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Start der Vierschanzentournee : Warum Peter Prevc der große Favorit ist

  • -Aktualisiert am

Der Mann mit dem effektivsten Flugsystem: Peter Prevc aus Slowenien. Bild: dpa

Der schmächtige Slowene Peter Prevc dominiert in dieser Saison mit spielerischer Leichtigkeit das Skispringen. Der Ehrgeiz rührt aus einer Niederlage im Frühjahr her, die genaugenommen keine war.

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          Einer gegen alle! Selten schien sich die Favoritenfrage vor dem Start der Vierschanzentournee so eindeutig beantworten zu lassen wie in diesem Winter: Auf Peter Prevc lastet diesmal die schwere Bürde des chancenreichsten Sieganwärters. So – oder so ähnlich – klingen jedenfalls die meisten Einschätzungen aus dem Lager der Sportler und ihrer Betreuer.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Der schmächtige Slowene hat sich in den ersten Saisonwochen bis Weihnachten nicht den Hauch einer Schwäche erlaubt und gleichzeitig mit einer spielerisch anmutenden Leichtigkeit reihenweise seine Stärken präsentiert, dass selbst die Konkurrenten zuletzt bei der Generalprobe für den ersten Saisonhöhepunkt staunend und applaudierend im Zielbereich von Engelberg Spalier standen.

          Prevc gewann die beiden Weltcups am Fuße des Titlis auf eine souveräne Art und Weise, die Maßstäbe setzte. Unter anderem verbesserte er den Weitenrekord auf der Naturschanze des Schweizer Bergdorfs auf 142 Meter – damit düpierte er (bei gleichen Rahmenbedingungen) seine Verfolger um Längen. Und wollte sich hinterher bei einem seiner seltenen Interviews von seiner bescheidenen Seite zeigen, als er verkündete, dass die Leistung eigentlich nicht der Rede wert sei, weil er „ja immer versuche, noch besser zu werden“.

          Möglicherweise handelte es sich bei der Aussage um eine verkürzte Wiedergabe seiner Worte durch den Dolmetscher – denn Prevc selbst spricht lediglich seine Muttersprache fließend und Englisch in der Öffentlichkeit eher leidlich –, doch vielleicht war die Botschaft auch genau die, die seine Mitbewerber zwischen den Zeilen herausgehört zu haben glauben: Dass der schmächtige Mann mit dem strubbeligen braunen Haarschopf tatsächlich noch nicht all seine Möglichkeiten ausgereizt hat und im Laufe der kommenden zehn Tage, wenn es um jede Menge Renommee geht, erst richtig Ernst macht.

          Peter Prevc hängt Severin Freund ab

          Dass es in der Vergangenheit bei der Tournee dann oft anders kam, als es die Wochen zuvor nahegelegt hatten, ist eine der Erfahrungen, auf die unter anderem die Deutschen und ihr ebenfalls ambitionierter Team-Leader Severin Freund ihre Hoffnungen begründen.

          Im Gesamtweltcup haben Prevc sechs Wochen genügt, um sich einen formidablen Vorsprung zu verdienen. Nach den Auftritten in Klingenthal, Lillehammer (Norwegen), Nischni Tagil (Russland) und Engelberg hängte er den zweitplazierten Severin Freund schon um 165 Punkte ab. Und auch in der Qualifikation am Montag zum Springen in Oberstdorf setzte sich der Slowene vor dem Deutschen durch. An diesem Dienstag (17.15 Uhr / Live in der ARD, bei Eurosport und im Vierschanzentournee-Ticker bei FAZ.NET) ist er wieder der große Favorit beim ersten Wettbewerb.

          Peter Prevc redet nicht viel, er springt lieber allen anderen davon.
          Peter Prevc redet nicht viel, er springt lieber allen anderen davon. : Bild: dpa

          Prevc, der als sichtbares Zeichen seiner Dominanz im Gelben Trikot die Tournee beginnt, gelang zudem das Kunststück, an allen Orten auf dem Podium zu stehen. Viel eindrucksvoller hätte er seine momentane Überlegenheit kaum demonstrieren können. „Prevc ist in der Blüte seiner Jahre und echt gefährlich. Er und sein Umfeld sind bis in die Haarspitzen motiviert“, sagte der deutsche Bundestrainer Werner Schuster. Der Ehrgeiz rührt aus einer Niederlage im Frühjahr her, die genaugenommen keine war: Prevc, der auch schon Zweiter bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften war, musste sich im Gesamtweltcup Freund geschlagen geben.

          Mitte März, zum Ende einer fast fünfmonatigen Reise quer durch Europa inklusive eines Abstechers nach Asien, lagen beide punktgleich an der Spitze des Klassements. Der Verlauf des packenden Geschehens hätte zwei Gewinner verdient gehabt, doch das Reglement des Internationalen Skiverbandes sah vor, dass die große Kristallkugel für den Klassenbesten an Freund gehen musste - weil er in mehr Einzelwettbewerben vorne lag. In seiner Vorbereitung im Sommer habe er noch mal „zehn Prozent mehr gemacht“ als in den Jahren zuvor, berichtete Prevc zuletzt.

          „Seine Technik ist sehr stabil und die effektivste“

          Er ist kein Sprücheklopfer. In der Szene gilt er als schwer durchschaubarer Einzelgänger, dem alle mit Respekt begegnen, doch von dem niemand zu sagen vermag, was für ein Typ Mensch der Serien-Champion ist - weil er nur wenige an sich ran lässt und von sich aus das Gespräch kaum sucht. „Man sieht sich, man gratuliert ihm, alles sehr höflich und sehr nett, mehr aber auch nicht“, beschreibt der österreichische Chefcoach Heinz Kuttin seine Erfahrungen aus den bisherigen Begegnungen.

          Michael Hayböck, letztjähriger Tournee-Zweiter aus Kärnten, skizziert die gemeinsamen Momente im Warteraum der Sprungschanzen auch als nicht sonderlich abwechslungsreich: „Es fallen dann nur ein paar Worte, und man muss immer den Anfang machen, denn von sich aus kommt bei ihm eher weniger.“ Prevc lässt Taten für sich sprechen. Er springt derzeit noch stabiler und aggressiver, wobei es trotzdem ästhetisch anmutet, wie er die Ski zu einem breiten V in die Luft stellt, um die Aerodynamik bestmöglich für sich nutzen zu können. „Seine Technik ist sehr stabil und die effektivste, sein Flugsystem stimmt eigentlich immer“, sagte Stefan Kraft, der als Titelverteidiger in Oberstdorf antritt.

          Und das gelte momentan für jede Schanze und alle Bedingungen. Seit er zehn Jahre alt sei, erzählte Prevc, der im Februar im norwegischen Vikersund als erster Mensch einen Sprung über die als magische Grenze geltende 250-Meter-Marke sicher zu Ende brachte, arbeite er an seinem Stil. Bei den Punktrichtern kommt sein Formgefühl an. In Planica, auf der Skiflugschanze, belohnten sie ihn im März mit den denkbar besten Haltungsnoten: Sie zückten fünfmal die Tafel mit der Zahl Zwanzig.

          Auch Sven Hannawald sieht in Prevc einen Ausnahmekönner. Der bis heute letzte deutsche Tournee-Triumphator setzte einst selbst Maßstäbe. Rund um den Jahreswechsel 2001/2002 glückte ihm der bis heute einmalige Coup, vier Springen in Serie für sich zu entscheiden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihm jemand das Kunststück nachmacht, war seitdem kaum größer als in diesen Tagen vor der 64. Auflage der Traditionsveranstaltung.

          Die deutschen K.o.-Duelle beim ersten Tournee-Wettbewerb

          Zehn deutsche Skispringer haben sich für den Auftaktwettbewerb der 64. Vierschanzentournee in Oberstdorf qualifiziert. An diesem Dienstag kommt es im ersten Durchgang zu folgenden deutschen K.o.-Duellen:

          Karl Geiger (Oberstdorf) - Junshiro Kobayashi (Japan)
          Pius Paschke (Kiefersfelden) - Jurij Tepes (Slowenien)
          Andreas Wank (Hinterzarten) - Kamil Stoch (Polen)
          Michael Neumayer (Oberstdorf) - Domen Prevc (Slowenien)
          Richard Freitag (Aue) - Lukas Hlava (Tschechien)
          Stephan Leyhe (Willingen) - Kento Sakuyama (Japan)
          Andreas Wellinger (Ruhpolding) - Sebastian Colloredo (Italien)
          Markus Eisenbichler (Siegsdorf) - Michael Hayböck (Österreich)
          Marinus Kraus (Oberaudorf) - Johann Andre Forfang (Norwegen)
          Severin Freund (Rastbüchl) - Piotr Zyla (Polen)

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