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Skispringer Thomas Diethart : Auf den großen Sturm bestens vorbereitet

Schwein gehabt: Alles dreht sich plötzlich um Thomas Diethart Bild: AP

Für die Vierschanzentournee wird der Wind zum unkalkulierbaren Risko. Doch Thomas Diethart irritieren weder die Orkanwarnung noch der Trubel um seine Person. Schon früh wollte er hoch hinaus.

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          Schuld ist auch der Borkenkäfer. Seit sich die Insekten in Folge des Orkans „Kyrill“ 2007 in den Wäldern rund um Innsbruck eingenistet und viele Bäume schwer geschädigt haben, fehlt der Skisprungschanze am Bergisel ein natürlicher Schutzwall. Dadurch wurde der Wind für die Vierschanzentournee-Organisatoren mehr denn je zu einem unkalkulierbaren Risiko. Für dieses Wochenende stehen in Tirol die Zeichen auf Sturm. Föhn ist angekündigt und droht das Programm der Veranstaltung durcheinanderzuwirbeln. Für diesen Samstag wurden Böen von bis zu hundert Kilometern pro Stunde angekündigt. Wenn sich die Prognosen bewahrheiten, dann könnte es zum zweiten Mal in der 62-jährigen Historie der Tournee keinen Wettkampf in Innsbruck geben. „Der Wind wird stark anziehen und sich bis zum Orkan entwickeln“, kündigte Monika Weis an.

          Die Wetterforscherin der österreichischen „Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik“ ist seit Neujahr zu einer der wichtigsten Gesprächspartnerinnen von Walter Hofer geworden, dem Renndirektor des Internationalen Skiverbandes. Die riesigen Windnetze am Bergisel, die die Luftströmung vom Hang wegleiten sollen, sind für Windgeschwindigkeiten bis zwanzig Meter pro Sekunde konstruiert. Auf dieses technische Hilfsmittel wollen sich die Gastgeber aber nicht allein verlassen: „Ab rund 16 Metern pro Sekunde ist ein Springen nicht möglich“, legte sich Alfons Schranz, Chef des Organisationskomitees, fest. Hofer brachte deswegen einen „Plan B“ ins Gespräch: Schon 2008 zog der Tour-Tross wegen zu heftiger Brisen vorzeitig zum letzten Etappen-Ort Bischofshofen weiter, wo dann zwei Wettbewerbe stattfanden. Eine Entscheidung ist für Samstagmorgen angekündigt.

          Alexander Pointer reagierte auf die Verunsicherung im Teilnehmerlager vergleichsweise entspannt. Für den Cheftrainer des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) kommt es darauf an, „dass wir gerüstet und variabel sind und dann mit den Bedingungen, die herrschen, zurechtkommen“. Pointer und die Seinen haben den sechsten Gesamtsieg in Serie vor Augen. Für den Triumph kommt aber nicht – wie intern erwartet – Titelverteidiger Schlierenzauer in Frage, sondern mit Thomas Diethart ein junger Mann, der im Schnelldurchgang die Erfolgsleiter nach oben stürmt. In Garmisch-Partenkirchen sprang er 141 Meter im ersten Durchgang und 140,5 im zweiten. Damit distanzierte der 21-Jährige den auch in der Gesamtwertung hinter ihm zweitplazierten Mannschaftskollegen Thomas Morgenstern um elf Punkte – im Skispringen, wo oft Nuancen den Unterschied machen, eine spektakuläre Differenz. Diethart war erst kurz vor Weihnachten von Pointner ins Weltcup-Team berufen worden, nachdem er im Continentalcup solide Leistungen gezeigt hatte. Toni Innauer, 1980 Olympiasieger in Lake Placid, später Sportdirektor des ÖSV und aktuell als Fernseh-Experte bei der Tournee dabei, kommentiert das Emporkommen seines Landsmanns durchaus verwundert. „Dass einer von einem Tag auf den anderen so durchstartet, das gibt es nur im Skispringen. Aber mir ist es trotzdem unerklärlich.“

          „Es funktioniert, dass ich nicht zu viel nachdenke.“

          Auch Schwein muss man dafür eben haben. Findet zumindest Diethart, der zum Start ins Jahr von seinem Vater Gernot ein rosa Plüsch-Ferkel geschenkt bekam. Doch mit dem Glücksbringer, der seinen Zweck zuverlässig erfüllt, soll es nicht getan sein. Denn der Junior hat zudem mit seinem Papa noch eine weitere „Sauerei“ geplant: „Er hat mir für meinen ersten Sieg ein echtes Schwein versprochen“, sagte er nach seinem Geniestreich am 1. Januar, „das muss er jetzt auch durchziehen.“

          Thomas Diethart ist als „Flachland-Tiroler“ eine Ausnahmeerscheinung in ÖSV-Kreisen. Er stammt aus dem Ort Michelhausen bei Wien, zweihundert Kilometer von der nächsten Schanze entfernt. „Die höchste Erhebung bei uns ist der Kirchturm“, sagt er, „sonst ist es völlig flach.“ Von klein auf zog es ihn aber hoch hinaus, wie er sich erinnert: Im Kindergarten hampelte er bevorzugt auf der Sprossenwand herum, später kraxelte er hinter der heimischen Garage die Kletterwand empor und hüpfte von ihrem Dach den Erwachsenen in die Arme. Zunächst fiel Schullehrern sein herausragendes athletisches Geschick auf, sie rieten ihm zum Turnverein. Als Teenager glückte ihm die Aufnahmeprüfung am Skigymnasium in Stams, dem Ausbildungszentrum des ÖSV.

          Jedes Wochenende pendelte sein Vater fortan durchs Land, um die Leidenschaft seines Jungen nach Möglichkeiten zu fördern. „Wir sind 50.000 Kilometer im Jahr gefahren“, sagt Gernot Diethart. Um Geld zu sparen, übernachteten er und seine Frau manchmal im Umkleidetrakt. Für zusätzliche Trainingsstunden daheim bauten sie eine Minirampe aus Holz. Die Gemeindeverwaltung unterstützte das forsche Flugprojekt mit einem Trampolin. Die Mühen lohnten sich. Als Diethart in Oberstdorf als Dritter erstmals aufs Siegespodest sprang, waren Vater und Mutter im Ziel zu Tränen gerührt. Der Sohn dagegen zeigt sich vom Trubel um seine Person ziemlich unbeeindruckt. „Es funktioniert, dass ich nicht zu viel nachdenke.“ Für seinen Chef der richtige Weg: Pointner riet dem Novizen, sich bei seiner traumhaft anmutenden Mission auch weiter nicht ablenken lassen von „Dingen, auf die wir keinen Einfluss haben“. Zum Beispiel den aufziehenden Sturm über Innsbruck.

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