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Skispringer Andreas Wellinger : Steil im Wind

Skispringer Andreas Wellinger will wieder ganz nach oben. Bild: dpa

Skispringer Andreas Wellinger war schon einmal ganz oben, dann kam sein Höhenflug ins Stocken. Jetzt feilt der Deutsche an einem neuen Angriff auf die Spitze.

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          Alles im grünen Bereich. Dem Winter, der noch nicht gezeigt hat, was zu leisten er wirklich imstande ist, haben sie ordentlich auf die Sprünge geholfen. In Engelberg sind es mehrere Tonnen Kunstschnee, die zumindest dem Hang am Fuße des Titlis eine vorweihnachtliche Anmutung verpassen.

          Auch die Schanze ist bis kurz vor der offiziellen Eröffnungsfeier ein Fall für die Handwerker: Nach mehr als vierzig Jahren hatte im Sommer die an manchen Stellen morsch gewordene Holzkonstruktion, von der sich Generationen in die Tiefe stürzten, ausgedient.

          Sie wich einem massiveren Bauwerk aus Beton, ausgestattet mit einer Keramikspur, die das Skispringen unabhängiger macht von Witterungseinflüssen. Bunte LED-Leuchtsignale signalisieren zudem künftig den Zuschauern das Herannahen der Athleten. Weiße, vom Himmel fallende Flocken sind da so oder so nur noch schöne Dekoration.

          Abschließende Formüberprüfung

          Traditionell gilt der Wettbewerb im Kanton Obwalden am letzten Adventswochenende als abschließende Formüberprüfung für einen der Saisonhöhepunkte: die Vierschanzentournee, die dieses Jahr am 29. Dezember in Oberstdorf beginnt. In Engelberg wird von den Teams noch einmal getestet, ob die Mischung von Mensch und Material einen wirklich erfolgversprechenden Eindruck macht.

          Im besten Fall lässt sich Selbstvertrauen gewinnen, oder aber es bleiben noch ein paar Tage, um gegenzusteuern. Zuletzt kam der Slowene Peter Prevc mit den Bedingungen in der Zentralschweiz am besten zurecht; vor zwölf Monaten triumphierte er überlegen, ließ sich kurz darauf als Champion bei der Tournee feiern und krönte seine Siegesserie mit dem Gewinn des Gesamtweltcups.

          Mittlerweile ist der 24-Jährige nicht mehr der einzige Prevc, der für Furore sorgt. Domen, sein jüngster Bruder, deutete an, dass er mindestens genauso viel Begabung mitbringt. Fünf Springen gab es seit dem Startschuss im November in ein arbeitsreiches Pflichtprogramm, das bis zum Frühling auch die nordischen Titelkämpfe in Lahti bereithält - bei drei der Veranstaltungen stand der 17-Jährige oben auf dem Podest.

          Ein Novum in der Springer-Historie

          Und nun, an diesem Wochenende, sorgt der slowenische Verband mit der Nominierung von Cene Prevc für ein Novum in der Springer-Historie: Drei Brüder machten noch bei keinem Weltcup gemeinsame Sache für ihr Heimatland. Cene Prevc, mit zwanzig Jahren der Mittlere im Geschwisterbund, empfahl sich im zweitklassigen Continental-Cup, der als Bühne der Talente gilt, für die Berufung in den Kreis der Weltelite.

          Bei der Auswahl des Deutschen Skiverbandes ist zunächst Feintuning angesagt. Ihr lange verletzter Vorzeigemann, Severin Freund, tüftelt nach seiner Hüftoperation weiterhin an der passenden Haltung während der Anfahrt zum Schanzentisch. Seine Kollegen deuteten mit vorderen Plazierungen ihr Potential an, erste Achtungsergebnisse stehen dabei zu Buche. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) wurde vor Wochenfrist in Lillehammer Dritter, Andreas Wellinger rutschte dort erstmals in die Top Ten. „Ein Aufwärtstrend“ sei zu erkennen, sagte Wellinger, „nach einem durchwachsenen Anfang ist die Tendenz nun positiv“.

          Er blickt anerkennend und abwartend zugleich auf die Leistung der konkurrierenden Höhenflieger, insbesondere die Entwicklung von Domen Prevc erinnert ihn an eigene Erfahrungen. Auch der Berchtesgadener katapultierte sich vor vier Jahren, in Engelberg, ins Rampenlicht. „Das, was er gerade erlebt, hatte ich anfangs auch“, erzählte Wellinger, „diese Unbekümmertheit macht einfach Spaß, wenn niemand von einem viel erwartet und man zeigen kann, was man draufhat.

          Wellinger um Beständigkeit bemüht

          Das kann einen anfänglich tragen.“ Wellingers Höhenflug bescherte ihm 2014 im Kreise der deutschen Team-Gefährten in Sotschi sogar schon Olympia-Gold, doch seitdem stockt sein Angriff auf die Spitze. „Routiniers“, so eine seiner Feststellungen, „haben weniger Schwankungen drin.“ Darum ist Wellinger aktuell vor allem um Beständigkeit bemüht. Dass ihm Folgen seines schweren Sturzes, bei dem es ihn vor zwei Jahren in Kuusamo verwirbelte und er aus mehreren Metern zu Boden krachte, noch zu schaffen machen, ist nicht erkennbar.

          Während der Sommer-Grand-Prix-Serie deutete er an, dass er wieder jene Leichtigkeit zurückerlangt hat, die ihm einst schon Toni Innauer bescheinigte. Die österreichische Ikone des Skispringens, inzwischen als ZDF-Experte bei Großereignissen vor Ort, nannte Wellinger einen „sehr hochkarätigen Rohdiamanten“. Dass er dazu imstande ist, dauerhaft aus der Reihe der Mitbewerber glänzend hervorzutreten, ist das Ziel des Bayern. Die Chancen, dass sich Fortschritte erzielen lassen, sind größer geworden.

          Sein Abitur, das ihn Zeit und Nerven kostete, hat er mittlerweile in der Tasche, neuerdings hat Wellinger sich für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule in Ismaning eingeschrieben, die Profisportlern durch wenige Präsenzpflichten Freiräume lässt. „Ich war schon einmal oben und weiß, dass ich nicht der Allerschlechteste bin“, sagte Wellinger couragiert, er fügt aber auch selbstkritisch an, „dass es zum Glück noch ausreichend Dinge gibt, an denen ich arbeiten kann“.

          Zum Beispiel biete er oft dem Wind durch zu steil gestellte Ski noch zu viel Angriffsfläche, was mit bloßem Auge für Laien kaum erkennbar sei, aber spürbare Folgen mit sich bringe: Ein Kilometer pro Stunde weniger könne am Ende vier Meter weniger Weite bedeuten, rechnete der BWL-Student vor, „da kann ich ansetzen“. Engelberg bietet den passenden Rahmen für die Probe aufs Exempel.

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