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Skispringen : Die Tournee-Mannschaft

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Überflieger: Der Österreicher Stefan Kraft springt bei den Österrichern in die Bresche und führt die Tournee-Wertung an Bild: Reuters

Was im Fußball die Turnier-Mannschaft Deutschland, das ist im Skispringen Österreich: Immer wenn es darauf ankommt, zeigt die Mannschaft ihr Sieger-Gen. Und wenn die Etablierten schwächeln, springt der Nachwuchs in die Bresche.

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          Die rot-weiß-roten Festspiele mit den Wettbewerben in Innsbruck am Sonntag und Bischofshofen am Dreikönigstag beginnen erst, doch schon zur Halbzeit der Vierschanzentournee haben sich die österreichischen Skispringer eindeutig in Position gebracht. Nach den beiden Springen von Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen führt Stefan Kraft die Tourneewertung an, ein 20 Jahre alte Nachwuchsspringer aus dem Salzburger Land.

          Sein bester Freund und Zimmernachbar Michael Hayböck, auch gerade mal 21, folgt auf Rang drei. Und auch die Etablierten, der 30-jährige Andreas Kofler und Gregor Schlierenzauer, 24, die beide schon Tournee-Gesamtsieger waren, folgen noch in Flugweitendistanz auf den Plätzen sechs und sieben. Da fällt der Absturz von Vorjahressieger Thomas Diethart kaum ins Gewicht.

          Statt seiner hatten Kraft und Hayböck beim Auftaktspringen für Furore gesorgt, als ihnen ein unerwarteter Doppelsieg gelang. Es war der erste Weltcup-Erfolg für Kraft überhaupt, und auch Hayböck hatte noch nie im Leben so weit oben auf einem A-Klasse-Podest gestanden wie an jenem Tag. Die Österreicher waren nach schleppendem Saisonstart mal wieder in Bestform, als es darauf ankam. Von einer „Tournee-Mannschaft“ spricht deshalb der deutsche Bundestrainer Werner Schuster voller Bewunderung über seine Landsleute, denn Schuster stammt aus Vorarlberg.

          Hohe Stressresistanz

          Vor der Saison hatte der österreichische Skiverband (ÖSV) versucht, den verlorenen Trainersohn zurück ins Land der Berge zu holen, da ihnen Chefcoach Alexander Pointer nach den Olympischen Spielen von der Schanze gegangen war. Doch Schuster blieb beim großen Nachbarn, was er während des Jahreswechsels möglicherweise bereut haben mag. Die ihm anvertrauten deutschen Skispringer haben bei ihren Versuchen von den heimischen Großschanzen alles Mögliche gezeigt, nur kein Siegermentalität. Besonders die vermeintlichen Vorspringer Severin Freund und Richard Freitag, immerhin Team-Olympiasieger und Freund zudem Flugweltmeister, enttäuschten vor der imposanten Heimspiel-Kulisse mit 20.000 Menschen im Auslauf und sechs Millionen vor den Fernsehern, die ihnen offenbar nicht Mut machte, sondern die Flügel stutzte. „Bei besonderen Events scheint die Stressresistenz noch nicht gegeben zu sein“, erkannte Schuster, nachdem beiden jeweils nur ein Sprung gelungen war, der das Attribut Weltklasse verdiente.

          Keine Stressresistenz? Severin Freund und die anderen Deutschen landen bei der Tournee zu oft zu früh

          Ganz anders die Österreicher, die ihr Sieger-Gen einerseits auf den Skiinternaten eingeimpft bekommen, andererseits aber auch die richtigen Vorbilder zu haben scheinen. Stefan Kraft ist begeisterter Fußball-Fan und seit seiner frühen Kindheit glühender Verehrer des FC Bayern. Mit seinem Onkel fährt er schon seit einem Jahrzehnt praktisch zu jedem Heimspiel nach München. Vor kurzem traf er dort sein Idol David Alaba, derzeit der einzige Österreicher, der es auch ohne Skischuhe zu einer Weltkarriere im Sport gebracht hat. „Ein cooler Typ“, sagt Kraft über sein Vorbild, der mit seinen 22 Jahren schon so ziemlich alles gewonnen hat, was es - zumindest im Vereinsfußball - zu gewinnen gibt, und deshalb zwei Mal nacheinander zu „Österreichs Sportler des Jahres“ gewählt wurde.

          Vertrauen ausgezahlt

          Kraft steht dagegen erst am Anfang seiner Karriere, aber er hat gerade in Oberstdorf eindrucksvoll bewiesen, dass er lernfähig ist. An der Schattenbergschanze war er im vergangenen Jahr bei seinem ersten Tournee-Auftritt als 50. und Letzter ausgeschieden, im K.-o.-Duell hatte ihn zudem ausgerechnet noch sein Kumpel Hayböck rausgeboxt. Kein Grund für den früheren Stürmer, den Kopf in den Schnee zu stecken, sondern es wieder und wieder zu versuchen. Diesmal zeigte er zwei starke Versuche, und als ihm sein Meisterstück gelungen war, jubelte er wie ein Mittelstürmer, der ein Tor geschossen hatte.

          Da hatte sich das Vertrauen ausgezahlt, das ihm der neue Bundestrainer Heinz Kuttin schenkte. Kuttin hatte selbst einmal als junger Mann das Momentum des Skispringens genutzt, denn mit 20 wurde er Weltmeister erst als Solist von der Normalschanze und dann mit dem Team von der Großschanze. „Abheben, indem man am Boden bleibt“ gibt der mittlerweile 43 Jahre alte Kärntner als Motto seiner Trainertätigkeit an. Erst nachdem Schuster und auch der für Norwegen tätige Alexander Stöckl dem ÖSV abgesagt hatten, wurde Kuttin, zuletzt Heimtrainer von Thomas Morgenstern, zum Cheftrainer befördert. „Ich habe den Buben vertraut, und bin froh, dass sie zugeschlagen haben“, sagte er nach dem Doppelsieg vom Tourneeauftakt. Dass es beim Neujahrsspringen nur zu den Plätzen sechs und sieben für das „fliegende Doppelzimmer“ reichte und Schlierenzauer als Bester auf Rang vier landete, war ein kleiner Dämpfer, mehr nicht. Schließlich spricht die Statistik weiterhin klar für Rot-Weiß-Rot. Nicht weniger als 18 der letzten 26 Tournee-Springen gewann ein Adler aus der Alpenrepublik. Und in den vergangenen sechs Jahren stand stets ein Österreicher in der Endabrechnung ganz oben.

          Die Vierschanzentournee ist traditionell eine deutsch-österreichische Gemeinschaftsproduktion, zur Halbzeit der 63. Auflage lässt sich allerdings trefflich darüber streiten, ob das Attribut „deutsch“ noch seine Berechtigung über die Austragungsorte der ersten beiden Wettbewerbe hinaus trägt.

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