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Skispringer bei WM in Seefeld : Der Tanz auf der Rasierklinge

Der Tournee-Zweite Markus Eisenbichler ist auch eine Hoffnung für die Deutschen bei der WM in Seefeld. Bild: AFP

Bundestrainer Werner Schuster steht vor seinem Abschied – und will mit den deutschen Skispringern bei der WM noch einmal für Aufsehen sorgen. Und die Aussichten sind erstaunlich gut.

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          Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht ist es aber auch Fügung. Für Werner Schuster hätte es aber keinen besseren Austragungsort für seinen nahenden Abschied als Seefeld geben können. In Mieming, nur wenige Kilometer vom Ort der Nordischen Ski-WM entfernt, ist der Vorarlberger aus dem Kleinwalsertal, der längst zum Tiroler und Weltbürger geworden ist, zu Hause. Dort leben auch seine zwei Söhne, über die Schuster sagt: „Meine Kinder sind zwölf und 15. Und der Zwölfjährige, der schaltet den Fernseher ein, der sagt, mein Vater ist halt im Winter im Fernsehen. Der kennt gar nichts anderes. Das sind Belastungen.“

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Monatelang ist Schuster auf Reisen, stets zu Diensten des Deutschen Skiverbandes (DSV) und seiner erfolgreichen Skispringer. Seit elf Jahren schon. Doch damit ist nun bald Schluss. Wenn am 24. März auf der Flugschanze von Planica der Weltcup-Winter im slowenischen WM-Austragungsort von 2023 ausklingt, wird Schuster endgültig adieu sagen. Sein Vertrag mit dem DSV als verantwortlicher Bundestrainer läuft aus, und schon Anfang Februar hat der 49 Jahre alte Skisprung-Fachmann beim Skiflug-Weltcup in Oberstdorf seinen nahenden und allseits erwarteten Abschied bekanntgegeben.

          So bedauerlich seine Entscheidung auch sein mag: Zeit seines Wirkens hat sich Schuster nie treiben oder leiten lassen, sondern stets selbstbestimmt und pragmatisch entschieden. Schuster weiß: „Ich bin privilegiert. Ich bin elf Jahre im Schnee gewesen und froh, dass ich elf Jahre lang coole deutsche Springer abwinken durfte.“ Der Chefcoach auf dem Trainerturm am Schanzentisch: Es gibt unzählige Bilder davon. An diesem Samstag (14.30 Uhr in der ARD und bei Eurosport) wird er seine vier Athleten Markus Eisenbichler, Karl Geiger, Andreas Wellinger und Richard Freitag am Bergisel für die WM-Entscheidung im Einzelspringen abwinken. Und wieder hofft Schuster darauf, dass einer seiner Athleten „Sprünge wie aus einem Guss“ zeigt.

          So wie vor einer Woche Geiger, einer seiner Musterschüler. Der Oberstdorfer hatte bei der Generalprobe in Willingen das erste Einzelspringen auf der größten Großschanze der Welt mit der Traumweite von 150,5 Metern gewonnen – und dabei sogar den Telemark gestanden, was Schuster „einfach nur phantastisch“ fand. Tags darauf war es beim Weltcup im Upland dann mit dem Tournee-Zweiten Eisenbichler ein weiterer Athlet aus Schusters Truppe, der mit Platz zwei für das rechte Signal zur rechten Zeit sorgte: Die deutschen Skispringer sind wieder in Form. Die kleine Leistungsdelle, die sich nach dem famosen Abschneiden bei der Vierschanzentournee bemerkbar gemacht hatte, scheint überwunden. Geiger: in Form. Eisenbichler: in Form. Freitag: wieder in Form. Wellinger: langsam wieder auf dem Weg zurück zu alter Stärke. „Ich mache die richtigen Schritte in die richtige Richtung“, sagt der Olympiasieger.

          Olympiasieger, Weltmeister, Gesamt-Weltcupsieger: Mit großem Teamwork hat Schuster in seinen elf Bundestrainer-Jahren alles, fast alles erreicht. Was ihm verwehrt blieb, war der Sieg eines deutschen Skispringers bei der Vierschanzentournee. Etwas, das ihn nicht grämt, „denn ich habe nie das Ziel gehabt, alles gewinnen zu müssen“. Schuster weiß um die Unwägbarkeiten seiner sensiblen Sportart. „Skispringen ist Tagesgeschäft, und eine Medaille bei der WM zu machen, das ist immer auf des Messers Schneide.“

          Der scheidende Bundestrainer sieht gerade im Skispringen eine nicht zu unterschätzende psychologische Komponente. Dass in diesem Winter Athleten aus Norwegen hinterherspringen, hat für ihn plausible Gründe. „Die Norweger sind eine Klasse schlechter, wenn mit Tande der Leader weg ist. Und wenn bei den Polen ein Stoch wie ein Fels in der Brandung runterspringt, dann hat es auch ein Zyla leichter.“ Der Unterschied zu den von großem Teamgeist angetriebenen Deutschen: Auch sie sind zuletzt nicht wie gewohnt in Schuss gewesen, „und trotzdem sind wir nicht zusammengebrochen“, sagt Schuster. Geiger und Eisenbichler springen „die beste Saison ihres Lebens“. Gerade vom erfahrenen Siegsdorfer Eisenbichler, 27 Jahre alt, schwärmt Schuster vor seiner letzten WM als Bundestrainer. „Wenn Markus einen guten Sprung macht, ist er eigentlich der Allerbeste. Dann kann er auch Kobayashi schlagen.“

          Ein Sieg am schicksalsträchtigen Bergisel? Dort, wo Eisenbichler zu Jahresbeginn bei der Vierschanzentournee allerdings patzte und als Dreizehnter alle Hoffnungen aufgeben musste, dem in einer anderen Liga springenden Japaner Ryoyu Kobayashi doch noch einmal gefährlich nahezukommen? Der erfahrene Schuster sagt: „Bei Markus ist es ein Tanz auf der Rasierklinge. An guten Tagen ist er einer der Besten, aber an schlechten Tagen ist er raus.“ Schuster ist Ende März raus. Bis dahin will er mit seinen Athleten noch für Aufsehen sorgen. Seine beiden Jungs schauen ihm dabei weiter zu.

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