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Skispringer Martin Schmitt : Wie ein Golfer, der seinen Schwung umstellt

  • -Aktualisiert am

Mit dem Ehrgeiz gesegnet, der ihn immer noch abheben lässt: Martin Schmitt Bild: dapd

Martin Schmitt fühlt sich mit 32 Jahren als Entwicklungsprojekt. Der Olympiasieger ist nach vielen Rückschlägen neue Wege gegangen, um wieder vorne zu sein - vielleicht schon bei der am Mittwoch beginnenden Vierschanzentournee.

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          Das beste Skisprung-Alter? Pascal Bodmer und Martin Schmitt sitzen sich gegenüber. „16“, sagt der eine - und grinst jugendlich unverschämt. „36“, der andere - und lacht über das ganze Gesicht. „Also zwischen 16 und 36.“ Der gemeinsame Nenner ist gefunden. Bodmer wird während der Vierschanzentournee 20, Schmitt kurz danach 33 - in diesem Sport ein Generationenunterschied. Der eine soll irgendwann, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft, eine neue deutsche Springerherrlichkeit begründen. Der andere steht für die Vergangenheit, in der deutsche Athleten das Maß aller Dinge in diesem Sport waren.

          Und er steht für einen, der nicht aufgibt, nicht aufgeben kann, nicht aufgeben will. Martin Schmitt vernimmt sie, die laut ausgesprochenen oder hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Fragen, die wie Vorwürfe klingen: Warum hört er denn nicht endlich auf? Olympiasieger war er, mit dem Team, zweimal Weltmeister, jeweils allein und mit der Mannschaft, hat Silber- und Bronzemedaillen gewonnen, den Gesamt-Weltcup und den Skiflug-Weltcup, hat 28 Weltcup-Siege erzielt.

          Doch immer häufiger ist er nicht mehr dabei, wenn die besten 30 Springer der Welt zum Finale Anlauf nehmen, ist ausgeschieden, sang- und klanglos, mitunter schon in der Qualifikation. Am Dienstag in Oberstdorf überstand er sie allerdings - sogar als Sechster. Das macht Mut für das erste Springen an diesem Mittwoch (16.00 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker zur Vierschanzentournee).

          „Ich gehe davon aus, dass ich in sehr guter Form sein werde”

          „Ich habe den Ehrgeiz, das Maximale aus mir rauszuholen“

          Trotzdem lautet die grundsätzliche Frage: Warum zieht er sich nicht zurück, warum quält er sich Sommer für Sommer, Winter für Winter, im Training, auf den Reisen über verschneite Straßen, vor Mikrofonen, in die er erklären muss, was ihn diesmal wieder am Erfolg gehindert habe? „Ich habe den Ehrgeiz, das Maximale aus mir rauszuholen“, sagt Martin Schmitt, „ich habe noch denselben Ehrgeiz wie vor zehn, fünfzehn Jahren in mir. Ohne diesen Ehrgeiz wäre ich nicht mehr hier.“

          Er hat viel dafür getan, um noch einmal dabei zu sein. In seinen 15 Jahren in der Weltklasse hat Schmitt technische Neuerungen und Regeln erlebt, die das Skispringen stark veränderten. Er musste sich umstellen, zuletzt in diesem Frühjahr und Sommer auf neue Ski - der Hersteller seiner bisherigen zieht sich aus dem Skispringen zurück - , und anpassen an ein neues Bindungssystem, das die Skisprung-Welt bewegt. „Ich vergleiche es mit einem Formel-1-Auto, das im einen Jahr maximal 850 PS haben darf - und im Jahr danach plötzlich 1300 PS. Da muss jeder Athlet schauen, wie er das noch auf die Straße kriegen kann“, sagt er.

          Schmitt entschied sich im Frühjahr für den nicht so einfachen Weg. Er unterzog sich einem individuellen Athletikprogramm und sagt von sich, er sei in seiner gesamten Karriere noch nie so fit gewesen. „Ich gehe davon aus, dass ich in sehr guter Form sein werde“, sagte er, als der Wettkampf-Winter noch nicht begonnen hatte. „Zu welchem Zeitpunkt ist schwer zu sagen.“ Schmitt lässt sich nicht beirren, wie immer ruht er in sich.

          „Man lernt jedes Jahr neue Dinge über sich und den Sprung“

          Andere Skisprung-Größen haben sich gewandelt, vom etwas verrückten „Harry Potter“ zum Simon Ammann oder vom überschäumenden „Morgi“ zum Thomas Morgenstern - Martin Schmitt ist einfach Martin Schmitt. In der Mannschaft ist er unumstritten, genießt aber genauso den frischen Wind, den etwa sein Zimmergenosse Pascal Bodmer ins Team brachte. Schmitt braucht Medientermine nicht für sein Selbstbewusstsein, aber er entzieht sich ihnen nicht. Mit den Transparenten, auf denen Teenager einst forderten: „Martin, ich will ein Kind von dir“, ging er genauso gelassen um wie jetzt mit den Rufen nach seinem Rücktritt. Seinen Sport, sein Skispringen betreibt er für sich - und nicht, um Heldenstatus zu erreichen.

          „Man lernt jedes Jahr neue Dinge über sich und den Sprung“, sagt er. „Das ist auch stets eine Frage, wie weit man bereit ist, sich zu entwickeln. Ich könnte sagen, ich mache, was ich kann, und reihe mich im sicheren vorderen Mittelfeld ein. Das ist nicht mein Ziel. Ich will auch mit 32 Jahren neue Wege gehen. Der Schritt ist sicher der mutigere, es kann auch danebengehen.“ Er will es wissen: „Ich will nicht irgendwann aufhören und denken, das hätte ich noch probieren sollen.“

          „Wenn er das durchhält, wird er später besser treffen als je zuvor“

          Der Bundestrainer gibt Schmitt die Chance zu diesem Entwicklungsprojekt, das noch auf mehrere Jahre angelegt ist. „Da muss man weit ausholen“, sagt Werner Schuster. „Er hat weit ausgeholt, und das geht nicht ohne Durchhänger.“ Er vergleicht Schmitt mit einem Golfer, der seinen Schwung umstellt und dann kurzzeitig gar nichts mehr treffe. „Aber wenn er das durchhält, wird er später besser treffen als je zuvor.“ Schmitt wolle nicht wieder einen mittelmäßigen Schlag haben, „er will nur noch ganz gut treffen“.

          So unverständlich es im Moment klingt: In Schmitts Umfeld sind alle Trainer der Meinung, irgendwann werde „der Knopf aufgehen - vielleicht morgen, vielleicht nächste Woche, vielleicht in einem Monat, vielleicht erst nächstes Jahr“, so Schuster. Vor knapp zwei Jahren wurde der schon Abgeschriebene immerhin WM-Zweiter, im vergangenen Winter in Vancouver olympischer Silbermedaillengewinner mit dem Team - obwohl er Wochen zuvor unter einem Erschöpfungssyndrom gelitten hatte. Nicht nur dafür, für seinen ganz eigenen Weg gelten Schusters Worte: „Meinen Respekt hat er.“

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