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Ski-Langlauf : Die Gelb-Sucht des Teilzeit-Thüringers Tobias Angerer

  • -Aktualisiert am

„Es beflügelt, wenn man in Gelb läuft”: Tobias Angerer Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Bedeutung des gelben Trikots, das Tobias Angerer als derzeit besten Langläufer der Welt ausweist, hat er verinnerlicht: „Man muß sich immer wieder beweisen, steht ständig unter Beobachtung.“ Aber das Leibchen kann auch zusätzliche Kräfte freisetzen.

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          Die Bedeutung des gelben Leibchens, das Tobias Angerer als derzeit besten Langläufer der Welt ausweist, hat er schon verinnerlicht. „Man muß sich gerade bei einem Massenstart-Rennen im Feld immer wieder beweisen, steht ständig unter Beobachtung“, sagt er. Aber er glaubt auch fest daran, daß das gelbe Trikot zusätzliche Kräfte in ihm freisetzt.

          Im Zielsprint des 30-Kilometer-Rennens im kanadischen Ort Canmore, als er vor dem Norweger Frode Estil gewonnen hat, habe er das deutlich gespürt. „Es beflügelt natürlich, wenn man in Gelb läuft.“ Zwei Rennen hat er auf der Reise des Weltcup-Trosses nach Kanada gewonnen und darf deshalb als Weltcup-Spitzenreiter in die Weihnachtspause gehen. Tobias Angerer schickt sich an, nach Rene Sommerfeldt und Axel Teichmann als dritter Deutscher in Serie den Gesamtweltcup zu gewinnen.

          Erfolg ist nicht programmierbar

          Am Mittwoch ist er in München bei den deutsch-österreichischen Meisterschaften im Sprint angetreten und hat den siebten Platz belegt, obwohl es sicher jeder verstanden hätte, wenn der 28jährige Bayer wie viele seiner Kollegen aus dem deutschen Weltcupteam lieber ein paar ruhige Vorweihnachtstage eingelegt hätte. Aber zum einen ist sein Wohnort Traunstein von München gar nicht so weit entfernt, und zum anderen ist Angerer gespannt auf „das Flair und das Umfeld“. Die Titelkämpfe finden schließlich im Olympiapark statt. Also hat er zugesagt.

          Von weit größerer Bedeutung jedoch werden andere Titel und Plazierungen in diesem Winter für ihn sein. „Priorität hat Olympia“, sagt Angerer fast nachdrücklich. Obwohl bei den entscheidenden Rennen in Pragelato ein Erfolg nicht programmierbar sei, „Tagesform und Material sind ja auch wichtig.“ Angerer weiß, wie es ist, wenn ein mit Erwartungen überfrachtetes Großereignis zum persönlichen Fiasko wird. Die Silbermedaille der Staffel bei der Weltmeisterschaft in Oberstdorf im vergangenen Februar hätte er fast verspielt, weil sein Körper streikte. Angerer kollabierte im Zielraum und konnte im Sanitätszelt nur hoffen, daß die Kollegen es noch richten würden.

          „Da muß man sich jeden Tag neu beweisen“

          Mit seiner starken Vorstellung zum Abschluß des Jahres 2005 hat er sich in die Favoritenrolle für Turin gebracht. Mit Druck umzugehen, habe er inzwischen gelernt - mit Hilfe eines Mentaltrainers. Doch das ist nur ein Teil der einschneidenden Veränderungen, die Angerer als Gründe für seinen Aufschwung anführt. Da ist zum Beispiel der Wechsel in die Trainingsgruppe Oberhof. Der habe sich voll bezahlt gemacht, stellt er zufrieden fest.

          Jeden Monat verläßt er für zwei Wochen den Chiemgau, um im Thüringer Wald mit der Gruppe um Teichmann, Andreas Schlütter und Jens Filbrich zu trainieren - Namen, die ein hohes Niveau in den Übungseinheiten garantieren. „Da muß man sich jeden Tag neu beweisen“, erläutert Angerer und verweist auf die verbesserte Kondition, die er sich dadurch angeeignet hat. In fast schon patriotischer Pflicht vergißt er aber nicht, bei allen Vorteilen der neuen Trainingsörtlichkeiten in Oberhof anzufügen, daß er sich immer noch als Bayer fühlt und sein Hauptwohnsitz weiterhin Traunstein ist.

          Früher nervös und aufgeregt, heute selbstbewußt

          Angerer hat zwei seiner drei Weltcupsiege in der klassischen Technik errungen. Dabei galt er bislang als Freistil-Spezialist. Aber er hat an seiner Technik im Klassischen gefeilt und sich dabei vor allem an Axel Teichmann orientiert. Der jagt bekanntlich mit hoch aufgerichtetem Oberkörper durch die Loipe. „Ich ziehe den Kopf nicht mehr so ein, versuche, mich jetzt nach vorne auszurichten und die ganze Kraft nach vorne zu bringen“, sagt Angerer.

          Theoretisch war das eine einfache Sache, aber in der Praxis hat er sich lange vergeblich gemüht. Erst zwei Tage vor dem ersten Saisonsieg in Kuusamo habe es mühelos geklappt, ganz plötzlich. „Das ist fast so wie im Skispringen, wo es ja auch immer heißt, daß einmal der Knoten platzt.“ Angerer muß doch noch einmal auf die neugewonnene mentale Stärke zurückkommen, die ihm nicht unwichtig bei der Erforschung seiner glänzenden Form erscheint.

          Früher sei er nervös und aufgeregt vor dem Start gewesen, jetzt gehe er mit dem Gefühl ins Rennen, sich auf seine Stärke im finalen Sprint verlassen zu können. Denn: „Man kann sich nicht einfach hinstellen und loslaufen. Langlauf wird auch im Kopf entschieden.“ Er selbst ist ein guter Beleg für diese These.

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