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Skiflug-Kommentar : Nervenkitzel und Nervenflattern

  • -Aktualisiert am

Freie Fahrt: Vegard Swensen sprang als erster Mensch von der Schanze in Vikersund Bild: AFP

In Vikersund steht eine der fünf Skiflugschanzen der Welt. Nun erwartet man auf der abermals veränderten Schanze den weltweit ersten Flug auf 250 Meter - oder mehr. Schaudert es eigentlich im Weltverband gelegentlich jemanden bei dieser Show?

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          Vikersund liegt am Eingang zum „Tal der Künstler“. Edvard Munch und seine Zeitgenossen haben die Gegend einst bekannt gemacht, eine Kobaltmine brachte Wohlstand. Längst setzt man auf den Fremdenverkehr und dabei nicht zuletzt auf Sport. Spektakulärste und umstrittenste Bühne: In Vikersund steht eine der fünf Skiflugschanzen der Welt. Mit 146 Metern von Björn Wirkola ging es hier 1966 los. Im Jahr 2000 wurde der Sven Hannawald auf einer renovierten Anlage Weltmeister.

          Nun erwartet man auf der abermals veränderten Schanze den weltweit ersten Flug auf 250 Meter – oder mehr. Der Norweger Johan Remen Evensen brachte es am Freitag im Training schon auf 243 Meter. Der Internationale Skiverband vertritt die interessante Haltung, dass es für ihn einen Weltrekord im Skifliegen nicht gibt, schließlich wolle man eine (womöglich gesundheitsgefährdende) Rekordjagd nicht noch antreiben. Eine Grenze wird mit dieser laxen Einstellung ganz sicher nicht gezogen.

          Die Athleten fühlen sich hin- und hergerissen zwischen Nervenkitzel und Nervenflattern. Sie wissen, dass an anderen Schanzen auch bald wieder gebaggert wird, wenn Vikersund sein Rekordversprechen einlösen kann. Das Karussell dreht sich auch ohne offizielle Rekordliste rasant.

          Skifliegen ist ein vorsätzlicher Verstoß gegen Naturgesetze

          Skispringen und Skifliegen gleichen sich nur auf den ersten Blick. Die Geschwindigkeit und der Druck der Luft gegen den Körper sind beim Fliegen höher, damit wächst das Risiko. Beim Skispringen reden viele von Respekt, beim Fliegen ist – vor allem bei Wind – nicht nur Schiss, sondern Angst dabei. Trainer sind am Ende eines Wettkampfs oft fix und fertig.

          Nicht, weil sie ständig Abstürze und Knochenbrüche oder Schlimmeres erwarten. Tatsächlich sind schwere Unfälle eher selten. Skifliegen wird aber als eine bedrohliche, psychisch belastende Prüfungssituation empfunden, die Athleten regelrecht auszehrt. Das kann Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit bei der WM in Kürze in Oslo haben. Deshalb starten in Vikersund auffällig viele nicht.

          Wahnsinn mit Methode? Skifliegen ist nicht einfach bloß Überwindung, sondern eher ein vorsätzlicher Verstoß gegen Naturgesetze. Die natürlichen Reflexe arbeiten gegen das, was ein Springer beim Fliegen leisten muss – Sprungtechnik gegen Schwerkraft. Ein Zuschauer bekäme von der Herausforderung nur etwas mit, wenn er so wie Athleten oben am Ablauf stehen könnte.

          Der entfernte und entspannte Betrachter sollte wissen, was die Aktiven – auch zu seiner Unterhaltung – auf sich nehmen: Vom Startpunkt des Anlaufs bis zum tiefsten Punkt des Auslaufs sind es in Vikersund 140 Meter Höhenunterschied. Ein Blick in den Abgrund. Schaudert es eigentlich im Weltverband gelegentlich jemanden bei dieser Show?

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