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Skispringer Simon Ammann : Die Kunst der Leichtigkeit

Tüftler der Lüfte: Simon Ammann baut auf seine feine Technik Bild: AFP

In Sotschi will der Harry Potter der Lüfte seine eindrucksvolle Olympia-Trilogie vollenden. Mit Zauberei hat die Kunst des Skispringers Simon Ammann nichts zu tun.

          3 Min.

          Alles ein wenig undurchschaubar. Und das lag nicht nur allein daran, dass zeitweise dicke Wolken die Gipfel fest umschlungen hatten. Vom Titlis, dem 3200 Meter hohen Berg, der das Panorama von Engelberg bestimmt, war während der Qualifikation kaum etwas zu erkennen: Die Natur hatte ihm ein Gewand verpasst, das wie ein gigantischer Wattebausch aussah.

          Für die Skispringer, die am Fuß der steil aufragenden Felswände auf der Schanze zu Tal hüpften, war der Auftakt des Wochenendes in Teilen eine trübe Veranstaltung, womit die nebligen Rahmenbedingungen den Saisonverlauf passend bebilderten: Am Samstag, als die Sonne endlich die Grauschleier vertrieb, stand der Pole Jan Ziobro glänzend da. Sein Überraschungserfolg bestätigte den Trend: Noch ist im Weltcup kein Serienchampion in Sicht, der sich mit einer Extraportion Selbstvertrauen in diesem Olympia-Winter von der Konkurrenz abhebt; bislang gab es sieben unterschiedliche Sieger.

          Die fehlende Konstanz ist noch ein steter Begleiter aller Beteiligten. Auch Simon Ammann macht da keine Ausnahme. „Es gibt einiges an Arbeit zu erledigen“, sagt der 32-Jährige. Der Schweizer wurde in Teil eins seines Heimspiels Elfter. Das Augenmerk der Kollegen ist ihm in diesen Wochen trotzdem sicher. Sie wissen aus Erfahrung nur zu gut, dass der kleine Mann mit dem großen Bewegungstalent in der Vergangenheit stets dann zu außerordentlichen Leistungen imstande war, sobald die Randsportart international in den Blickpunkt rückte: Wenn es im Zeichen der fünf olympischen Ringe ernst wurde, schlug die Stunde des Flugkünstlers, der auch in seiner Freizeit als Pilot gerne den Boden unter den Füßen verliert.

          Zwei Goldmedaillen in Vancouver 2010, zuvor zwei Goldene in Salt Lake City 2002
          Zwei Goldmedaillen in Vancouver 2010, zuvor zwei Goldene in Salt Lake City 2002 : Bild: AFP

          Ammann ist viermaliger Olympiasieger. In Salt Lake City (2002) und Vancouver (2010) düpierte er im Alleingang die vorher wesentlich besser eingeschätzten Gegner und gewann jeweils Gold von der Groß- und der Normalschanze. Boulevardmedien in seiner Heimat verpassten ihm für seine märchenhaften Meisterstreiche und aufgrund äußerer Ähnlichkeiten mit dem Schauspieler Daniel Radcliffe den Spitznamen „Harry Potter“. Doch Ammanns Glückssträhne hatte mit phantastischer Magie nichts zu tun.

          Auf Olympia freut er sich - auch in Sotschi

          Er ist seit jeher ein Tüftler, wie es nur wenige in seinem Metier gibt; er kann stundenlang über Flugkurven und Anlaufgeschwindigkeiten sinnieren. Zudem ist er anders als mancher Eigenbrötler in seinem Umfeld offen für Ratschläge; mit der Idee, die ihm Schweizer Ingenieure antrugen, den Bindungsstab an seinen Schuhen zu krümmen und damit den Ski stabiler in der Luft führen zu können, verschaffte er sich vor drei Jahren kurz vor Olympia einen Vorteil, mit dem er besonders seinen Hauptkonkurrenten, den Österreichern, (psychologisch) entscheidend zusetzte.

          Olympische Spiele sind sein Metier: Ammann hat die Hoffnung, „dass es zwei schöne Wochen für die Sportler werden können“
          Olympische Spiele sind sein Metier: Ammann hat die Hoffnung, „dass es zwei schöne Wochen für die Sportler werden können“ : Bild: AP

          Doch sein Hang zur Perfektion ist zugleich auch eine Schwäche. Ammann lebt von seiner feinen Technik und weniger von der körperlichen Konstitution. Sobald in seinem Ablaufplan unerwartete Schwierigkeiten auftauchen, gerät das ganze Sprungsystem leicht ins Wanken, weil er sich schnell zu viele Gedanken macht. Und der Kopf ist für ihn mindestens genauso wichtig wie der Rest des drahtigen Körpers. „Die Leichtigkeit“, sagt Ammann durchaus doppeldeutig, „muss da sein.“ Er selbst habe seit 2011 „viel anders gemacht“, um sich unter anderem auf neue Anzugsvorschriften einzustellen. Es dauerte, bis er sich mit den Veränderungen arrangieren konnte, erst in der zurückliegenden Vorbereitung, die nahezu ohne Modifikationen blieb, habe er zur lange vermissten „Ruhe zurückgefunden“.

          Ammann hat das Gefühl, „dass jetzt wieder alles stimmt“. Die Zeit für einen Rücktritt vom Leistungssport, über den er nach ernüchternden Zwischenergebnissen nachgedacht hatte, sei „noch nicht gekommen“. Auf Sotschi blickt er mit besonderer Vorfreude. Auch weil er mit einer gebürtigen Russin verheiratet ist, besitzen seine Verbindungen zu dem Land „eine gewisse Tiefe“. Ammann sagt, er habe das Riesenreich „immer von seiner sympathischen Seite kennengelernt“.

          Ein Sieg bei der Vierschanzentournee fehlt noch

          Er sehe Olympia am Schwarzen Meer, trotz aller berechtigten Kritik an der Politik, mit der das Putin-Regime die Veranstaltung für ihre Zwecke missbraucht, „eher klassisch“, und er glaube, „dass es zwei schöne Wochen für die Sportler werden können“. Ammann geht mit der Absicht an den Start, seine Olympia-Trilogie eindrucksvoll zu Ende zu bringen.

          Um sich bestmöglich vorzubereiten, hat er viele Übungseinheiten in Oberstdorf absolviert, weil die Schanze dort der in Sotschi ähnelt. In Oberstdorf findet auch der Auftakt zur Vierschanzentournee statt. Und wer hier gut abschneidet, hat oft auch im weiteren Verlauf gut lachen. Bestenfalls machen sich seine Überstunden also doppelt bezahlt. Ein Sieg bei dem Traditionsereignis rund um Silvester ist der einzige Triumph, der Ammann in seiner beeindruckenden Titelsammlung fehlt.

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