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Skispringen : Liegt die Zukunft in Osteuropa und Asien?

  • -Aktualisiert am

Hoch und weit: Auch Michael Uhrmann fliegt bald in Richtung Osten Bild: dpa/dpaweb

Auch weil die deutschen Stars in der Krise stecken, heißt das Moto in dieser Winterbranche: „Go East“.

          3 Min.

          Für eine Randsportart hat es Skispringen schon ganz schön weit gebracht. Das liegt einerseits an der starken Marke Vierschanzentournee, die seit mehr als einem halben Jahrhundert rund um den Jahreswechsel das Publikum fesselt wie kaum eine andere der regelmäßig wiederkehrenden Sportveranstaltungen.

          Andererseits betreibt der Internationale Skiverband (FIS) seit einigen Jahren eine geschickte Expansionspolitik. Zwar ist die Sportart noch weit von globaler Bedeutung entfernt, doch sind Nordeuropa und die Alpenländer längst nicht mehr unter sich. Weiter hinein nach Ost- und nach Südosteuropa drängt die FIS ebenso wie nach Asien, wo die Japaner inzwischen Konkurrenz von Südkorea oder von China spüren.

          Kein Witz

          Wolfgang Steiert, der frühere deutsche Bundestrainer, hat gerade die russische Equipe übernommen; der frühere DDR-Spitzenspringer Jochen Danneberg trainiert die Südkoreaner; der Österreicher Heinz Koch bemüht sich - zusammen mit einem Landsmann aus der Computer-Branche als keinesfalls altruistischem Geldgeber - seit zwei Jahren um die chinesische Mannschaft; die Österreicher Heinz Kuttin und Stefan Horngacher verdingen sich in Polen, um die Zeit nach Adam Malysz vorzubereiten.

          Ein Chinese im Hauptfeld der Vierschanzentournee, das hätte man vor kurzem noch als Witz aufgefaßt. In Oberstdorf wurde es vor wenigen Tagen Wirklichkeit. FIS-Sprungdirektor Walter Hofer ist überzeugt, daß die Chinesen wie bereits in zahlreichen Sommersportarten aufholen werden. In Zukunft erwartet der Funktionär auch mehr Teams aus dem Baltikum.

          Zuschauerschwund hier, Boom dort

          Die Basis für den Sport verbreitert sich also durch immer mehr beteiligte Länder. Solchen Erfolgsmeldungen steht die Klage in traditionellen Regionen Deutschlands und Österreichs über Zuschauerschwund entgegen. Bei der 53. Vierschanzentournee haben sich bislang an allen Schauplätzen, Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck, Lücken aufgetan an den Schanzen.

          Das Bischofshofener Finale an diesem Donnerstag wird wohl keine Ausnahme darstellen. Dies kann an den gepfefferten Eintrittspreisen liegen. Weil aber auch der Fernsehsender RTL, gemessen an früheren Jahren, mindestens ein bis zwei Millionen Kunden bei seinen Übertragungen vermißt, ist davon auszugehen, daß Skispringen sich nicht mehr so einfach als Event vermarkten läßt.

          Durchschnittliches ist nicht sexy

          Vor allem für den deutschen Markt gibt es eine naheliegende Erklärung: Die Erfolgsserien von Hannawald und Schmitt sind Vergangenheit, und analog zu den deutschen Plazierungen pendeln sich die Fernsehquoten im Mittelfeld ein. Durchschnittliches ist nicht sexy, sagen die Fernsehmacher. Daß Erfolg dagegen niemals langweilig wird, belegt Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher, dem bei RTL die Menschen unverdrossen zusehen.

          Aus dem deutschen Lamento entsteht für die FIS noch keine Krise ihres Produkts, auch wenn man sich bewußt ist, daß die vielen aus Deutschland stammenden Sponsoren von Tournee und Weltcup die Entwicklung genau beobachten - und bei einer ungünstigen Kosten-Nutzen-Rechnung schnell Abschied nehmen könnten. Hofer verweist jedoch auf die Zahlen im europäischen Ausland; in Finnland, Norwegen, Slowenien oder auch in Polen erreicht das Fernsehen Marktanteile von fünfzig bis siebzig Prozent.

          Bedrohung für den DSV

          Darin und im Aufschwung neuer Nationen im Skispringen steckt langfristig für den Deutschen Skiverband (DSV) eine Bedrohung. Denn derzeit finden an vier deutschen Orten Weltcupspringen statt, neben der Tournee noch in Willingen und in Titisee-Neustadt. In Ruhpolding, in Oberhof und in Sachsen existieren oder entstehen weitere Schanzen, die alle bespielt sein wollen.

          Auf weitere Weltcups darf der DSV jedoch nicht hoffen. Früher oder später wird die FIS sogar nicht darum herumkommen, den Deutschen ein oder zwei Wettbewerbe wegzunehmen, um anderen die Gastgeberrolle anbieten zu können. Der Weltcupkalender läßt sich nicht mehr ausdehnen; von Dezember bis März fühlen sich die Springer ohnehin schon von Ort zu Ort gehetzt. So lange wie möglich wird der DSV sich dem Trend zu neuen Veranstaltern entgegenstemmen müssen, denn Fernseh- und Sponsoreneinnahmen sowie Talentzulauf hängen nicht zuletzt mit den eigenen Großwettbewerben als Schaufenstern des Skispringens zusammen.

          Versäumnisse in der Jugendförderung

          Jens Weißflog, der Star der achtziger und neunziger Jahre, hat den DSV vor einer Entwicklung wie im Tennis nach Becker, Stich und Graf gewarnt. Skispringen nach Hannawald und Schmitt - in der Tat muß in Hoch-Zeiten Nachwuchs aufgebaut und das wirtschaftliche Fundament gesichert werden. Gerade in der Jugendarbeit sieht Weißflog Versäumnisse. Auf jeden Fall drängen Mitbewerber ins Skispringen, die äußerst zielstrebig vorgehen. Daran kann sich womöglich auch ein langjähriges Vorbild wie der DSV neu orientieren.

          Bei den kommenden Weltmeisterschaften Mitte Februar in Oberstdorf oder bei Olympia in Turin 2006 wird es für China und Co. noch nichts zu gewinnen geben. Doch spätestens die übernächsten Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver, davon sind viele überzeugt, dürften eine veränderte Wintersportwelt zeigen. Zhandong Tian wird dann 27 Jahre alt sein, so alt wie der finnische Tournee-Star Janne Ahonen heute. Vielleicht sollte man sich den Namen des Chinesen einfach mal merken.

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