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Ski alpin : Balsam für Austria

  • -Aktualisiert am

Respekt: Stephan Eberharter siegt auf der Streif Bild: dpa/dpaweb

Die Begeisterung nach zwei nervenden Niederlagen für Österreich im dritten Anlauf zu wecken, ist nicht mehr schwer gewesen: Ein Insidersieg bei der Hahnenkamm-Abfahrt - und schon ist Austria wieder glücklich.

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          Die Begeisterung von 40000, teils sportlich enthusiastischen, teils alkoholisch aufgeputschten Zuschauern am Hahnenkamm zum schrillen Geschrei anschwellen zu lassen, das ist nach zwei nervenden Niederlagen für Österreich im dritten, endlich gelungenen Anlauf nicht mehr allzu schwer gewesen: Ein Insidersieg bei der Hahnenkamm-Abfahrt - und schon ist Austria wieder glücklich. Unter den kritischen Augen der zwei Arriviertesten abzufahren und vor den Blicken der beiden Besten zu bestehen, das verlangt allerdings schon wahre Größe von einem österreichischen Skirennläufer. Stephan Eberharter besitzt sie, und das hat - wohl noch mehr seit seiner souveränen Schußfahrt über die pickelharte "Streif" - die Hochachtung von Karl Schranz und Franz Klammer wachsen lassen.

          Der Vorsprung von 1,21 Sekunden, mit dem Eberharter den im dritten schnellen Rennen der Kitzbüheler Skiwoche zum drittenmal auf dem Podest plazierten Amerikaner Daron Rahlves aus dem Feld schlug, beendete auf imposante Art die kleine einheimische Mißerfolgsserie anno 2004. "Gestern hat er zwar noch über seine hohe Startnummer und die dann schon schlägige Piste gejammert, aber heute hat er mächtig zugeschlagen", tadelte und lobte Schranz seinen augenblicklich schnellsten Nachfahren.

          Zwei vergebliche Versuche, die österreichische Seele zu balsamieren und die Kehlen zu ölen, waren vorausgegangen. Bei der ersten Abfahrt unterlag Stephan Eberharter dem Norweger Lasse Kjus mit einer Hundertstelsekunde oder knapp 28 Zentimeter Rückstand. Im Superriesenslalom blieb Hermann Maier drei Hundertstelsekunden oder 82 Zentimeter hinter Daron Rahlves. Nun siegte der flotteste Österreicher mit einer Distanz von ziemlich genau 34,70 Metern vor dem Nächstbesten vom "Rest der Welt", wie die selbstbewußten Gastgeber sagen. Das sind etwa 15 Abfahrtsskilängen Vorsprung für einen Skirennläufer, dessen Leistung mit anderer Elle gemessen werden mußte.

          Schneller Amerikaner: Daron Rahlves

          Das Wohlwollen der Altvorderen

          Gerade weil der 34jährige Ziehharmonikaspieler aus dem Zillertal stets einen geraden Weg zum Erfolg gesucht hat, aber dabei über viele Verletzungen, Materialprobleme, Formverluste hinweg in den mageren neunziger Jahren nicht immer die direkte Linie fand und einige Umwege in Kauf nehmen mußte, genießt er die Anerkennung des österreichischen "Skikaisers" aus Kärnten und des "einsamen Löwen vom Arlberg". Der 1976 in Innsbruck gekrönte Goldmedaillengewinner Klammer und der 1972 in Sapporo vom obersten Olympier, dem verbohrten Amateuristen Avery Brundage, wegen eines lächerlichen Werbevergehens von den Winterspielen ausgeschlossene Schranz müssen allerdings auch nicht fürchten, daß Eberharter ihnen den Rang als namhafteste Schußfahrer Austrias auf die Schnelle noch abläuft. Beide viermalige Abfahrtssieger in Kitzbühel, schauen sie mit dem Wohlwollen von Altvorderen auf den Riesenslalom-Olympiasieger von Salt Lake City 2002 und Superriesenslalom-Weltmeister von 1991 und 2003.

          Denn der hat ja schon vor diesem Skiwinter laut überlegt, "ob ich überhaupt noch eine Saison dranhängen soll". Durch dieses Zögern, so spekulierte der nun von Eberharter mit dessen 27. Weltcupsieg übertroffene, allerdings ausschließlich auf Abfahrten erfolgreiche Klammer, "hat der Steff vielleicht eine kleine Barriere im Kopf". Diese dürfte, nach dem ersten Abfahrts-Saisonsieg in Chamonix und spätestens mit dem Kitzbüheler Triumph, ausgeräumt sein.

          Von einer anderen Blockade befreit sieht der Tiroler Schranz seinen Bundeslandsmann: "Es ist brutal, wenn man einem Eberharter ein Maier-Trauma unterstellt. Er hat für Österreich jahrelang Siege eingefahren." Maier allerdings auch - und meist waren es die spektakuläreren, wenn man an die Olympiasiege von Nagano 1998 im Superriesenslalom und Riesenslalom wenige Tage nach seinem spektakulären Sturz auf der Abfahrt in Hakuba denkt. Oder an den Sieg im Kitzbüheler Superriesenslalom vergangenen Winter, das Sieger-Comeback anderthalb Jahre nach seinem schweren Motorradunfall.

          Verdientes Eigenlob

          Maier und Eberharter, das stimmt immer noch, sind sich nicht grün. Allerdings sieht auch keiner von beiden mehr rot, wenn ihm der andere erfolgreich in die Quere kommt. Maier bescheinigte Eberharter betont cool: "Er muß heute alles recht gut erwischt haben." Vergleichende Werbung mit einem Seitenblick auf den diesmal Neunten konnte sich der Erste getrost sparen. Der oft, besonders vor dieser Saison, als phlegmatisch angesehene, aber perfektionistisch veranlagte Eberharter attestierte sich selbstbewußt eine "Traumfahrt" und feierte "meinen schönsten Weltcupsieg". Und das war für einen, der durch eine monatelange, nicht gründlich kurierte Erkältung nur schwer in seinen 14. Weltcup-Winter gekommen ist, schon viel Eigenlob.

          Eberharter hat es sich durch eine Fahrt verdient, die so dicht an der Grenze des Machbaren war, wie es dieser Rennsport gerade noch erlaubt: "Ich bin volles Risiko gegangen, von oben bis unten." Das glaubte er sich leisten zu können, aus zwei Gründen gleichzeitig: "Erstens war die Piste heute einfach perfekt - durch die eisige Kälte und die gute Präparation. Es gab für mich mit der Startnummer 30 nicht schon so viele Löcher wie an den vergangenen beiden Tagen." Und zweitens: "Ich weiß in meinem Alter und mit meiner Erfahrung, wie weit ich gehen muß, wie weit ich gehen kann." Denn drittens: "Ich höre schließlich ständig den Hubschrauber über mir." Als eine ratternde Mahnung, es bei allem Ehrgeiz nicht so weit zu treiben, daß er gegen Ende seiner Karriere mit einem solchen Helikopter abheben muß - ins nächste Krankenhaus.

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