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Skispringer Andreas Wellinger : Die Saat ist aufgegangen

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Nur fliegen ist schöner: Andreas Wellinger bei der Vierschanzentournee Bild: dpa

Andreas Wellinger ist erst 18 Jahre alt. Doch er zählt schon jetzt zu den besten deutschen Skispringern. Den Erwartungsdruck nimmt Wellinger mit jugendlicher Gelassenheit.

          3 Min.

          Hawaii muss warten. Für den Traum von der Reise in das Surfer-Paradies, den er sich gerne zu seinem 18. Geburtstag erfüllt hätte, fand sich zuletzt in seinem prall gefüllten Terminkalender kein Platz. Und die Suche nach dem nötigen Freiraum für den Trip auf die Pazifikinsel wird, Stand jetzt, auf absehbare Zeit kompliziert bleiben.

          Für Skispringer Andreas Wellinger mangelte es in der Vorbereitung auf seine zweite Weltcup-Saison nicht an Pflichtveranstaltungen. Der aus dem kleinen Ort Weißbach in Oberbayern stammende Teenager geht mit großen sportlichen Ambitionen in den Olympia-Winter, in dem er als Elftklässler des Ski-Internats in Berchtesgaden ganz nebenbei auch die schulische Grundlage legen will, damit das Abitur im kommenden Schuljahr ordentlich ausfällt.

          So waren Mußestunden in den zurückliegenden Wochen für Wellinger eher selten, zumal er auch eine weitere Bewährungsprobe zu bestehen hatte: den Erwerb des Führerscheins. Angesichts der Vielfalt der Verpflichtungen konnte er sich nur eine kurze Auszeit aus dem weitgehend verplanten Alltag gestatten: Gemeinsam mit Team-Kollegen flog Wellinger nach Marbella.

          Doch auch in der Sonne Südspaniens hielt er seine Füße nicht wirklich still: Das Bewegungstalent, das eines nicht allzu fernen Tages durch die Wellen in der Bucht vor Honolulu reiten möchte, versuchte sich am Strand als Animateur und bat die Gruppe der Mitreisenden um Severin Freund der Reihe nach auf die glitschigen Surfboards.

          Wellinger hat auch Spaß an anderen Sportarten

          Von sichtbarem Erfolg war das Unterfangen, wie Wellinger einräumt, auf die Schnelle nicht unbedingt gekrönt: „Jeder von ihnen hat ordentlich Salzwasser geschluckt.“ Doch weil nicht zuletzt der Spaß im Mittelpunkt der Aktion stand, habe sich der Abstecher nach Andalusien gelohnt.

          Wellinger bezeichnet die Kader-Athleten, mit denen er fast ein Drittel des Jahres zusammen ist, als „eine Art Familie“, in der „jeder von dem anderen lernen kann“. In allen Lebenslagen.

          „Unsere Saat ist aufgegangen“

          Sein Eindruck nach den ersten Sprüngen auf Schnee im sächsischen Klingenthal, wo das deutsche Team am Samstag zum Saisonauftakt im von Winde verwehten und nach dem ersten Durchgang abgebrochenen Mannschaftswettbewerb hinter Slowenien den zweiten Platz erreichte, klingt denn auch reichlich optimistisch: „Wir haben’s drauf.“

          Wobei nicht zuletzt auch Wellingers Frühform den Bundestrainer zu einer mutigen Prognose veranlasst: „Unsere Saat ist aufgegangen. Jetzt sind wir in der Lage, die Früchte zu ernten“, sagt Werner Schuster, der seine Leute bei der Vier-Schanzen-Tournee oder Olympia in Sotschi auf dem Treppchen sehen möchte.

          „Wir haben’s drauf“: Wellinger geht optimistisch in die Saison

          Auch Wellinger besitzt bereits das Potential, um beim Kampf um Weite und Haltungsnoten gegen die Konkurrenz aus Österreich, Polen, Norwegen oder Russland zu punkten. Im September entschied er - als dritter Deutscher nach Sven Hannawald und Andreas Wank - die Gesamtwertung im Sommer-Grand-Prix für sich. Ein Ergebnis, das die Zuversicht mehrte, „dass ich auf dem richtigen Weg bin“, wie sich Wellinger ausdrückte.

          Er bestätigte mit den erstklassigen Resultaten beim Mattenspringen seine guten Eindrücke des Vorjahres, als er als Einsteiger auf Anhieb die etablierten Kräfteverhältnisse an der Spitze des Klassements aufmischte.

          Wellinger ist ein „Instinktspringer“

          Auf den Schanzen im norwegischen Lillehammer und in Engelberg (Schweiz) fehlten ihm bloß wenige Meter zum ersten Sieg, die Vier-Schanzen-Tournee beschloss er bei seiner Premiere als Neunter des Gesamtwertung überaus respektabel, ehe die ungewohnte Belastung im Frühjahr zu einem Mangel an Kraft und Konzentration führte, so dass er da nicht mehr ganz so häufig im Rampenlicht stand; was Schuster freilich als „normale Entwicklung bei so einem jungen Mann“ wertete.

          Viel wichtiger sei, dass Wellinger neben der guten körperlichen Verfassung eine entscheidende Voraussetzung mitbringe, die ihn von vielen Mitbewerbern unterscheide: Wellinger nennt er einen „Instinktspringer“, der „völlig klar im Kopf ist“. Er sei „arbeitsam“ wie nur wenige andere und bringe ein „enormes Potential“ mit, das es behutsam und gezielt im Training auszubauen und abzurufen gelte.

          Zwei Seelen wohnen in seiner Brust: Wellinger springt und surft gerne

          Vor allem eine Begebenheit aus dem Frühjahr bestärkt Schuster in seiner Hoffnung, mit Wellinger einen Medaillen-Kandidaten gefunden zu haben: Ende März verlor der schmale Bursche beim Skifliegen in Planica (Slowenien) im Probedurchgang die Balance in der Luft, knallte auf den Hang und rutschte mit gebrochenem Ski den Hügel herunter - und doch kletterte er keine sechzig Minuten später wieder auf die Schanze hinauf und segelte, mit „großen Herzklopfen“, wie er heute schildert, zweihundert Meter weit. Schuster nennt die Szenen ein „Schlüsselerlebnis“ und „Meilenstein“ in der Entwicklung des Newcomers: „An guten Tagen kann er schon jetzt alle schlagen.“

          An diesem Sonntag (Start um 13.30 Uhr) werden ihm bei der ersten Solo-Tour des beginnenden Winters 15.000 Besucher zuschauen. Wellinger nimmt den Erwartungsdruck vor dem Debüt im Vogtland mit einer jugendlichen Gelassenheit, die sich als zusätzliche Stärke entpuppen kann: „Es gibt viele, die älter sind als ich, die müssen was erreichen. Und ich darf.“

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