https://www.faz.net/-gtl-we5l

Skiflug-WM in Oberstdorf : Das Überirdische für die unvergleichlichen Momente

  • -Aktualisiert am

Skifliegen - „Man hat einen Riesenrespekt” Bild: dpa

Skifliegen ist eine der schwierigsten Aufgaben, der man sich als Sportler stellen kann. Mittlerweile landen die Athleten trotz einer gehörigen Portion Respekt weit jenseits der 200-Meter-Marke. Am Freitag startet die WM in Oberstdorf.

          3 Min.

          Skifliegen ist das Außergewöhnliche. Kaum einer kann das besser artikulieren als Toni Innauer, der Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes. „Ja“, sagte Thomas Morgenstern, als Innauer ihn lachend in den Arm nahm, „das habe ich eigentlich gemeint.“ Für ein paar Minuten löste sich die Spannung im Raum in hellem Gelächter, und die Botschaft hieß: Skifliegen ist Spaß.

          „Beim Skifliegen geht es ganz stark um das persönliche Erleben und Empfinden. Nur wenige Menschen auf dem Planeten schaffen es. Dieses Gefühl subjektiv zu erleben und gleichzeitig messbar zu haben, ist die Faszination.“ Innauers Worte trafen Morgensterns Empfindungen genau. Der 21 Jahre alte Kärntner, der am vergangenen Sonntag vorzeitig den Weltcup der Skispringer gewann, ist einer aus dieser Handvoll Athleten, die an den nächsten drei Tagen bei der Weltmeisterschaft in Oberstdorf mit dem höchsten Kick jenseits der 200 Meter landen.

          „Fliegen ist eine Nummer größer, schneller“

          Im vergangenen Sommer stand Morgenstern hier an der Riesenschanze im Oberallgäu und dachte daran, dass er ein paar Monate später zum ersten Mal ins Birgsautal hinuntersegeln würde. Er empfand ungeheure Vorfreude. „Aber man hat“, sagte er am Donnerstag, „vor jedem ersten Flug wieder ein mulmiges Gefühl. Man hat einen Riesenrespekt.“ Diesen Begriff benützen sie alle, die erfolgreichen Österreicher, die Norweger, die Deutschen. „Fliegen ist eine Nummer größer, schneller, der Druck unter dem Ski ist viel höher“, sagt der Berchtesgadener Michael Neumayer, dessen deutscher Rekord immerhin bei 227,5 Metern steht.

          „Skifliegen verlangt Respekt.“ Innauer benutzt das Wort als ein Synonym für den Zustand zwischen Mut und Angst. „Der Athlet hat Angst, aber er kennt seine eigenen Fähigkeiten. Er weiß, ich bin dem gewachsen. Skifliegen ist eine der schwierigsten Aufgaben, der man sich als Sportler stellen kann.“ Eine Aufgabe, die einen - wenn man sie bewältigt - aus der Masse heraushebt. Innauer, der 1976 als Siebzehnjähriger zum ersten Mal flog, in Oberstdorf, und der mit seinem zweiten und dritten Flug überhaupt gleich Weltrekorde aufstellte - erst 174, dann 176 Meter - kennt das Gefühl, „dass ich kurzfristig überirdisch war“.

          Überirdisch, aber dennoch nicht unmenschlich

          Überirdisch vielleicht, aber es sei „nichts Unmenschliches“, sagt Dr. Peter Baumgartl, der Mannschaftsarzt der österreichischen Skispringer. Vor einigen Jahren bestimmte er beim Skifliegen in Planica, auf der größten Schanze weltweit, die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin bei den Springern. Er habe höhere Werte erwartet, gibt er zu, sie bewegten sich in vergleichbaren Bereichen wie die von Jet-Piloten bei der Landung. „Sie lagen in einem Bereich, der die Sportler nicht gefährdet, nicht lähmt“, sagt er, „die Hormone werden ausgeschüttet, um den Athleten aufmerksam zu machen, ihn auf eine Stress-Situation vorzubereiten.“

          Für das Skifliegen müsse man bereit sein im Kopf, sagt Alexander Pointner, Cheftrainer der Österreicher. Gregor Schlierenzauer, sein Jüngster, demonstriert schon mit gerade 18 Jahren diese Bereitschaft. Am Donnerstag stellte er sich der Herausforderung zum ersten Mal in seinem Leben, der Trainingsflug endete bei 177,5 Metern.

          „Er muss das Herz in beide Hände nehmen“

          Schon vorher war er sicher: „Es gibt nichts Größeres.“ Schließlich habe er sich informiert, sagt er. „Die reden natürlich drüber“, sagt Innauer, „als Kinder schon.“ Doch die Gespräche, das so abgeklärt wirkende Auftreten vor dem großen Ereignis wird eingeholt von der Realität. Da steht dann ein Schlierenzauer auf der Schanze, macht die Bindung fest, sieht Janne Ahonen, den letzten Springer vor sich in der Anlaufspur. Er merkt, wie lange es dauert, bis der Finne unten wiederauftaucht, nachdem er aus dem Blickfeld geraten war am Hang.

          „Dann kann er die Dimension erst richtig erfassen“, sagt Innauer. „Und dann muss er das Herz in beide Hände nehmen und sich darauf besinnen, was er kann, was er trainiert hat.“ Jeder Skispringer hat auch eingeübt, seine Angst zu überwinden. „Man steht erst zu ihr, wenn man nicht mehr aktiv ist, wenn man nicht mehr die Startnummer umbinden muss“, gibt Innauer zu. Noch Jahre später erlebt er sie.

          „Man fliegt sechs, sieben Sekunden“

          „Ich träume davon, dass ich fliegen muss, aber ich gehe nie wieder hinauf, weil ich die Ski nicht finde, die Schuhe nicht finde. Das ist die Angst, die auch früher da war, die ich aber nicht gespürt habe.“ Das Selbstvertrauen, im täglichen Training erworben, ist stärker. „Skifliegen ist auch ein Beweis dafür, was die Vorstellungskraft, die Konzentrationsfähigkeit jungen Menschen ermöglicht“, sagt er.

          Den Skispringern ermöglicht sie unvergleichliche Momente. „Man fliegt sechs, sieben Sekunden - aber es kommt einem ewig vor“, sagt Neumayer. „Sehr, sehr geil“ waren Schlierenzauers Worte nach seinem ersten Flugerlebnis, „es war so, wie sie es mir gesagt haben. Ich will wieder rauf und wieder springen, über 200 Meter.“ Innauer nennt es einen ekstatischen Genuss, der Schanze abzutrotzen, auf diese Weiten hinunterzusegeln. „Und in solchen Momenten“, sagt er, „ist auch von außen sichtbar, dass ein Künstler unter sehr hohem Risiko etwas ganz Besonderes leistet.“

          Daten zur Skiflug-WM

          Schanze: Die Heini-Klopfer-Schanze trägt den Namen ihres Erbauers, des Oberstdorfer Architekten und Skispringers. Am 2. Februar 1950 testete er sein Werk, er sprang 90 m. Drei Wochen später stellte dort der Österreicher Willi Gantschig mit 134 m den Weltrekord auf. 1973 wurde die Holz-Konstruktion durch eine Leichtbeton-Schanze ersetzt (in dem Jahr wurde der DDR-Springer Hans-Georg Aschenbach in Oberstdorf Skiflug-Weltmeister), 1999 wurde die Anlage modernisiert. Der gesamte Anlauf ist 144 Meter lang, der Turm ragt am höchsten Punkt 72 Meter über das Gelände. Vom maximalen Anlaufpunkt bis zum Auslauf sind es 207 m Höhenunterschied. Die Schanze ist, nach Planica, die zweitgrößte Flugschanze der Welt, auf der noch Wettkämpfe ausgetragen werden.

          Schanzenrekord in Oberstdorf: Ljökelsöy 223 Meter.

          Weltrekord: Björn Einar Romören (Norwegen) 239 Meter (Planica/2005).

          Titelverteidiger: Einzel: Roar Ljökelsöy (Norwegen/Einzel); Mannschaft: Norwegen (Romören, Bystöl, Ingebrigtsen, Ljökelsjöy), Bronze: Deutschland (Neumayer, Späth, Herr, Uhrmann).

          Deutsche Teilnehmer: Michael Neumayer (Berchtesgaden), Martin Schmitt (Furtwangen), Georg Späth (Oberstdorf), Michael Uhrmann (Rastbüchl), Jörg Ritzerfeld (Oberhof).

          Zeitplan: Freitag, 22. Februar, 16.30 (ARD): 1. und 2. Wertungsdurchgang (Einzel). - Samstag, 23. Februar, 16 Uhr (ARD): 3. und 4. Wertungsdurchgang (Einzel). - Sonntag, 24. Februar, 13.45 Uhr (ARD): Mannschaftswettbewerb.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Milliardär Michael Bloomberg (links) in seiner ersten Fernsehdebatte zur Präsidentschaftskandidatur der amerikanischen Demokraten am Mittwoch in Las Vegas

          Fernsehdebatte der Demokraten : Bloomberg im Kreuzfeuer

          Zum ersten Mal nimmt Michael Bloomberg an einer Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber teil. Sofort ist der „arrogante Milliardär“ der Lieblingsfeind seiner Konkurrenten. Doch er teilt auch aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.