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Skispringen : Eine eigene Bühne für Adam Malysz

Sieg Nr. 25: Adam Malysz Bild: REUTERS

Die Polen haben den Weltcup von Harrachov gerettet. Zum einen Adam Malysz, der mehrmalige Weltmeister, dem hier nah der Heimat sein 25. Weltcupsieg gelang. Zum anderen seine nach Tausenden zählenden Landsleute, die über die nur zwei Kilometer von Harrachov entfernte Grenze zur tschechischen Chance kamen.

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          Die Polen haben den Weltcup von Harrachov gerettet. Zum einen war es Adam Malysz, der mehrmalige Weltmeister, dem am Samstag sein 25. Weltcupsieg just gelang, als er endlich wieder nah der Heimat war; nur das Riesengebirge lag zwischen ihm und seiner polnischen Heimat. Zum anderen waren es die nach Tausenden zählenden Fans, die über die nur zwei Kilometer von Harrachov entfernte Grenze gekommen waren und das Desinteresse des tschechischen Publikums ausglichen - von den angeblich 12000 Zuschauern auf den für 40000 eingerichteten Rängen machten am Samstag die Fans mit den rot-weißen Fahnen, rot-weißen Hüten und roten Signalhörnern drei Viertel aus.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          "Die Leute aus Polen haben mir sehr geholfen", sagte Malysz nach dem Wettkampf, den er mit Sprüngen von 143 und 136 Metern (284,2 Punkte) gewann und in dem der Finne Janne Ahonen (141 und 136,5/279) nach vier Siegen zum ersten Mal in diesem Winter nicht gewann und Zweiter wurde. Er habe vor der Saison einen Monat lang auf einer kleinen Schanze trainiert und deshalb eine Weile gebraucht, um auf den Großschanzen in Form zu kommen. "Jetzt will ich zeigen, daß ich noch besser bin", sagte Malysz - und er sagte es auf deutsch.

          Strategischer Sprung

          Mag sein, daß der schmächtige Pole mit dem Schnauzbart zu einem strategischen Sprung angesetzt hat, der auch auf den deutschen Markt zielt. Walter Hofer jedenfalls ist auf dem Sprung. "Mit Harrachov stehen wir am Anfang", sagt der Direktor des Weltcups. "Sportlich kommt eine neue Generation, in deren Mittelbau auch die Tschechen eine große Rolle spielen werden. Und wir liegen im Einzugsgebiet von Tschechien, Polen und Deutschland." Strategisch weitet Hofer den Weltcup immer weiter aus. An 19 Orten finden die 28 Springen dieses Winters statt, und womöglich wird Wolfgang Steiert, der gerade abgelöste Bundestrainer, beim größten Schritt des Skisprung-Weltcups nach Osten helfen. In Harrachov jedenfalls fehlten die russischen Springer, obwohl sie gemeldet hatten, und Hofer orakelte, daß sie vermutlich aus wichtigem Grund nach Hause gerufen worden waren.

          Der Grund ist Steiert. Zur Vierschanzentournee, die am 29. Dezember in Oberstdorf beginnt, will er als Trainer der russischen Skispringer sein Debüt geben. Technisch seien die Russen auf dem Niveau der Konkurrenz, sagt Hofer; Steiert könne in puncto Selbstbewußtsein und Know-how als Katalysator wirken. "Wenn in Garmisch ein Russe auf dem Podest steht", verspricht Hofer, "sind wir im Jahr drauf in Rußland." Vier Schanzen entstehen dort; eine in Moskau, eine im Umland der Hauptstadt, weitere in Ufa und St. Petersburg - und jede Schanze bietet die Chance, das Riesenreich für Skispringen zu öffnen. Den eklatanten Mangel an Sporthelden, den Hofer dort ausmacht, würde er nur zu gern beheben: "Stellen Sie sich vor, was in diesem Volk von 180 Millionen los ist, wenn ein Skispringer, der für Rußland startet, Erfolg hat!" Der Vergleich mit Malysz ist schlagend; der polnische Überflieger versetzt seine Landsleute seit Jahren in taumelnde Begeisterung und hat dafür gesorgt, daß in seiner Heimatstadt Wysla eine zweite Großschanze gebaut wird. Zakopane, Ende Januar im Kalender, ist ohnehin ein Freudenfest des Skisprung-Weltcups. "Wir haben Malysz mit Zakopane die Bühne gebaut", freut sich Hofer.

          Liebenswürdige europäische Integration

          Die polnischen Fans betreiben eine liebenswürdige europäische Integration. Nicht nur feuern sie ihren "Adasch" und seine Mannschaftskameraden tosend an, nicht nur rufen sie ihm "Danke, danke!" zu, wenn er gewonnen hat - neuerdings gewähren sie auch den österreichischen Springern einen lautstarken Heimvorteil im Osten. Seit der Österreicher Heinz Kuttin Cheftrainer Appolonius Tajner abgelöst hat, ist für die enthusiastischen Polen Austria und Polonia fast schon gleich.

          Wie anders dagegen die so sportbegeisterten Tschechen. Weder konnten die vielversprechenden Plätze zwei und drei von Jakub Janda in Trondheim und Kuusamo einheimische Zuschauer in nennenswerter Zahl nach Harrachov locken, noch konnte der 26 Jahre alte Springer mit Platz vier und seinem Vorstoß auf Platz zwei der Weltcupwertung am Samstag das Publikum aus der Reserve locken. Unbeachtet spazierte der Skispringer in grasgrünem Anzug von der Schanze hinab in den Ort, ohne daß Autogrammjäger oder gar kreischende Teenager ihm nahetraten. Aber auch die Karawane begeisterter Sachsen ist abgeebbt, seit Sven Hannawald sich vom Sport zurückziehen mußte. Aus Bad Freienwald immerhin war ein Bus deutscher Skisprungfreunde angereist, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die Enthusiasten aus dem hinteren Brandenburg träumen davon, ihre zwei Sprungschanzen um eine weltcup-taugliche Rampe zu ergänzen. Für Publikum wäre gesorgt. Nicht nur Berlin liegt vor der Tür. Auf der anderen Seite der Stadt verläuft die polnische Grenze.

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