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Skispringer Domen Prevc : Sie haben Angst, weil er keine Angst hat

Domen Prevc ist erst 17 – und schon jetzt das vielversprechendste Talent der Slowenen Bild: AP

Der tollkühne Slowene Domen Prevc ist erst 17 – und ein Luftakrobat und Draufgänger, wie es ihn noch nicht gab. Keiner geht mit mehr Risiko über die Schanze. Aber nicht alle bewundern ihn.

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          Die Weltcup-Karawane macht über Weihnachten kurz Pause und zieht dann weiter. Ihre Hauptdarsteller sprechen, wenn sie über sich und ihre Kunst erzählen, wie sie für wenige Sekunden dem Traum vom Fliegen nahe kommen, gerne vom „Skisprung-Zirkus“. Und verstehen es als Eigenlob. In den Worten schwingt Bewunderung für alle jene Artisten mit, die in der klassischen Manege das Publikum unterhalten, es mit Zaubereien, Tricks und außergewöhnlichen Bravourstücken in Staunen versetzen. Rund um den Jahreswechsel sind es die gelenkigen Luftikusse, die mit ihrer Fertigkeit, sich Kopf voran auf zwei schmalen Ski hinunterzustürzen, Tausende Zuschauer in den Stadien und Millionen vor den Fernsehgeräten unterhalten wollen. Zunächst in Oberstdorf, dann an den übrigen drei Standorten der Vierschanzentournee, deren Sieger am 6. Januar in Bischofshofen in Österreich gekürt wird.

          Anwärter auf den Sieg bei der Traditionsveranstaltung, der für viele mehr wiegt als eine Olympiamedaille, gibt es eine Handvoll - und einen Favoriten, dem seine Konkurrenten inzwischen fast alles zutrauen: Domen Prevc. Er ist ein Skisprung-Akrobat wie wenige vor ihm. Der erst 17 Jahre alte Aufsteiger der Saison geht momentan mit einer Klasse und Kaltschnäuzigkeit zu Werke, die ihm eine Sonderrolle verschaffen. Sieben Springen gab es bis jetzt in Finnland, Norwegen, Deutschland und der Schweiz, bei vier davon segelte der slowenische Teenager in Sphären, in die keiner seiner Kollegen vordringen konnte.

          Vor zwölf Monaten kannten ihn die wenigsten. In Engelberg, bei der Generalprobe zur Tournee, forcierte Prevc seinen aggressiven Sprungstil derart, dass es aussah, „als ob er gleich in seine Ski beißen könnte“, wie es Sven Hannawald, der einst selbst Maßstäbe setzte, formulierte. Fast waagrecht lag das 1,74 Meter große Leichtgewicht über den Latten und verschaffte sich so eine aerodynamische Position, die ihn wie einen Pfeil ins Ziel sausen - und Fachleute wie Fans gleichermaßen den Atem stocken ließ.

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          Domen Prevc ragt im Weltcup-Klassement auf der Führungsposition deutlich heraus; der Vorsprung vor seinem sieben Jahre älteren Bruder Peter, der zuletzt im März als Sieger seinen Namen in die Plakette auf der großen Kristallkugel eingravieren lassen konnte, beträgt schon vierhundert Zähler. Und der Kleine macht nicht den Anschein, als würde er vor der Größe der nun bevorstehenden Aufgaben in Ehrfurcht erstarren: „Ich spüre überhaupt keinen Druck, mein Team ist großartig und gibt mir die Unterstützung, die ich brauche“, sagte er vor dem kurzen Heimaturlaub über Heiligabend, bei dem es rund um den Tannenbaum viel um Sport gegangen sein dürfte; außer seiner Mutter, einer gelernten Bibliothekarin, und der kleinen Schwester Ema, die unlängst in die erste Klasse kam, haben die Geschwister Cene (20 Jahre) und Nika (11), die ebenfalls aktiv springen, sowie der Vater, der ein Möbelgeschäft betreibt und nebenberuflich für den Internationalen Skiverband als Wertungsrichter arbeitet, eine enge Beziehung zur Weitenjagd.

          Auf der Schanze traut sich der 17-Jährige mehr als die Konkurrenz
          Auf der Schanze traut sich der 17-Jährige mehr als die Konkurrenz : Bild: dpa

          Junge Sieger-Typen gab es schon einige in der Historie des in der Saison 1979/1980 gegründeten Weltcups. Thomas Morgenstern, Gregor Schlierenzauer (beide Österreich) oder die Finnen Janne Ahonen und Toni Nieminen waren alle erst sechzehn und noch Halbwüchsige, als sie das erste Mal auf dem Podest ganz oben standen. Keiner von ihnen legte dabei eine Risikobereitschaft an den Tag wie die, mit der Domen Prevc gerade die Konkurrenz beeindruckt. Er geht vor dem Absprung noch tiefer in die Hocke als sein Bruder, der selbst über eine Technik und Athletik verfügt, mit der er unter anderem viele Angriffe seines deutschen Konkurrenten Severin Freund in der Vergangenheit konterte.

          Domen Prevc zeigt einen V-Stil, der noch breiter und tollkühner anmutet, sein Kopf ist dabei so weit nach vorne gebeugt, dass sein Helm fast unter die Ski zu rutschen scheint: „Domen macht sein eigenes Ding, und das ziemlich gut. Er zeigt Sprünge, von denen wir alle nur lernen können“, sagte Peter Prevc. „Das ist fliegerisch das Beste, was es jemals gab. Domen ist etwas Außergewöhnliches. Das ist Prevc 2.0“, meinte Werner Schuster, der Bundestrainer. Er findet, die Vorstellungen des Draufgängers zeichneten sich auch durch ihre „Unbekümmertheit“ aus.

          Prevc fehlt das „Gen der Angst“

          Für Alexander Stöckl, den Chefcoach der Norweger, fehlt „Domen das Gen der Angst“. Andere lassen kritischere Töne in ihren Bewertungen anklingen und bescheinigen dem Youngster einen Hang zur Bedenkenlosigkeit. Für Walter Hofer, den Renndirektor des internationalen Skiverbandes, ist der Draufgänger bei aller Popularität auch ein Kandidat, der ihm Kopfzerbrechen bereitet. Er habe Angst um ihn, weil Prevc keinerlei Anzeichen von Angst oder Respekt zeige, sagte der Österreicher. Hofer hofft, dass Prevc sein Glück nicht überstrapaziere und vor allem vor dem Skifliegen von den Coaches eindrücklich instruiert werde.

          Andreas Kofler, sein Landsmann, der 2009/2010 die Tournee schon einmal gewann und in einer Woche den nächsten Anlauf nimmt, erkennt im Elan des Debütanten ebenfalls jugendlichen Leichtsinn: „Man weiß natürlich nicht, wie das ausgeht. Aber es ist schon sehr extrem, sehr auffällig. Ich bin froh, dass ich gewisse Jahre hinter mir habe“, sagte der 32 Jahre alte Routinier. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich jetzt alles noch einmal so machen sollte - ich weiß nicht, ob ich da noch so eine Freude hätte. Jeder Sturz ist einer zu viel. Ich wünsche ihm, dass es gutgeht.“ Das Organisationskomitee der Tournee tut das garantiert auch. Städte und Skiklubs investierten in den vergangenen Jahren Hunderttausende Euro in Sicherheitsvorkehrungen. Netze und doppelte Böden, die Abstürze der Protagonisten in den Zirkus-Manegen im Zweifelsfall glimpflich enden lassen, wird es an den Schanzen aber nie geben.

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