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Saisonfinale im Ski-Weltcup : Auf der Jagd nach dem „Panther“

Der jugendliche Herausforderer: Marco Odermatt aus der Schweiz. Bild: AFP

Im Kampf um den alpinen Gesamtweltcup liegt der junge Schweizer Odermatt nur knapp hinter dem favorisierten Franzosen Pinturault. Es ist ein Duell der Generationen und auch eine Stilfrage.

          3 Min.

          Der Kindheitstraum von Marco Odermatt hatte nie die Form einer Kristallkugel. Er wollte einfach nur Ski fahren. Möglichst schnell. Und so fährt er auch: rasant, mit sichtbarer Freude am Tun, die blonden Haare unterm Helm herauswehend. Doch weil ihm neben Spaß auch Talent im Übermaß zugefallen ist, bietet sich dem Schweizer nun schon in jungen Jahren die unerwartete Chance, den alpinen Gesamtweltcup zu gewinnen.

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          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Vor dem Saisonfinale in Lenzerheide in dieser Woche, keine zwei Autostunden von Odermatts Heimat im Kanton Nidwalden entfernt, liegt der 23-Jährige mit 1069 Punkten auf Platz zwei, lediglich 31 Zähler hinter dem favorisierten Alexis Pinturault aus Frankreich. Und der Trend liegt auf Seiten von Odermatt, der die jüngsten beiden Rennen im Super-G und Riesenslalom gewann. Dagegen verpasste sein sechs Jahre älterer Konkurrent Pinturault mit einem Einfädler im Slalom in Kranjska Gora die Chance, seinen Punktevorsprung auszubauen.

          Schon bei der Weltmeisterschaft in Cortina d’Ampezzo hatte der sonst so zuverlässige Pinturault eine unerwartete Schwäche gezeigt, als er im Riesenslalom nach klarer Führung im zweiten Durchgang ausschied. Immerhin konnte er Silber in der Kombination und überraschend Bronze im Super-G mit nach Hause nehmen, während Odermatt leer ausging.

          Im Gegensatz zur Momentaufnahme eines WM-Rennens belohnt der Gewinn der großen Kristallkugel den besten Skifahrer einer ganzen Saison, der neben größtmöglicher Vielseitigkeit die Mentalität des Sammlers mitbringt und Konstanz auf hohem Niveau bietet. Diese Kriterien erfüllen beide Anwärter.

          Odermatt ist ein Vollgasskifahrer

          33 Weltcup-Rennen wurden bei den Männern in diesem Jahr ausgetragen. Pinturault hat bei 23 seiner 24 Starts die Punkteränge erreicht. 17 Rennen beendete er in den Top Ten, acht auf dem Siegerpodest, viermal stand er ganz oben. Odermatt kam bei 17 seiner 20 Starts in die Top Ten, dabei erlangte er neun Podestplätze und drei Siege.

          Während Odermatt als Vollgasskifahrer beschrieben werden kann, dem sein Bewegungstalent die Möglichkeit bietet, auch waghalsige Manöver unbeschadet zu bestehen, besticht Pinturault als personifizierte Eleganz auf Skiern. Sein schleichender Fahrstil ohne erkennbare Fehler hat ihm den Spitznamen „Panther“ eingebracht, der auch lautmalerisch gut mit seinem Familiennamen korrespondiert.

          Der führende Favorit: Alexis Pinturault aus Frankreich.
          Der führende Favorit: Alexis Pinturault aus Frankreich. : Bild: AFP

          Beide eint ihre Liebe zum Riesenslalom, der Basisdisziplin des alpinen Rennsports. Und auch hier wetteifern sie noch um den Gewinn der kleinen Kristallkugel, wobei Odermatt nach neun von zehn Rennen die Skispitze mit 625 gegenüber 600 Punkten vorne hat. Während Odermatt zur Speedseite tendiert und auch im Super-G als Zweiter noch Aussichten auf den Gewinn einer kleinen Kugel hegt, kommt Pinturault eher von der technischen Seite und kann Stärken im Slalom vorweisen, den Odermatt normalerweise auslässt.

          Finale in Lenzerheide

          Doch während der junge Schweizer das Saisonfinale als unbelasteter Außenseiter angehen kann, wird von Pinturault seit Jahren der ganz große Coup erwartet. Zweimal war er schon Zweiter der Gesamtwertung, dreimal Dritter. Und obwohl er schon 33 Weltcuprennen für sich entscheiden konnte, hat er noch nicht einmal eine Kristallkugel in den vier Kerndisziplinen gewonnen, sondern nur in der Kombination, die aber schon sechsmal. In der laufenden Saison kam eine weitere hinzu für den allerdings fragwürdigen Parallel-Weltcup, in dem nur ein einziger Wettkampf ausgetragen wurde.

          Jenes Parallelrennen in Lech verpasste Odermatt, da er sich mit Covid-19 infiziert hatte. Bei seiner Rückkehr schaffte er prompt im Riesenslalom von Santa Caterina den ersten Sieg eines Schweizers seit Carlo Janka im März 2011. Jener Janka war auch der bislang letzte Schweizer, der 2010 den Gesamtweltcup gewinnen konnte. Noch länger liegt es zurück, dass ein Franzose die große Kugel gewinnen konnte. Luc Alphand siegte 1997 als einer der wenigen ausgewiesenen Speedspezialisten.

          Vier Rennen sollten in Lenzerheide auf dem Programm, in jeder Disziplin eins, dazu der Team-Event am Freitag. Allerdings wurde die Austragung des Abfahrtslaufs an diesem Mittwoch wegen des Wetters abgesagt und ersatzlos gestrichen. Die kleine Kugel für den besten Speedfahrer ging zum vierten Mal in Serie an Beat Feuz. Somit konnte sich Odermatt wenigstens mit seinem 34 Jahre alten Teamkollegen aus dem Schweizer Skiteam freuen. Für ihn selbst war es ein Nachteil, dass das Rennen ausfiel, da er sich in der Abfahrt gute Chancen ausrechnen konnte, seinen Rückstand auf Pinturault zu verkürzen oder gar in einen Vorsprung umzuwandeln. Doch er hat ja nie von Kristallkugeln geträumt.

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