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Ski alpin : Abfahrt mit Rückenwind

  • -Aktualisiert am

Sprung in die Schlagzeilen: Stephan Keppler hat sich in Gröden Respekt verschafft Bild: dapd

Es ist lange her, dass deutsche Abfahrer Aufmerksamkeit erregten: Doch Stephan Keppler lässt in Gröden mit den Plätzen zwei und zehn aufhorchen. „Dieses Resultat“, sagt Keppler, „ist wie Rückenwind für mich.“

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          Der Blick von Silvan Zurbriggen schweifte immer wieder mal zur Videoleinwand. Er war ein bisschen nervös, versuchte, die vielen Gratulanten abzuwiegeln. Das Rennen, sagte er, sei noch nicht entschieden. „Da kommen ja noch die Deutschen.“ Insgesamt waren es drei, die zu diesem Zeitpunkt noch oben am Start standen. Sie konnten dann Zurbriggen zwar nicht mehr gefährden, der Schweizer gewann am Samstag in Gröden seine erste Weltcup-Abfahrt vor dem Österreicher Romed Baumann und seinem Teamkollegen Didier Cuche. Aber das deutsche Trio hat auf der „Saslong“-Piste eine höchst respektable Leistung abgeliefert.

          Stephan Keppler kam dem Sieger dabei am nächsten, trotz eines Fehlers landete er mit einer knappen Sekunde Rückstand auf dem zehnten Platz. Einen Tag zuvor hatte er die Konkurrenz noch ein wenig mehr beeindruckt. Mit Platz zwei im Superriesenslalom bescherte er dem Deutschen Skiverband den ersten Podestplatz in dieser Disziplin seit Markus Wasmeiers Triumph von Lake Louise 1991.

          Es ist lange her, dass deutsche Abfahrer Aufmerksamkeit erregten

          „Dieses Resultat“, sagt Keppler, „ist wie Rückenwind für mich. Es läuft.“ Aber auch seine beiden Teamkollegen lieferten persönliche Bestleistungen ab. Tobias Stechert aus Oberstdorf landete in seiner ersten Abfahrt nach überstandenem Kreuzbandriss auf Rang 19, dreizehn Monate zuvor hatte er in Lake Louise mit dem 21. Platz sein Potential bereits angedeutet, ehe er sich in Gröden schwer verletzte. Und der junge Andreas Sander hatte sein Erfolgserlebnis schon zwei Tage zuvor im Abschlusstraining, als er die drittbeste Zeit fuhr. Im Rennen erwischte der 21 Jahre alte Ennepetaler die Linie nicht mehr perfekt, aber der 28. Platz in seiner ersten Weltcup-Abfahrt ist dennoch beachtlich. Ein bisschen gefeiert hatten die drei schon einen Tag zuvor. „Wer weiß, wann das noch mal passiert“, sagte Sander.

          Nummer 53 auf Rang 10: „Dieses Resultat ist wie Rückenwind für mich”
          Nummer 53 auf Rang 10: „Dieses Resultat ist wie Rückenwind für mich” : Bild: dpa

          Es ist lange her, dass Abfahrer des Deutschen Skiverbandes die Aufmerksamkeit der Konkurrenz erregten, noch länger, dass sie als Mannschaft überzeugten. Ein schlagkräftiges Team in den schnellen Disziplinen mit halbwegs regelmäßiger Präsenz unter den besten zehn gab es zuletzt Anfang der neunziger Jahre: mit Markus Wasmeier, Hansjörg Tauscher, Hannes Zehentner und Bernie Huber. Anschließend setzten die Deutschen nur noch punktuell Akzente: Florian Eckert holte bei der WM 2001 in St. Anton Bronze in der Abfahrt, drei Jahre später gewann Max Rauffer in Gröden. Der eine verletzte sich schwer und beendete seine Laufbahn, dem anderem gelang sein einziger Triumph erst im Herbst seiner Karriere.

          Lange arbeiteten die Trainer eher gegeneinander als miteinander

          Nach der für die Deutschen medaillenlosen Ski-WM 2003 war die gesamte alpine Abteilung umstrukturiert worden. Dass sich bei den Frauen die Erfolge schneller einstellten, hatte nicht nur mit Maria Riesch zu tun und mit den Talenten, die in ihrem Schatten heranreiften. Die Zusammenarbeit der einzelnen Trainingsgruppen wollte bei den Männern einfach nicht klappen, lange arbeiteten die Trainer in den Nachwuchskadern eher gegeneinander als miteinander. Außerdem existierte keine Europacupmannschaft mehr.

          Es herrschte die Philosophie vor, jeden halbwegs talentierten Abfahrer früh in den Weltcup zu schicken, damit er Erfahrung sammeln konnte. Die erhoffte Entwicklung blieb aus, auch weil, wie Cheftrainer Charly Waibel findet, die Möglichkeit gefehlt habe, sich im Europacup Selbstvertrauen zu holen. Nun werden Athleten wie Andreas Sander nur noch sporadisch im Weltcup eingesetzt, nach seinem gelungenem Debüt in Gröden wechselt er klaglos wieder zurück in den Europacup, konzentriert sich dort auf die Rennen Anfang Januar. „Es war ein wesentlicher Punkt meiner Arbeit, dass wir über die Gruppen hinweg als Team funktionieren und nicht nur als Team im Team“, sagte Waibel.

          Die Athleten zahlten 2000 Euro Eigenbeteiligung

          Mit einer bevorstehenden Weltmeisterschaft im eigenen Land ließ sich dem Verband in diesem Sommer auch leichter Geld für ein Trainingslager in Chile entlocken. Aus Kostengründen – und wohl auch wegen fehlender Perspektive der Athleten – war darauf in den vergangenen Jahren verzichtet worden. Stattdessen hatte man im Sommer in Zermatt trainiert, wo man sich die wenigen Pisten, die halbwegs für Abfahrten taugen, mit vielen anderen Nationen teilen musste. In Südamerika, so schwärmt Waibel, seien die Bedingungen jetzt perfekt gewesen. Die Athleten zahlten 2000 Euro Eigenbeteiligung. „Das ist überhaupt kein Thema für uns gewesen“, sagt Stechert.

          Bei Keppler scheint obendrein die Kritik, die nach seinem Auftritt bei den Olympischen Spielen auf ihn niedergeprasselt war, zu einem Sinneswandel geführt zu haben. In Vancouver hatte er sich zunächst über die Abfahrtsstrecke beschwert, sie für zu leicht befunden und war anschließend im Rennen weit hinten gelandet. Er nimmt den Mund nun weniger voll.

          Die Tage von Gröden könnten dem Team die erhoffte Initialzündung geben. Keppler habe durch die Erfolge „Lunte gerochen“, weiß Waibel. Potential, sich unter den besten zehn in Abfahrt und Superriesenslalom zu etablieren, habe er ohnehin. „Wenn er nicht mehr so schlampig fährt wie früher.“ Im Moment scheint da keine Gefahr zu bestehen.

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