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Skifahren in Neuseeland : Winter in Wanaka

  • -Aktualisiert am

Die Hänge sind weit und frei: Für Heli- und Big-Mountainfahrer ist Wanaka eines der besten Reviere - weltweit Bild: AP

Rennfahrer, Freestyler, Freerider, Seasoner: Wanaka, eine kleine Gemeinde in Neuseeland ist für ein paar Wochen im Jahr der Mittelpunkt der Welt für Snowboarder und Skifahrer. Auch die Olympiasiegerinnen Riesch und Rebensburg sind da.

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          Am anderen Ende der Welt, auf der Südinsel Neuseelands, kommt die Sonne spät hinter den Bergen hervor, es ist August, es ist Winter, und die Wärme des Kamins hat sich schon lange in der Nacht verloren. Die Hauswände sind dünn, die Fenster nicht isoliert, und die kalte Morgenluft bläst von allen Seiten herein. Jacken werden angezogen, Wollmützen, Handschuhe und Skibrillen zusammengesucht, der Helm wird ans Snowboard geschnallt, die Skifahrer hängen ihre klobigen Schuhe über die Schulter, und dann trottet eine schweigende Mannschaft durch den Mountainbikepark in den kleinen Ort Wanaka hinein, hinunter zum See, zum „Hitchhike-Point“. Die Gruppe mit den bunten Anoraks steht am Straßenrand und wartet auf Mitfahrgelegenheiten.

          Um viertel vor acht geht über dem Lake Wanaka die Sonne auf. Der Tag beginnt, für Amerikaner, Japaner, Deutsche, Kanadier, Südkoreaner – all jene, die aus dem Sommer ihrer Heimat in den neuseeländischen Winter gekommen sind. Die Einheimischen nennen sie „seasoner“, sie haben wenig Geld, ein Snowboard oder ein paar Ski, einen Job im Ort – und viel Zeit. Einige steigen für einen Sommer aus, unterbrechen das Studium oder die Ausbildung, andere ziehen seit Jahren von Winter zu Winter, von Europa nach Kanada nach Argentinien nach Neuseeland.

          Halfpipe und Schanzen zählen zu den besten der Welt

          Von Wanaka aus, einer 7000 Einwohner kleinen Gemeinde, sind drei Skigebiete mit dem Auto in einer dreiviertel Stunde zu erreichen. Eine Busfahrt hinauf ist teuer, 30 Dollar, gut 16 Euro, deshalb ist der Hitchhike-Point so wichtig, hier werden die Autos vollgeladen, und wer mitgenommen wird, der zahlt dem Fahrer oben fünf Dollar. Auf der Fahrt erzählt man sich Geschichten, vom Skifahren in Chile, vom Surfen in Bali, vom Bergsteigen in Nepal, von der Party letzte Nacht.

          Premiere in Wanaka: Shaun White zeigte den Doublecork erstmals in Neuseeland

          Der erste oben am Berg ist der Neuseeländer Jossi Wells. Als Sieger der X-Games und einer der besten Freeskier der Welt, ist er der Stolz Wanakas. Er wartet nicht, bis die Lifte öffnen. Um halb acht, wenn das erste Licht auf die Halfpipe fällt, steht er mit seinem Vater, seinen drei Brüdern und einem Ski-Doo an der Halfpipe des Skigebiets „Cardrona“ und macht zwanzig Trainingsläufe, bevor der Tag beginnt.

          Auch die deutschen Olympiasiegerinnen sind da

          Cardrona besitzt nur vier Lifte, doch die Halfpipe und die Schanzen zählen zu den besten der Welt. Hier hat der Amerikaner Shaun White im vergangenen Sommer erstmals öffentlich die „Doublecorks” genannten Sprünge gezeigt, die das Freestyle-Snowboarden revolutionierten. Mit diesem Trick gewann White 2009 die New Zealand Open und setzte Maßstäbe, die erfüllen musste, wer bei Olympia in Vancouver wettkampffähig bleiben wollte. Maßstäbe, die so hoch waren, dass Snowboarder aus aller Welt nach Neuseeland pilgerten, um diesen Sprung auf der Anlage des „Snowpark NZ“ zu lernen. Dieser Park liegt auf der Bergkette gegenüber von Cardrona, er besteht aus einem einzigen Lift, einer Halfpipe, einigen Schanzen, 50 Rails und einer Quarterpipe.

          Die Big-Mountain-Fahrer treffen sich im Gebiet Treble Cone. Zwei Lifte gibt es dort, die Hänge sind weit und frei. Die deutsche Freeride-Weltmeisterin Aline Bock hat hier gerade die „World Heli Challenge“ gewonnen, eines der bedeutendsten Freeride-Events. Hubschrauber haben sie und die anderen Freeride-Stars auf unberührte Gipfel geflogen, und dann sind sie abenteuerlich steile Hänge hinuntergefahren.

          Für ein Wochen der Mittelpunkt der Winter-Welt

          Alpine Skirennfahrer bleiben in Cardrona, hier trainieren die Besten der Besten, auch die deutschen Olympiasiegerinnen Maria Riesch und Viktoria Rebensburg sind für zwei Wochen gekommen. Nach einer langen Saison, zwölf Tagen Urlaub, Training auf dem Gletscher in Zermatt und in der Skihalle in Hamburg hat der neue Cheftrainer Thomas Stauffer seine Stars nach Wanaka gebracht, in den Winterschnee, bevor es weiter nach Chile geht. „In Neuseeland konzentrieren wir uns auf Techniktraining“, sagt Maria Riesch, „in Chile geht es dann weiter mit den Speed-Disziplinen.“

          Wanaka ist für ein paar Wochen der Mittelpunkt der Welt für Snowboarder und Skifahrer. Die New Zealand Open dominiert in diesem Jahr der Schweizer Snowboarder Iouri Podladtchikow. Der amerikanische Superstar Travis Rice hat auf seine Teilnahme verzichtet. Er gewinnt lieber die „Heli Challenge“ und sieht eine Entwicklung des Snowboardens jenseits des Wettlaufs um die größten Sprünge, jenseits der Parks, jenseits von Olympia. Auch die Schweizer Snowboard-Legende Nicolas Müller ist nach Wanaka gekommen. Zum Filmen, zum Fotografieren, an Wettkämpfen nimmt er nicht mehr teil, das hat er nicht mehr nötig.

          Wenn das Feuer aus ist, werden die Skiklamotten angezogen

          Am Abend füllt sich das Dorf, im „Opium“, das erst Bar ist und dann Disco, treffen sich die Szenen, Rennfahrer, Freestyler, Freerider, Seasoner – man erkennt sich mittlerweile auch ohne Skianorak, ohne Brille, ohne Mütze. Später wird bei den Seasonern noch schnell Holz gehackt, der Ofen voll geladen, und die Wohngemeinschaft, die Familie für einen Winter, findet sich im Wohnzimmer zusammen. Die anderen Zimmer sind kalt, die elektrischen Heizlüfter bleiben aus.

          Die Stromkosten sind hoch, wer ein Heizgerät benutzt, bezahlt 50 Dollar zusätzlich. Das können sich die Vermieter nicht leisten, zwei junge Neuseeländer, und auch die Skifahrer und Snowboarder, die in wechselnder Besetzung hier zusammenleben, brauchen das Geld, das sie im Skiverleih, im Restaurant oder in der Kebab-Bude verdient haben, um es für anderes als für Strom auszugeben. Wenn das Feuer nicht mehr wärmt, werden die Skiklamotten angezogen, lange Unterwäsche, Schal, Mütze und auch Rusky, der Hund, verschwindet dann unter der Bettdecke. Bis zum nächsten Morgen, wenn über dem Lake Wanaka die Sonne aufgeht und sich ein buntes Völkchen wieder auf den Weg macht – hinauf in die Berge.

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