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Skilanglaufnation Finnland : Den Glauben an ihre Idole verloren

  • -Aktualisiert am

Als Mika Myllylä vier Weltmeistertitel und olympisches Gold holte, nannten ihn seine Landsleute noch ehrfurchtsvoll "Karpaasi" (Waldmensch). Seit der des Dopings überführt wurde, kämpft er verzweifelt um die Gunst des Publikums.

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          Das Wasser reicht dem bulligen, stoppelbärtigen Mann bis zur Taille, die Anstrengung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Mehr als eine Stunde lang marschiert er schon durch den Sumpf von Tervaneva: den Kopf gesenkt, die beiden Skistöcke fest umklammernd. Dieses eigenwillige Sommertraining hat den Skilangläufer Mika Myllylä in seiner finnischen Heimat berühmt gemacht. Zwei Stunden täglich soll er auf diese Weise in den neunziger Jahren seine Muskeln gestählt haben - damals, als ihn die Finnen noch ehrfurchtsvoll "Karpaasi" (Waldmensch) nannten; damals, als Myllylä vier Weltmeistertitel und einmal olympisches Gold holte und ihm daraufhin sogar eine Briefmarke gewidmet wurde.

          Heute kämpft Myllylä verzweifelt um die Gunst des Publikums und den Anschluß an die Weltspitze; sein geplantes Comeback beim Weltcuprennen in Kuusamo mußte er wegen einer angeblichen Verletzung absagen. Als Naturburschen bezeichnet ihn jedenfalls niemand mehr, seit ihn die Dopingkontrolleure im Februar 2001 der künstlichen Leistungssteigerung überführten. Ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft daheim in Lahti wurden im Blut Myllyläs, seines Teamkollegen Jari Isometsä sowie vier weiterer finnischer Weltklasselangläufer Spuren des Blutplasmaexpanders HES gefunden - eines Mittels, mit dem sich Blutdoping verschleiern läßt. Die finnische Regierung bildete eine Untersuchungskommission, die den größten Skandal der finnischen Sportgeschichte aufdeckte: Über Jahre hinweg hatten Cheftrainer Kari-Pekka Kyrö sowie die Teamärzte die Langläufer mit HES versorgt; aller Wahrscheinlichkeit nach wurde den Sportlern sogar die Ausdauerdroge Erythropoietin (EPO) angeboten.

          Die Affäre zog Kreise: Die gesamte Führungsriege des finnischen Skiverbandes trat zurück, die drei größten Sponsoren der Langläufer kündigten ihre Verträge, im ganzen Land war der Niedergang des einstigen Nationalsports monatelang ein beherrschendes Gesprächsthema. "Bis zum Skandal war der Skilanglauf ein Symbol nationaler Identität", glaubt der Soziologe Jorma Anttila. Wenn man die Finnen nach typischen Charakteristika ihres Volkes befrage, würden sie zumeist Fleiß, Naturverbundenheit und Ehrlichkeit nennen. "Unsere Langläufer vereinten alle drei Eigenschaften - so schien es", sagt Anttila.

          Lahti hat diese Illusion zerstört. Bei einer Umfrage im Frühjahr 2003 bezeichneten noch immer mehr als die Hälfte aller Finnen den Skilanglauf als "unehrlich"; keine andere Sportart hatte ähnlich schlechte Werte. Zwar ist noch immer jeder fünfte Finne aktiver Skilangläufer. Doch die Einschaltquoten sind deutlich zurückgegangen, auch zu den Rennen kommen längst nicht mehr so viele Zuschauer. "Der Skandal hat uns mindestens drei Millionen Euro gekostet", vermutet Jari Piirainen, der Hauptverantwortliche der Aufräumarbeiten. Bei seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren, so erinnert sich der heutige Generalsekretär des finnischen Skiverbandes, habe der Skilanglauf am Boden gelegen: "Wir mußten bei Null anfangen. Ohne die Zuschauer- und Fernseheinnahmen von Lahti 2001 wären wir damals Konkurs gegangen."

          Von Anfang an fokussierte sich die neue Führung auf den Antidopingkampf. Trainer, Ärzte und Betreuer wurden ausgetauscht. Alle Athleten müssen sich regelmäßigen Blutproben unterziehen, deren Ergebnisse im Internet veröffentlicht werden. Doch nach nur 25 Monaten wurden die Finnen wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt. Noch zum Auftakt der Weltmeisterschaft in Val di Fiemme im Februar 2003 hatte Verbandspräsident Seppo Rehunen voller Stolz behauptet: "Wir sind sauber." Wenige Tage später wurde Kaisa Varis des EPO-Dopings überführt, der Frauenstaffel die Silbermedaille aberkannt. "Die Schande von Lahti kehrt zurück" titelte die Tageszeitung "Helsingin Sanomat". Wieder kündigten drei Sponsoren ihre Verträge, die Regierung fror ihre Zahlungen ein. Zwar konnte der Verband in der anschließenden Untersuchung seine Unschuld nachweisen - Kaisa Varis hatte sich offenbar das Mittel über ihren ehemaligen Trainer Kyrö besorgt. Dennoch sind die alten Wunden wieder aufgebrochen. Jetzt werden Sportler nur noch zu internationalen Rennen gemeldet, wenn sie zuvor eine Erklärung unterschrieben haben, in der sie dem Doping abschwören. Werden sie trotzdem ertappt, müssen sie eine Geldstrafe von 50000 Euro bezahlen.

          In diesem Winter kämpfen die Finnen vor allem um ihren guten Ruf - was sie in der Loipe zustande bringen, ist zunächst nebensächlich. "Es klingt absurd, aber im Moment sind die bescheidenen Resultate sogar gut für unsere Glaubwürdigkeit", sagt Piirainen, der davon überzeugt ist, daß der Wiederaufbau in ein paar Jahren Früchte tragen wird. "Unser Ziel ist es, bei den Olympischen Winterspielen 2006 wieder auf dem Podium zu stehen. Man kann auch ohne Doping gewinnen - und wir haben eine Menge talentierter Athleten."

          Zur Zeit allerdings sorgen noch die alten Bekannten für Schlagzeilen: Myllylä wurde kürzlich aus einem Lokal geworfen, nachdem er im Vollrausch einen Striptease gestartet hatte; ob und wann er sein Weltcup-Comeback gibt, ist ungewiß. Sein uneinsichtiger Teamkollege Jari Isometsä startet wieder auf internationaler Bühne, bei Skimarathons, bezeichnet Doping aber noch immer standhaft als etwas Normales. Und dem einstigen Cheftrainer Kari-Pekka Kyrö wird gerade der Prozeß wegen Medikamentenschmuggels gemacht. Der finnische Skilanglauf wird noch immer vom Doping-Unwesen verfolgt - und nur er selbst kann sich davon befreien.

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