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Skisport : DSV würgt Debatte über Doping in der DDR ab

  • -Aktualisiert am

Verdrängt und lässt sich nicht verdrängen: Frank Ullrich, Bundestrainer der Biathlon-Männer Bild: ZB

Eine schallende Ohrfeige für aufrechte Sportler: Die Empfehlung der Doping-Kommission des Deutschen Skiverbands zielt darauf ab, die Debatte über DDR-Doping im Skisport endgültig zu beenden.

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          Es kann an einem heißen Sportsonntag schon mal vorkommen, dass Ereignisse untergehen in der Nachrichtenflut. Darauf muss der Deutsche Skiverband (DSV) gesetzt haben, als er den Untersuchungsbericht der Kommission „DDR-Doping“ am Sonntag um 15 Uhr aussendete. Zunächst enthält der Bericht den Freispruch für den Bundestrainer der Biathlon-Männer, Frank Ullrich, der nach Ansicht der Kommission nicht in das DDR-Dopingsystem eingebunden war, sowie die Empfehlung, den Stützpunkttrainer Wilfried Bock im DSV wegen seiner Doping-Beteiligung zu DDR-Zeiten nicht weiterzubeschäftigen.

          Viel weitreichender als diese beiden Personalentscheidungen sind jedoch grundsätzliche Einschätzungen und Empfehlungen der Kommission, die für den Zuständigkeitsbereich des DSV eines bedeuten: Die Debatte über DDR-Doping ist seit Sonntag praktisch beendet, es wird nahezu keine Möglichkeit mehr geben, Aufarbeitung zu betreiben. Und das nicht, weil die Kommission feststellt, „dass eventuelle Verstöße (zu DDR-Zeiten) dopingrechtlich wie auch strafrechtlich längst verjährt wären“.

          Eine schallende Ohrfeige für aufrechte Männer

          Nein, die Kommission schafft eigene, kaum überwindbare Hürden, so dass nicht einmal aus sportpolitischen und sportethischen Erwägungen Verfahren eröffnet werden können. „Wenn künftig Vorwürfe gegenüber Funktionären, Trainern, Ärzten, Physiotherapeuten etc. aus dem DSV-Bereich erhoben werden“, heißt es, sollte den Vorwürfen nicht nochmals nachgegangen werden, falls sie schon Gegenstand einer vorhergehenden Untersuchung waren. Vor allem wenn die Vorwürfe „den Personenkreis aus der 2. Linie“ betreffen – also Kräfte wie Frank Ullrich, der in der DDR nur Lauftrainer, aber kein Cheftrainer war – seien sie irrelevant. „Hier wäre auf das seinerzeit von Staats wegen angeordnete und hierarchisch von oben nach unten strukturierte flächendeckende Doping zu verweisen. Hervorzuheben wäre, dass der Betroffene in dieser Struktur nur ein Glied in der Kette war, ohne jede Möglichkeit, die Dinge in irgendeiner Art und Weise aktiv und/oder gar positiv beeinflussen zu können.“

          Die DSV-Kommission erteilt damit einem aufrechten Mann wie Henner Misersky eine schallende Ohrfeige. Der Vater der späteren Biathlon-Olympiasiegerin Antje Misersky-Harvey, der bis 1985 als Ski-Langlauftrainer der DDR-Frauen arbeitete, weigerte sich seinerzeit, seiner Tochter die für A-Kader verordneten Doping-Mittel zu verabreichen; er verlor den Trainerjob. Antje Misersky selbst musste ihre Karriere in der DDR beenden, sie trat unter Druck gesetzt aus der Kinder- und Jugendsportschule aus. Erst nach dem Mauerfall kehrte sie in den Spitzensport zurück. Das Los ihres Vaters und was er zu berichten hatte, interessierte den DSV eigentlich nie. Ein bewusst gesteuerter Verdrängungsmechanismus.

          Hintertür für Bock

          Doping-Ermittlungen gegen Trainer der Ullrich-Kategorie seien, so die DSV-Kommission jetzt, nur noch unter drei Voraussetzungen angezeigt: „a. Doping an namentlich genannten Personen mit gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen; b. und/oder gegenüber Minderjährigen; c. sowie die substantielle Behauptung eines aktiven Beteiligungsbeitrages, die geeignet ist, einen dringenden Tatverdacht zu begründen“.

          Das Wort von unter Umständen betroffenen Athleten (aus Ost wie West) reicht also nie und nimmer mehr aus; sie müssten schon Akten mit der Qualität einer staatsanwaltschaftlichen Anklageschrift vorlegen. Sonst kann der DSV ja sagen: Das geht uns – dank der Kommission „DDR-Doping“ – nichts mehr an. Im Übrigen ist auch Trainer Bock noch auf eine Hintertür hingewiesen worden. Er dürfe sich an die Trainer-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes wenden. Dass dort tragfähige Brücken gebaut werden, kann sich Bock von früheren DDR-Kollegen aus der Leichtathletik bestätigen lassen. Ob der geständige Doper Bock also den DSV verlassen muss, ist noch keineswegs sicher.

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