolding) erwartungsgemäß die sieben Skispringer nominiert, mit denen er zuletzt schon von Weltcup zu Weltcup gereist ist und die Zeitspanne zwischen der Generalprobe in Engelberg und dem Tournee-Auftakt an diesem Wochenende in Oberstdorf für einen letzten Formcheck in Norwegen genutzt hat.

          Der Olympia-Ort Lillehammer als Bühne für den letzten Feinschliff: „Das Wetter hat mitgespielt, und wir konnten so in aller Ruhe noch einmal konzentriert und effektiv an der Stabilisierung der individuellen Sprungtechnik arbeiten“, sagt Schuster. Anschließend durften die Aktiven dann die „Systeme“ runterfahren. Einzig Freitag musste sich in Geduld üben. Statt Sprungtraining stand für ihn Physiotherapie und leichtes Bewegungstraining auf dem Programm, um die Nachwirkungen seines Sturzes in Engelberg zu kompensieren. Schuster und seine Helfer sind aber nach Auskunft der Ärzte zuversichtlich, dass Freitag, im Vorjahr noch als Gesamtweltcup-Führender in die Tournee gegangen, springen kann.

          Schuster weiß um die Sehnsüchte nach einem Tourneesieger mit dem Bundesadler auf der Brust. Doch der Pragmatiker ist auch Realist genug, um genau einzuschätzen, dass sich Wellinger, Freitag und Freund, „die in der Vergangenheit die Speerspitze des Teams bildeten, im bisherigen Saisonverlauf noch nicht in gewohnter Art und Weise in Szene setzen konnten“.

          Bundestrainer Schuster vor der Vierschanzentournee: „Vielleicht selbst einen Überflieger stellen“

          Zufrieden ist der 49 Jahre alte Chefcoach aus dem Kleinwalsertal mit den Darbietungen von Geiger und Leyhe. „Sie sind mit tollen Leistungen ins Licht der Öffentlichkeit gesprungen.“ Und auch dem zuletzt formstarken und flugbeständigen Eisenbichler ist es in der komplexen Sportart Skispringen im Schweizer Klosterdorf Engelberg gelungen, „seine tolle Technik im Wettkampf umzusetzen“. Schusters Hoffnung: „Karl und Stephan sind aktuell unsere bestplatzierten deutschen Skispringer und gehören daher auch zum erweiterten Kreis der Mitfavoriten.“

          Einigkeit herrscht über Kobayashis Rolle bei der sprunghaften Traditionsveranstaltung rund um den Jahreswechsel. „Er ist der ganz große Favorit“, sagt Schuster und zählt zudem ein polnisches Duo zu Kobayashis ärgsten Widersachern. „Piotr Zyla gibt vor Kamil Stoch die Pace vor.“ Dass den deutschen Skispringern einiges zuzutrauen ist, hält Schuster aufgrund der kontinuierlichen Aufbauarbeit der vergangenen Jahre für möglich. „Das zeigen nicht zuletzt die beiden zweiten Plätze in der Gesamtwertung durch Andreas Wellinger und Severin Freund. Beide Male mussten wir uns nur den damaligen Überfliegern Prevz und Stoch geschlagen geben. Vielleicht können wir in der kommenden Tournee selbst einen Überflieger stellen. Der Erfolgshunger ist groß, aber wir haben gelernt, nichts zu erzwingen. Wir haben ein paar Springer in guter Position, stellen aber nicht den Topfavoriten.“

          Plötzlich der Vorflieger: Karl Geiger

          Das einwöchige Skisprung-Spektakel lockt Jahr für Jahr viele Zuschauer an. Die 25.500 zur Verfügung stehenden Tickets für den Start am Sonntag in Oberstdorf waren schnell verkauft. „Die Tournee ist einfach Kult“, sagt der im Schwarzwald lebende Willinger Leyhe. „So eine Veranstaltung gibt es kein zweites Mal.“ Für Leyhe Ansporn und Herausforderung zugleich, auch im bevorstehenden deutsch-österreichischen Grenzerlebnis fliegend Kurs zu halten. „Selten hat mir das Skispringen so viel Spaß gemacht, wie in den letzten Monaten. Der Einstieg mit dem zweiten Platz in Wisla war traumhaft. Seither bin ich bis auf wenige Ausnahmen permanent unter den besten Zehn der Welt gelandet.“

          Weltspitze – das ist viele Jahre lang Freund gewesen. Doch zwei Kreuzbandrisse haben den Mannschafts-Senior zurückgeworfen. „Es war abzusehen, dass ich nach zwei Jahren Verletzungspause nicht durch die Konkurrenz marschiere wie das heiße Messer durch die Butter“, sagt Freund. „Es kann es sein, dass die Tournee für mich einen Ticken zu früh kommt.“ Für Engelberg-Sieger Geiger könnte die 67. Auflage der Vierschanzentournee genau zum richtigen Zeitpunkt kommen. Der 25-Jährige vom Zoll-Team springt stark wie nie und schöpft Kraft aus seinem Coup in der Schweiz. „Der Weltcup dort war wirklich der Hammer,“ sagt er. Erster am Samstag, Vierter am Sonntag: Für Geiger hat sich gezeigt, „dass ich sogar ganz vorne landen kann, wenn alles zusammenpasst“. In Oberstdorf allemal. Geiger kennt die Begebenheiten rund um die Schattenbergschanze wie aus dem Effeff, was nicht verwundert: Der Skispringer ist in Oberstdorf geboren und dort zu Hause.

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