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Ski-Langlauf : Die Lokomotive

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Erfolgstrainer Behle: Einer muß die Richtung angeben Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Jochen Behle ist der Macher, der alles im Griff hat. Seit 2002 führt er als Cheftrainer der Langläufer Frauen und Männer gut organisiert zu Erfolgen: „Das ist wie bei einem Zug: Du hast die Lok und Waggons, und einer muss die Richtung angeben.“

          Jochen Behle gehört nicht gerade zu den Menschen, die langsam und bedächtig ihre Worte wählen. Am Sonntagabend, nach dem Ende der Tour de Ski, sprudelte es noch mehr als sonst aus ihm heraus. Und immer wieder, so schien es, lebte er in Gedanken jene Viertelstunde durch, die Tobias Angerer hinauf auf den Gipfel brachte, an sein Ziel: den Sieg in der Tour de Ski.

          Ruhig, ganz ruhig sei er geblieben, sagt Behle, der Cheftrainer der deutschen Langläufer, und schon in den Tagen zuvor hatte er jene Stärke ausgestrahlt, die auch seinen Sportlern Sicherheit gibt. „Ich war sicher, dass der Tobi das durchzieht.“ Und wenn die Anstrengung, die ganzen Qualen sich gelohnt haben „und wenn das Mannschaftsergebnis auch noch entsprechend ist, dann kann man zufrieden sein - und auch ein bisschen stolz“.

          Der Macher, der alles im Griff hat

          Dabei ist er nicht einer, der sich lange mit Gefühlsduseleien aufhält. Behle ist der Macher, der alles im Griff hat. Seit er 2002 das Amt des Cheftrainers Langlauf im Deutschen Skiverband (DSV) übernahm, führt er die Mannschaften - Frauen und Männer - gut organisiert durch Wettkämpfe und Training. „Das ist wie bei einem Zug: Du hast die Lok und Waggons, und einer muss die Richtung angeben.“

          Der Kommunikator: Jochen Behle mit Evi Sachenbacher

          Und da gibt es keinen Zweifel: „Sie wissen, dass es läuft.“ Er hat dem System Struktur gegeben. Er hat die Langlauf-Stützpunkte nach seinen Vorstellungen besetzen lassen und Konkurrenz untereinander geschürt: „Das ist gewollt.“ Behle setzt aber auch auf Teamarbeit, „wer nicht teamfähig ist, wird in dem System nicht überleben“.

          Bei den Frauen besteht erst noch einmal Redebedarf

          Die letzte Verantwortung liegt beim Chef. Er sei kompromissbereit, sagt er, „aber ich habe im Kopf eine Linie. Und es gibt Situationen, über die diskutiere ich nicht.“ Auch nicht mit den Frauen in der Mannschaft. „Wenn ich bei Tobi oder Sommi sage: Schluss, dann ist das so, bei den Frauen besteht erst noch einmal Redebedarf.“ Dennoch suchte er sich gezielt die Aufgabe für beide Mannschaftsteile und nennt als Vorteil die heterogene Gruppe, mit unterschiedlichen Leistungen, unterschiedlichen Gedankengängen.

          „Dass in einem Team nicht jeder hofiert werden kann, ist klar. Es gibt eine Hierarchie, es gibt Macher und Leader, aber trotzdem hat jeder sein Teil.“ Behle hat einen Stab um sich versammelt, der seine Gedanken nicht immer hundertprozentig nachvollzieht, der aber die Freiheit bekommt, eigene Ideen einzubringen. „Die Leute, die mitarbeiten, haben eine Motivation, und die verlieren sie, wenn sie sich nicht verwirklichen können.“ Das gilt für Betreuer wie für Athleten.

          Sportler nicht in Schemen pressen

          Seine Läufer kennt Behle mittlerweile sehr genau: Tobias Angerer, den „Optimum-Menschen“, der alles optimistisch sieht, der sich auch entsprechend stark reden kann, der Selbstbewusstsein demonstriert und Stärke zeigt; Axel Teichmann, der eher in sich gekehrt, sehr intelligent ist, der genau weiß, was er will, der seine eigene Art hat - die in der Öffentlichkeit anders ist als intern -, der ein absoluter Mannschaftstyp ist und immer auf Gerechtigkeit achtet; René Sommerfeldt, der schon eher mal egoistisch denkt, mit starkem Willen ausgestattet ist und ein Kämpfer, der auch im Training „das letzte Hemd auszieht“; Jens Filbrich, der alle taktischen Aufgaben lösen kann; Franz Göhring, der die Kapazität hat, ein Großer zu werden, und dessen gute Plazierung (Sechster) in der Tour de Ski den Trainer zu diesem Zeitpunkt dennoch überraschte.

          Behle versteht sie vielleicht besonders gut, weil auch er ein Sportler war, der sich nicht in ein Schema pressen ließ. Als der Deutsche Skiverband den Kritiker in die Verantwortung rief nach dem Motto: „Er hat die ganze Zeit den Mund aufgemacht, jetzt kann er mal zeigen, was er meint“, ließ er sich nicht lange bitten. „Ich habe es aber auch so angepackt, wie ich das meine. Und wenn ich zurückschaue, dann war das gar nicht so verkehrt, dass ich früher kritisiert habe.“

          Die Unbequemen sind eher erfolgreich

          Den Mund macht er noch immer auf, und nicht immer agiert er glücklich. Wenn es um den Fall Sachenbacher und die Schutzsperre während der Olympischen Spiele in Turin geht, wirkt Behle nach wie vor unbelehrbar und kann sich in Rage reden. „Das Schlimmste, was wir im Sport haben, ist diese Vermutung: es könnte“, sagt er, wenn er vom Thema Doping spricht. „Im Ausdauersport ist erst einmal alles mit einem Fragezeichen behaftet. Ich möchte, dass man gute Leistungen, die man als Sportler bringt, erst einmal achtet.“

          Als Trainer vertritt er den Standpunkt: „Wenn ich ständig zweifele, dann kann ich mich langfristig nicht mehr für diesen Sport hinstellen. Dafür haben wir ein Dopingkontrollsystem.“ Zwischen gesteuertem Provozieren und seiner Mentalität bewegt sich Behle in seinen öffentlichen Äußerungen. Schon vom Aktiven zum Trainer habe sich da ein Wandel vollzogen, stellt er fest, er sei abgeklärter, gehe mehr in sich. Aber anpassen wird er sich trotzdem nicht, nur um zu gefallen. „Es ist ja nicht so, dass immer nur die Bequemen erfolgreich sind“, sagt er, „in der Regel ist es umgekehrt.“

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