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Skispringen : Ein Freund, ein guter Freund

  • -Aktualisiert am

Deutscher Hoffnungsträger: Der Skispringer Severin Freund Bild: dapd

Das deutsche Skispringen hat endlich wieder einen Siegertypen. Aber Severin Freund ist kein Überflieger. Er hat sich unauffällig und akribisch nach vorne gearbeitet - bis in den erweiterten Favoritenkreis bei der am Mittwoch beginnenden Nordischen Ski-WM.

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          Die Bilder haben sich eingeprägt: Werner Schuster, der Bundestrainer, nimmt die Kappe vom Kopf. Er will damit sagen: „Severin, ich ziehe den Hut.“ Mehr noch die andere Szene: Martin Schmitt, der Mannschaftskamerad, Olympiasieger und Weltmeister, rutscht auf den Knien im Schnee, hin zur Gratulation. Zeichen des Respekts, der Anerkennung für einen jungen Mann, der gerade den zweiten Erfolg im Weltcup errungen hat, zum zweiten Mal die besten Skispringer hinter sich gelassen hat, der sich auf einem Höhenflug befindet. Und doch den Boden unter den Füßen nicht verliert.

          „Ich bleibe im Moment“, sagt Severin Freund, „ich genieße, was zurzeit läuft.“ Und wie es läuft. „Ein Freund, ein guter Freund“: Der achtzig Jahre alte Schlager ist zum Renner an den Schanzen geworden, wann immer dieser Niederbayer aus Rastbüchl in die Luft geht. Freund, 22 Jahre alt, ist die neue Hoffnung des deutschen Skispringens, endlich wieder einer, der für Siege gut ist.

          Aber Severin Freund ist nicht mit einem Knall in der Weltspitze gelandet. Kleine Karriereschritte hatte er bisher hinter sich gebracht - in diesem Winter folgte ein großer. Freund ist eher unauffällig, er ist ein Typ, der akribisch seiner Berufung nachgeht, dem Skispringen. „Aber hinter der Fassade, wenn man ihn näher kennenlernt, spürt man sein Herz fürs Skispringen, seine Leidenschaft und den Drang, sich stetig zu verbessern“, sagt Schuster. Es ist Freunds zweiter Winter in der Nationalmannschaft. „Er war ein bisschen ein Fahrstuhlkandidat“, so der Bundestrainer, „er hat wie ein Eichhörnchen ein paar Weltcup-Pünktchen gesammelt.“

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          Deutscher Vorspringer: Zuversicht ist angebracht : Bild: dpa

          In Sapporo platzte der Knoten

          Das Auf und Ab schürte den Ehrgeiz. Freund schloss sich der Trainingsgruppe in Oberstdorf unter Christian Winkler an. Athletisch war er stets gut, er machte Fortschritte im Absprung, und mit dem neuen Bindungssystem wurde Freund noch „flugfähiger“, wie Schuster sagt. Freund setzte sich als einer der Ersten im deutschen Team mit dem neuen Bindungssystem auseinander, war offen, sah seine Chance, sich damit im Flug noch weiter zu entwickeln. „Es war dann nur eine Frage der Zeit, ob er sich den großen Sprung zutraut.“ Beim Weltcup in Sapporo platzte der Knoten. Freund hatte in den Wochen zuvor mit guten Leistungen in den Qualifikationswettbewerben und im Training realisiert, dass er mit den Allerbesten mithalten und sie auch schlagen könnte. Der Sieg in Japan im Januar gab ihm das letzte Selbstvertrauen, einige Wochen später stand er in Willingen wieder ganz oben.

          Aber dieser Freund ist „kein Knaller-Talent“, sagt der Bundestrainer. „Auf den ersten Blick haben wir motorisch talentiertere Sportler als Severin.“ Aber Freund habe ein Talent, von dem sich andere eine Scheibe abschneiden könnten: das Talent, konsequent zu arbeiten. Schuster verspricht sich von seinem derzeit Besten ein dringend benötigtes Zeichen für den Skisprung-Nachwuchs. „Er ist in den Augen seiner Altersgenossen einer von ihnen“, nicht einer wie der österreichische Überflieger Gregor Schlierenzauer, der schon in der Kinderklasse besser war als alle.

          Studium als Ablenkung

          Diesen Freund haben die anderen in den deutschen Nachwuchskadern schon einmal besiegt. Aber er hat ihnen, so sagt Schuster, mit konsequenter Arbeit vorgelebt, „dass man so ein System kreieren kann, wo alles mal zusammenpasst, mit Technik, Fluggefühl, Material - und dann gibt es ein tolles Puzzle“. Und plötzlich ist der eher unauffällige Severin Freund ein gefragter Mann. „Das muss man genießen“, sagt er. „Ich glaube, ich bekomme im Moment trotzdem ganz gut hin, dass ich mich auf das Wesentliche konzentriere. Es wird immer so sein, dass ich nicht irgendwas um der Show willen mache, sondern fürs Skispringen.“

          Als „Ablenkung für den Kopf“ sieht er sein Studium, International Management an der Fachhochschule Ansbach, ein BWL-Studium, das den Bedürfnissen von Leistungssportlern angepasst und für Kader-Athleten reserviert ist. Nach der Saison wird er sich wieder damit beschäftigen. Seine Kommilitonen sind Snowboarder, Eishockeyspieler, Handballer, Schwimmer. Sie wissen, was es braucht, um sportlichen Erfolg zu haben, aber sie bieten ihm auch „einmal ein anderes Umfeld“.

          Freund weiß, was er kann

          In Oberstdorf hat sich die deutsche Mannschaft auf die Weltmeisterschaft in Oslo vorbereitet, am nächsten Freitag beginnt sie für die Springer mit der Qualifikation auf der Normalschanze. Der Bundestrainer ist optimistisch. „Im Moment hat Severin ein tolles System, das auf allen Schanzen funktioniert“, sagt Schuster: „Mit seinen Anlagen müsste er auch auf der kleinen Schanze eine heiße Nummer sein.“ Ganz bewusst hat Schuster dem jungen Mann, der in Oberstdorf beim Skifliegen auf 218 Meter gesegelt war, weiter als alle anderen, eine Pause gegönnt, ihn nicht auf die neue Riesenschanze in Vikersund geschickt. Freund hat Kraft geschöpft. „Aber er hat natürlich auch Zeit gehabt, zu überlegen“, sagt Schuster. „Man muss schauen, wie weit er in diesen zwei Wochen seine Unbeschwertheit, seine Leichtigkeit beibehalten hat.“

          Freund weiß, was er kann, er hat selbst das Gefühl: „Jetzt geht richtig was.“ Aber WM-Favorit? „Das sind andere“, sagt er. „Ich bin jetzt erst in die Liga aufgestiegen. Ich sehe mich als Außenseiter, der Chancen haben kann, wenn alles perfekt laufen würde.“ In so einem Fall darf auch der Ruhigste „ein bisschen aufgeregt sein“. Emotionen, sagt er, „sind wichtig, man kann nicht immer auf der Null-Linie bleiben“. Schon jetzt kommt ihm ohnehin manchmal alles wie ein Traum vor. „Und weil es gerade so schön ist, möchte ich mich lieber nicht kneifen - denn aufwachen aus diesem Traum möchte ich bestimmt nicht.“

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