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Rebensburg beendet Karriere : Letzte Ausfahrt Hölle

Der letzte Sieg: Viktoria Rebensburg gewinnt im Februar auf der Kandahar – und verletzt sich tags darauf schwer. Bild: EPA

Ski-Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg beendet „schweren Herzens“ ihre Karriere. Sie habe gemerkt, dass sie nicht mehr ihr Topniveau erreichen könne. Auch die Zukunft von Olympia entspricht nicht mehr ihrem Anspruch.

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          Ein bisschen verloren steht sie da, mit ihrem magentafarbenen Daunenjäckchen vor grasgrüner Wiese und dunklem Tannenwald. „Heute ist definitiv kein leichter Tag für mich“, sagt Viktoria Rebensburg mit ernster Miene an diesem wolkenverhangenen Dienstag, der nicht nur den Übergang von Sommer zu Herbst symbolisiert, sondern auch das Ende alpiner Wintersport-Hoffnungen – zumindest für Deutschlands bislang beste Skifahrerin. Die 30-Jährige hat sich entschieden, ihre alpine Karriere zu beenden und teilt dies in einem 80-sekündigen Video ihren Fans und Followern persönlich mit: „Schweren Herzens“ zwar und „nach reichlicher Überlegung“, wie sie sagt, aber „mit sofortiger Wirkung.“

          Für ihre Abschiedsvorstellung hat sich „die Vicky“ aus Kreuth in Oberbayern einen symbolträchtigen Ort ausgewählt: den Trainingshang, auf dem sie einst das Skifahren gelernt hat. Den Anfängerhügel unweit des Tegernsees, von dem ausgehend sie die Skiwelt eroberte: Gold, Silber und Bronze fuhr sie mit ihrem lässigen Schwung auf den Riesenslalomhängen dieser Welt zwischen Vancouver und Are ein. Olympiasiegerin wurde sie schon 2010 in Vancouver, dazu kam die Bronzemedaille von Sotschi. WM-Silber sicherte sie sich 2015 und 2019. Dazu gewann sie 19 Weltcup-Rennen sowie dreimal den Riesenslalom-Weltcup. „Von klein auf war es immer mein Anspruch und mein Ansporn, um Siege mitzufahren“, erinnert sie sich an ihre Anfänge.

          Das gelang bestens: Mehr als ein Jahrzehnt lang gehörte Rebensburg zu den dominierenden Fahrerinnen der Weltcup-Szene, auch wenn ihr der ganz große Triumph, der Sieg im Gesamt-Weltcup, versagt blieb. Auch bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen schaffte sie es nicht immer, ihr riesiges Potential in Medaillen umzusetzen. Zuletzt hatte sie bei Olympia 2018 in Pyeongchang auf den letzten Metern mit einem Fahrfehler Edelmetall in Rang vier umgetauscht. Umgekehrt attackierte sie oft dann am erfolgreichsten, wenn niemand mit ihr rechnete – so wie bei der WM in Vail 2015, wo sie von Rang elf noch auf Platz zwei vorfuhr.

          Doch es ging ihr längst nicht nur um Titel und Trophäen. Sie hat sich in all den Jahren auch als zwar ruhige, aber kritische Athletin einen Namen gemacht. Eine „echt coole Persönlichkeit“, wie Bundestrainer Jürgen Graller sie nennt. Die Aussichten, 2022 bei den Olympischen Winterspielen von Peking noch einmal in einem seelenlosen Retorten-Skiresort nach olympischen Ehren zu streben, hatten ihr schon längst die sonst unverwüstlich gute Laune verdorben.

          Die Erfahrungen von Pyeongchang hatten ihr gereicht: keine Berge, kein richtiger Schnee und keine Menschen, die sich für Wintersport wirklich interessierten. Was sie da erlebte, sagte Rebensburg bei vielen Gelegenheiten, habe ihrer Motivation, sich noch mal wegen Olympia zu quälen, einen erheblichen Dämpfer verpasst. Neben der ehrgeizigen Athletin ist sie eben auch stets die romantische Freundin der Berge gewesen, die sich nichts schöneres vorstellen mochte, als einen herrlichen Skitag in den Alpen. Noch Anfang August hatte sie ein Foto aus dem Trainingslager gepostet, bei dem die Skiwelt in Ordnung war, sie strahlend im Skidress vor blauem Himmel zeigt, mit „diesem Lächeln“, das es nur gibt, „wenn du Schnee unter deinen Füßen fühlst.“

          Immer schön auf Kante – und erfolgreich.
          Immer schön auf Kante – und erfolgreich. : Bild: AFP

          Doch in der Zwischenzeit hat sich eine Wolke zwischen Anspruch und Wirklichkeit geschoben. Graller meinte, in der vergangenen Woche habe sich die Demission seiner Nummer-eins-Athletin im Trainingslager in Zermatt bereits angedeutet. Sie sei nicht mehr in der Lage, „absolutes Top-Niveau zu erreichten“, bekannte die Athletin nun. Und da sei es besser aufzuhören, als einfach nur mitzurutschen.

          Alpinchef Wolfgang Maier sprach dennoch von einem Worst-Case-Szenario, weil die letzte Galionsfigur der deutschen Skifrauen rund sechs Wochen vor dem geplanten Saisonstart in Sölden nicht zu ersetzen ist. Ihr langjähriger Weggefährte Felix Neureuther, der vor eineinhalb Jahren die Rennski in den Keller gestellt hat, reagierte sogar „geschockt“ auf die Nachricht. Er habe noch vor 14 Tagen mit ihr gesprochen, da sei kein Wort über einen möglichen Rücktritt gefallen.

          Die letzte Ski-Party: Bei der WM 2019 mit Medaille zwischen Felix Neureuther und dessen Frau Miriam
          Die letzte Ski-Party: Bei der WM 2019 mit Medaille zwischen Felix Neureuther und dessen Frau Miriam : Bild: dpa

          Viktoria Rebensburg scheint mit sich im Reinen. Sie bedankt sich bei allen Weggefährten für deren Unterstützung. „Mit der Erinnerung an mein letztes Rennen, den Sieg in der Abfahrt von Garmisch“, sei für sie der richtige Moment gekommen, „die Wintersport-Bühne zu verlassen“. Tatsächlich hatte sie ihre letzte Abfahrt gewonnen, zum ersten Mal übrigens im Weltcup. Doch es war nicht ihr letztes Rennen: einen Tag später stürzte sie beim Super-G auf der Kandahar-Piste im Abschnitt „Hölle“ und zog sich dabei eine Fraktur am Schienbeinkopf zu.

          Die Saison war beendet – und wie sich nun herausstellt, auch ihre Karriere. Schneetage wird es trotzdem noch etliche für Viktoria Rebensburg geben, nur eben ohne Wettkampf: „Ich bin mir sicher, wir werden uns auch in Zukunft wieder sehen“, verabschiedete sie sich von ihren Fans: „Auf der Piste.“

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