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Skispringen : Uhrmann stört die Party von Malysz

Liegt gut in der Luft: Michael Uhrmann Bild: dpa

Spätestens seit Samstag dürfte Michael Uhrmann wissen, wie es sich anfühlt, das Tennisturnier von Wimbledon zu gewinnen oder die Touretappe nach Alpe d'Huez oder ein Fußballspiel im ausverkauften Münchner Olympiastadion.

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          Spätestens seit Samstag dürfte Michael Uhrmann wissen, wie es sich anfühlt, das Tennisturnier von Wimbledon zu gewinnen, die Touretappe nach Alpe d'Huez oder, was ihn als Bayer und Bayern-Fan besonders bewegen dürfte, wie es ist, im ausverkauften Olympiastadion den Siegtreffer zu schießen. Durch einen Sturm der Begeisterung flog er am Samstagabend zum Auswärtssieg beim Nachtspringen von Zakopane, der wohl überdrehtesten und zugleich sympathischsten Veranstaltung des Weltpokals. Uhrmann störte nicht, daß der Großteil des frenetischen Jubels kaum ihm galt, sondern dem überraschend wieder erstarkten polnischen Weltcupsieger und dreimaligen Weltmeister Adam Malysz, der auf Platz zwei sprang. "Es ist ein Riesenerlebnis, Malysz in dessen eigenem Haus geschlagen zu haben", schwärmte der 25 Jahre alte Uhrmann im Auslauf nach dem ersten Sieg im Weltcup. "Die Zuschauer haben mich angefeuert wie bei einem Heimspiel."

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Unter gleißendem Flutlicht und über einem Meer aus rot-weißen Flaggen sowie rot-weißen Kopfbedeckungen - 32000 Zuschauer im modernisierten Stadion an der modernisierten Wiela-Krokiew-Schanze und mindestens noch einmal ebensoviele vor den Absperrungen - war der Athlet aus einer Sportfördergruppe des Bundesgrenzschutzes 134 und 126,5 Meter weit geflogen. Der zweite Sprung begann, als Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski noch fernsehwirksam und gestenreich die Rückkehr von Malysz aus der Formkrise bejubelte, so als hätte der kleine Skispringer gerade die Nation gerettet.

          Der insgesamt dreitägige Besuch des Präsidenten am Fuß der Tatra, seine Begleitung durch zwei Regierungsmitglieder und acht Botschafter aus Warschau gaben der Veranstaltung das Gewicht, das ihr im gesellschaftlichen Leben Polens zukommt. "Im Winter ist Zakopane die Hauptstadt", sagt Jerzy Zakrzewski vom polnischen Skiverband. "Von vierzig Millionen Polen hat eine Million Geld. Zehn Prozent von ihnen sind zum Weltcup hier." Allein achthundert Ehrengäste waren zu betreuen und von ebenso vielen Polizisten und privaten Sicherheitsleuten zu bewachen. Der ständig über dem Stadion knatternde Hubschrauber, die sich bei jedem Durchgang drohend aufbauenden schwarzen Sheriffs und der für gut eine Million Euro neu gebaute Metallzaun ums Stadion taten der Stimmung keinen Abbruch. Waren Begeisterung und Hysterie vor zwei Jahren noch so überbordend, daß der deutsche Springer Sven Hannawald und Bundestrainer Reinhard Heß sich bedroht fühlten und der Abbruch der Veranstaltung im Chaos drohte, herrschten diesmal, einigermaßen in Bahnen gelenkt, Freude und Miteinander. Der Stadionsprecher, mit Discjockey, Schlagzeuger, Sänger und Beleuchter auf einer Bühne, hielt das Publikum in Bewegung, so daß es möglicherweise auch ohne Alkohol warm blieb. Die Leute schwenkten Fahnen, sangen und stießen mit solcher Macht in Kunststoff-Fanfaren, daß allein der Lärm die Springer vom Schanzentisch zu tragen schien.

          Während vor allem am Samstag, als von den sieben neuen Flutlichtmasten die Scheinwerfer in die Nacht strahlten und im Stadion Stimmung herrschte wie in der Disco, warteten draußen auf einem riesigen Jahrmarkt Männer mit Pferdeschlitten und Frauen mit Räucherkäse oder eingelegten Gurken auf Kundschaft. Weltcup in Zakopane ist ein internationales Volksfest mit polnischen Eigenheiten. "Dziekuje", rief das Publikum im Chor, als sein Adam Malysz sich nahe dem Sicherheitszaun umarmen ließ, im Sprechchor: "Danke, Danke, Danke!" Malysz war nicht nur durch seine weiten Flüge in Vorleistung getreten. Er hatte seine Fans zum Wochenende als "das beste Publikum der Welt" gelobt.

          "Das Beste sind die Zuschauer hier", sagte auch Hannawald, der am Samstagabend als Dreißigster buchstäblich abgestürzt war mit einem zweiten Sprung von nur 105 Metern - und der danach enttäuscht abreiste. "In der Partystimmung machen sich Zakopane und Willingen sicher Konkurrenz", fand sein Mannschaftskamerad Martin Schmitt, "ein Super-Publikum!" Jens Weißflog als ZDF-Experte urteilte gar: "Zakopane stellt alle anderen Springen in den Schatten, auch Willingen, die Vierschanzentournee und die skandinavischen Wettbewerbe." Nur schade, daß er zu seiner aktiven Zeit noch nichts davon hatte: "Das hat alles mit Malysz begonnen."

          Bei so viel Lob durfte der Sieger sich durchaus ein wenig Lokalpatriotismus gönnen. "Der erste bayrische Sieg seit Andy Bauer 1987 in Garmisch", freute sich Uhrmann, der aus Rastbüchl stammt. Lange stand er im Schatten von Hannawald und Schmitt, er litt auch immer wieder unter Verletzungen.. Der Junioren-Weltmeister von 1996 dachte besonders intensiv an zu Hause. Am Samstag feierte sein Vater Alois, der ihm das Skispringen beigebracht hat, seinen 57. Geburtstag. Uhrmann, sportlich zwar immer auf dem Sprung, ist im Privatleben dabei, sich auch ein Nest zu bauen: gemeinsam mit der Lebensgefährtin ein eigenes Haus.

          Selbstverständlich ging es am Samstagabend, obwohl der Wettbewerb am Sonntag weiterging, zur Feier des Tages in Mannschaftsstärke an die Hotelbar. Nun hatte Uhrmann endlich sportlich das geleistet, was er sonst humoristisch versucht: den Druck von der Mannschaft zu nehmen. Der erste Sieg des in den vergangenen Jahren so sehr vom Erfolg verwöhnten Teams ist auch der außergewöhnlichen Stimmung von Zakopane zu verdanken. Zwei Mal hatte Uhrmann früher bereits die Chance gehabt, als Erster des ersten Durchgangs zu siegen, beide Male in Trondheim. Beide Gelegenheiten vergab er. Hier nun nahm er sich nicht mehr vor, als die Atmosphäre zu genießen - und wurde von ihr zum Sieg getragen. Nach den Trondheim-Erfahrungen wurde schon über ein "Kopfproblem" diskutiert. "Ich brauche keinen Psychologen", sagte er trotzig. "Es ist doch viel schöner, da ich den ersten Sieg vor dieser Kulisse in Zakopane und nicht vor nur 3000 Zuschauern in Trondheim geholt habe."

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