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Skispringer Simon Ammann : Psychospiele der Perfektionisten

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Der etwas andere Auftritt: Skispringer Simon Ammann als Sportler des Jahres in der Schweiz Bild: dapd

Nach einem Winter, in dem ihm einfach alles glückte, zeigt Simon Ammann vor der Vierschanzentournee keine stabile Formkurve. Doch seine Konkurrenten erwarten von ihm wieder Wunderdinge - und womöglich eine technische Weiterentwicklung.

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          Medartis heißt ein Spezialunternehmen, das Titan-Implantate entwickelt und produziert, um gebrochene Knochen zu fixieren. Nichts, womit sich ein Sportler gerne beschäftigen möchte. Doch wird über die Firma unter Skispringern seit Jahresbeginn leidenschaftlich und kontrovers diskutiert: Die Skibindung für Simon Ammann war der große Coup der Medizintechniker aus Basel.

          Nicht geschäftlich - Medartis-Besitzer Thomas Straumann ist privat ebenso ein Skisprung-Mäzen wie schon sein Vater und Großvater und ließ seine Ingenieure die Bindung kostenlos entwickeln. Aber besser als mit einem Doppel-Olympiasieg und dem damit ausgelösten Neid der Österreicher hätte man kaum für den Erfindungsreichtum von Medartis werben können. Ein kleines Metallteil an der Bindung erlaubte Ammann eine günstigere Körperlage und Skihaltung in der Luft, das brachte Auftrieb, Stabilität und somit ruhigere, weitere Sprünge. Seit Vancouver tüfteln fast alle Mannschaften, um dem Schweizer Erfolgsgeheimnis auf die Spur zu kommen.

          Ingenieurskunst und der Spieltrieb des Unternehmens haben dem 29 Jahre alten Ammann in Vancouver die Olympiasiege Nummer drei und vier beschert. Acht Jahre nach seinem Doppel-Olympiasieg in Salt Lake City wurde er damit zu einer Legende seines Sports - und in der Schweiz abermals, wie 2002, „Sportler des Jahres“. Ammann sagte schon vor der Auszeichnung spitzbübisch, er freue sich, dass er in seiner Heimat inzwischen eine Wertschätzung habe, die man ja sonst nur Tennisprofis entgegenbringe.

          Über den Dächern von Oberstdorf: Ammann will im ersten Springen am Mittwoch glänzen

          „Der Gegenentwurf zum betont coolen Städter“

          Roger Federer wurde bei der Sportlerwahl vor Weihnachten Dritter, hinter Schwingerkönig Kilian Wenger (Schwingen ist eine in der Schweiz höchst beliebte Variante des Ringens). Wirtschaftlich hat Ammann den Abstand zu Weltstar Federer verkürzt; der Skispringer macht unter anderem Werbung für das Bankhaus Julius Bär oder den Uhrenhersteller Breitling. Als sein Ereignis des Jahres - nach der im Juni ohne großen Rummel vollzogenen Heirat mit Yana - nennt Ammann den Flug mit einem Jet der Breitling-Staffel. Ammann liebt das Fliegen in jeder Form, bald will er seinen Privatpilotenschein machen.

          Ohne Simon Ammann, schrieb der „Tagesanzeiger“, wäre die Schweizer Sportlerwahl „ etwa so aufregend gewesen wie ein Teller Haferbrei“. Ammann sorgte schon mit seiner Kleidung für Vergnügen im Saal und an den Bildschirmen. Nach seinen zwei Goldmedaillen 2002 machten ihn die Medien wegen seines Aussehens zum „Harry Potter des Skispringens“. Nun kam der frühere Zauberlehrling mit einer dickrandigen Brille, die aus der James-Bond-Parodie „Austin Powers“ hätte stammen können. Den Smoking mit Fliege trug er ebenso selbstverständlich wie die Lederschuhe, an deren Sohle gut sichtbar noch ein Etikett klebte.

          Er habe Wichtigeres zu tun gehabt, als die Sohlen seiner Schuhe zu überprüfen, sagte der Toggenburger Bauernsohn später schmunzelnd. Ammann gibt sich nicht nur volksnah, bodenständig und unverstellt, er ist es einfach. Er sei „der Gegenentwurf zum betont coolen Städter, der sich schon um seinen Ruf als smarter Weltbürger sorgt, wenn er einmal eine um Millimeter zu kurze Jeans trägt oder in der Disco über Gebühr freundlich in die Menge geblickt hat.

          Werbe- und Medienauftritte kosten Zeit und Energie

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