https://www.faz.net/-gtl-u9vw

Skispringen : Adam Riese wächst immer noch weiter

  • -Aktualisiert am

Malysz, der Herr der Schanze Bild: REUTERS

Seine Fans halten Skispringer Adam Malysz schon seit 2001 für den Größten. In dem Jahr gewann der 1,69 Meter kleine Mann zum ersten Mal den Weltcup. Die Kristallkugel von Planica, der vierte Titel, bringt ihn endgültig an die Spitze. Außerdem ist er menschlich gereift.

          2 Min.

          Das Wortspiel machte schnell die Runde: „Adam Riese“ nannten sie den kleinen Polen, als er im März 2001 zum ersten Mal Weltcup-Gesamtsieger geworden war. Am Sonntag hat Adam Malysz in Planica seine vierte große Kristallkugel in Händen gehalten. Er hat in der Erfolgsbilanz des Gesamtweltcups gleichgezogen mit dem bisher Einzigartigen, dem Finnen Matti Nykänen, und nicht nur sportlich ist er nun riesig. Der 29 Jahre alte Skispringer, nur 1,69 Meter groß und 53 Kilogramm schwer, hat sich vom scheuen, fast verschüchterten Jungen entwickelt zu einem gestandenen Mann, von Freunden wie Gegnern gleichermaßen geschätzt.

          Seine Karriere im Rampenlicht begann am Ende der Saison 1996, als er am Holmenkollen in Oslo sein erstes Weltcupspringen gewann. Es war der Tag, an dem Jens Weißflog seine Karriere beendete. Ausgerechnet jener Weißflog, dem Malysz ähnlich sieht und den er sein Vorbild nannte.

          Die Malysz-Mania kannte keine Grenzen

          Malysz erlebte in der Folge alle Höhen und Tiefen, die ein Skispringerleben über ein Jahrzehnt prägen. Nach schnellen Erfolgen wurde er in der Heimat noch schneller in den Star-Himmel gehoben. Die Malysz-Mania kannte keine Grenzen und kaum ein Tabu. Seine Anhänger reisten ihm in alle Welt zu Wettkämpfen nach, sie ließen ihm aber auch zu Hause in Wisla keine Ruhe. Noch immer - und nach diesem Triumph in Planica vielleicht erst recht - kommen Busladungen voller Fans, sie rufen ins Haus, verlangen nach Autogrammen, und sie scheren sich nicht darum, wie es Malysz und seiner Familie dabei geht.

          Unterstützung allerorten: Malysz begegnet seinen Anhängern nicht nur bei Wettkämpfen

          Malysz heiratete als 19-Jähriger im Sommer 1997, vier Monate später kam seine Tochter auf die Welt. Er fühlte sich in seiner Doppelrolle überfordert, „ich bin doch selbst fast noch ein Kind, und jetzt habe ich diese Verantwortung“, sagte er. Dass seine sportlichen Leistungen nachließen, wollte er später aber nicht mehr auf die veränderte Situation zurückgeführt wissen.

          Sprung in höhere Sphären

          Ein Dozenten-Team der Universität Krakau, ein Sportwissenschaftler und ein Psychologe, halfen Malysz auf die Beine. Er sprang vier Jahre lang in höheren Sphären, gewann drei Jahre nacheinander den Gesamtweltcup, die Konkurrenz schien an ihm zu verzweifeln. „Dann kam die Krise, das ist normal im Sport“, sagt er. Obwohl er stets begleitet und beschützt war von einem Stab von Helfern, war Malysz plötzlich nicht mehr das Maß aller Dinge. Und ein Mitspringer, einer unter vielen, wollte er nicht sein. Er trug sich mit dem Gedanken an das Karriere-Ende.

          Mit der neuen Führung des polnischen Skiverbandes - Malyszs ehemaliger Trainer Apoloniusz Tajner ist jetzt Präsident - kam auch der neue Trainer. „Hannu ist ein alter Mann, aber er hat schon viele gute Springer trainiert“, sagt Malysz über den Finnen Lepistö. Die beiden harmonieren sportlich und menschlich, „es ist sehr schön, mit ihm zu arbeiten“, sagt Lepistö. Er gab Malysz das Selbstvertrauen und den Glauben daran, dass er wieder ein Siegspringer werden könnte. Mit dem Weltmeistertitel in Sapporo Anfang März feierten die beiden ihren ersten gemeinsamen Triumph. In Planica in Slowenien, auf der letzten Station im Weltcup-Kalender 2006/2007, kam Malysz gar nicht mehr vom Siegespodest herunter. Und bewies mit drei Siegen an allen drei Tagen, dass er rundum der Beste ist, auf der Normalschanze wie auch jetzt im Fliegen.

          Ein Lehrbuch als Denkmal

          „Was sein Technik-Geheimnis ist, das müssen die anderen schon selbst herausfinden“, sagt Lepistö. Er wird seinem Adam Malysz - mit dem er sich in Deutsch verständigt - ein Denkmal setzen: in einem Lehrbuch, das er schreiben will. Die Konkurrenz wird es mit Spannung lesen. Sie weiß ohnehin, dass dieser Adam Malysz einer der härtesten Arbeiter im Skisprung-Zirkus ist, einer der Ersten an der Schanze, konzentriert bis zum letzten Moment. „Das hat mich ganz schön Kraft gekostet hier“, sagte er in Planica, „ich musste bis zum Schluss kämpfen.“

          Malysz hat die Veränderungen im Skispringen der vergangenen Jahre umgesetzt, kann mithalten mit den Jungen wie dem Norweger Anders Jacobsen und dem Österreicher Gregor Schlierenzauer, dem Zweiten und dem Vierten im Gesamtweltcup. Sein eigentliches Erfolgsrezept allerdings liegt in dem Reifeprozess, den er durchgemacht hat. Wenn er lacht und scherzt, statt scheu um sich zu blicken, ist er tatsächlich Adam Riese.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Suzanna Randall: Eine von zwei Kandidatinnen für den Flug zur Internationalen Raumstation ISS

          Nach erstem Frauenduo auf ISS : Wie männlich ist der Weltraum?

          Die Nasa fremdelte lange mit der weiblichen Biologie. So vermuteten Ingenieure, weiblicher Urin sei schleimbasiert und könne im All Leitungen verstopfen. Raumanzüge in der richtigen Größe sind heute noch ein Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.