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Biathlet Simon Schempp : „Ich kann gar keinen Spagat“

Simon Schempp ist die deutsche Hoffnung bei der Biathlon-WM 2015 Bild: dpa

Bei der Biathlon-WM gehört Simon Schempp zu den Favoriten. Der 27 Jahre alte Schwabe kann alles, neuerdings sogar Sprint. Im F.A.Z.-Interview spricht Schempp über James Bond, spannende Finishs und den Vorteil des Ausfallschrittes.

          5 Min.

          Die Biathlon-WM 2015 im finnischen Kontiolahti startet an diesem Donnerstag mit dem Mixed-Wettbewerb. Der beste Deutsche, Simon Schempp, wird dann noch geschont.

          Sie sind James-Bond-Fan. Was fasziniert Sie an dem Mann? Und wer ist der einzig wahre 007?

          Sean Connery finde ich persönlich am besten. Und die Filme haben halt Kultfaktor und sind richtig spannend.

          Sie scheinen ja auch ansonsten die Spannung zu lieben?

          Ja. (lacht) Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen.

          Stichwort Endspurt: Bei Ihnen geht es ja wohl nicht ohne Hochspannung auf den letzten Metern.

          Stimmt, aber manchmal fände ich es gar nicht so schlecht, wenn es ganz ohne Spannung zuginge. Aber das ist ja wohl ziemlich ausgeschlossen.

          Anfangs haben Sie in den Sprint-Auseinandersetzungen mit den Großen der Branche regelmäßig den Kürzeren gezogen, wie beim zweiten Platz der Staffel in Sotschi. Aber in dieser Saison haben Sie öfter die Nase vorn. Was haben Sie aus den Niederlagen gelernt?

          Grundsätzlich bin ich in diesem Jahr läuferisch auf einem etwas höheren Niveau als vergangenes Jahr. Da komme ich bei demselben Tempo mit weniger Laktat zum Schlussspurt. Da kann man schon ein bisschen härter sprinten. Aber natürlich habe ich auch im Training ein Augenmerk auf den Sprint gelegt, um mich auf solche Situationen vorzubereiten. Trotzdem ist es schwierig, einen Schlussspurt im Training zu simulieren, weil das im Wettkampf auch emotional eine ganz andere Situation ist. Außerdem hat man da in der Verfolgung oder im Massenstart schon zwölfeinhalb beziehungsweise 15 Kilometer hinter sich.

          Hat man im Biathlon einen Vorteil, wenn man den Spagat beherrscht?

          Ich kann gar keinen Spagat, aber wenn Sie den Ausfallschritt meinen, den beherrsche ich ganz ordentlich. Aber dann muss man auch mit der Schrittlänge bis zur Ziellinie hinkommen. In Ruhpolding ist mir das richtig gut gelungen, aber planen kann man das nicht.

          Sie haben nach dem Spurtsieg in Ruhpolding gesagt: Die Gymnastik hat sich ausgezahlt. Trainiert man diesen Ausfallschritt speziell?

          Ich dehne mich zwar ausgiebig, aber das macht jeder professionelle Sportler. Genau wie er viel Gymnastik macht, um Verletzungen zu vermeiden und um die Regeneration zu beschleunigen. Das hat aber nichts mit dem Ausfallschritt zu tun.

          Wie bereiten Sie sich auf so ein mögliches Sprintfinale vor?

          Ich war ja zuletzt immer Schlussläufer in der Männerstaffel, und da mache ich mir natürlich schon vorher Gedanken darüber, was wäre, wenn . . . Wenn man zum Schluss zu zweit, zu dritt oder gar zu viert im Finale ist. Oder wo es eine gute Möglichkeit gibt, anzugreifen. Das ist natürlich immer davon abhängig, mit wem man es auf der Schlussrunde zu tun hat. Ob man schon einen Kilometer vor dem Ziel versucht zu attackieren oder ob man es wirklich auf einen Spurt ankommen lässt. Aber im Rennen weiß man immer erst nach dem letzten Schießen, was ungefähr Sache ist. Und je nachdem, wer da mit in der Verlosung ist, hat man einen Plan parat. Aber man muss trotzdem absolut flexibel reagieren können.

          Wie ist das mit der Strecke? Schaut man sich das Profil vorher genau an?

          Da ich so ziemlich jede Strecke im Weltcup inklusive ein paar Trainingstagen schon gelaufen bin, brauche ich das eigentlich nicht mehr. Die Streckenführung hat man dann im Kopf.

          Und wie ist die in Kontiolahti?

          Die hat einen relativ heftigen Zieleinlauf. 500 Meter vor dem Ziel gibt es einen steilen und ganz schön langen Anstieg, und dann geht es noch leicht ansteigend ins Ziel, so ungefähr 350 Meter. Der Zieleinlauf hat es richtig in sich.

          Wie ist das mit der Konkurrenz? Studiert man deren Stärken und Schwächen? Gibt es den einen Angstgegner?

          Einen Angstgegner nicht unbedingt. Aber gerade in der Staffel bekommst du es als Schlussläufer fast immer mit den besten Biathleten der Welt zu tun. Da gehört schon einiges dazu, wenn man mal die Nase vorne hat.

          „Ich konzentriere mich auf eine saubere Technik, auf die Abläufe am Schießstand, auf mich selbst“
          „Ich konzentriere mich auf eine saubere Technik, auf die Abläufe am Schießstand, auf mich selbst“ : Bild: dpa

          Ist der Norweger Emil Hegle Svendsen so einer?

          Ja. Svendsen, Anton Schipulin, Dominik Landertinger, Martin Fourcade: Für mich sind das die vier besten Spurter auf der Schlussrunde.

          Wie schafft man es, sich für den Spurt noch genügend Reserven aufzuheben?

          Wenn man zu zweit oder dritt vorne ist und von hinten keiner mehr gefährlich werden kann, wird schon taktiert. Weil niemand Kräfte vergeuden will. Weil jeder weiß, wenn er jetzt eine dreiviertel Runde Führungsarbeit macht und aufs Tempo drückt, dann kann er sicher sein, dass er im Spurt massive Schwierigkeiten bekommen wird. Es macht im Spurt manchmal den Unterschied, wenn man sich vorher fünf, sechs Schritte gespart hat. Aber wenn der Spitzengruppe einer im Nacken sitzt, dann wird voll durchgezogen, dass der nicht mehr herankommt.

          Macht es einen Unterschied, ob man in einem engen Finale Schlussläufer ist oder nur für sich läuft?

          In der Staffel hängen eben noch drei Teamkollegen mit dran, und wenn du kein gutes Rennen machst, tangiert das alle. Da ist die Anspannung viel größer, weil sich keiner eine Blöße geben will.

          Hat das Einfluss auf die eigene Risikobereitschaft? Denkt man in der Staffel defensiver als im Einzel, nach dem Motto: Lieber Bonze als gar nichts?

          Nein, für mich macht das überhaupt keinen Unterschied.

          Haben Sie die nordische Ski-WM in Falun verfolgt? Was kann man von den Langlauf-Spezialisten lernen?

          Ich schaue mir sehr gerne Langlauf an. Das ist nach Biathlon meine zweitliebste Sportart. Natürlich ist der Verlauf ganz anders als bei uns, weil das Schießen das Feld jedes Mal wieder neu durchmischt, aber bezogen auf den Schlussspurt gibt es auch bei denen keine andere Herangehensweise. Ich trainiere in Ruhpolding ja auch öfter mal mit den Langläufern. Das ist eine schöne Abwechslung.

          Sie gehören zu den besten Schützen im Weltcup: Was denken Sie beim Schießen?

          Ich konzentriere mich auf eine saubere Technik, auf die Abläufe am Schießstand, auf mich selbst. Aber natürlich kann man das, was um einen herum passiert, nicht vollkommen ausblenden. Man sollte das zwar nicht, aber in der Realität schaut das anders aus.

          Man muss ja andererseits auch hellwach sein, um seine Chance zu erkennen, wenn ein Konkurrent Fehler geschossen hat.

          Klar bekommt man das mit, wenn der vor dir zwei Fehler geschossen hat. Und du weißt, wenn ich jetzt Null schieße, bin ich vorne. Diese Gedanken hat man immer.

          Bekommt man auch während des eigenen Schießens mit, was auf den Bahnen links und rechts passiert?

          Wenn man zu zweit am Schießstand ist, schon, aber wenn man zu fünft da steht, dann kann man das nicht mehr unterscheiden.

          Wenn Sie kein Biathlet geworden wären, was dann? Langläufer?

          Das glaube ich kaum. Ich habe Langlauf nur mal mit meinen Eltern im Urlaub ausprobiert, aber nie leistungsmäßig. Bevor ich mit Biathlon angefangen habe, bin ich Ski alpin gefahren, habe Handball gespielt und Leichtathletik betrieben. Wenn es denn überhaupt zu mehr gereicht hätte, wäre ich wohl bei einer dieser drei Sportarten hängengeblieben.

          Nach Biathlon ist die zweitliebste Sportart für Schmepp – Langlauf
          Nach Biathlon ist die zweitliebste Sportart für Schmepp – Langlauf : Bild: dpa

          Ist an Ihnen womöglich ein echter Sprinter verlorengegangen?

          Nein, Sprint war in der Leichtathletik absolut nicht meins. Eher die Wurfdisziplinen oder Stabhochsprung.

          Da muss man aber auch gute Sprintfähigkeiten haben.

          Ja schon, aber nicht so wie beim 100-Meter-Sprint.

          Gab es für Sie in der bisherigen Saison Überraschungen? Etwa Sie selbst?

          Klar hätte ich vor der Saison nicht gedacht, dass ich mit der Serie im Januar mal kurz vorm Gelben Trikot stehen würde und jetzt vor der WM Zweiter im Gesamt-Weltcup bin. Da sind meine Erwartungen übertroffen worden. Aber ich hatte schon in der ganzen Saisonvorbereitung ein gutes Gefühl, weil ich sehr konstant war. Deswegen hatte ich im Hinterkopf, dass es ganz gut laufen könnte.

          Wann wäre die WM für Sie ein Erfolg?

          Wenn ich mit einer Einzelmedaille heimkehren würde.

          Was ist Ihnen persönlich mehr wert: ein WM-Titel oder der Gesamt-Weltcup?

          Der Gesamt-Weltcup. Das ist sportlich das Höchste, das man erreichen kann, weil es die Leistung über eine gesamte Saison widerspiegelt. Eine WM ist eine Sache von zehn Tagen. Und weil im Biathlon kaum einer mal freiwillig einen Start auslässt, reflektiert der Gesamt-Weltcup den komplettesten Biathleten.

          Aber in der Öffentlichkeit zählt ein WM-Titel doch mehr?

          Das mag sein, aber ich wäre trotzdem lieber Gesamt-Weltcupsieger.

          Zeitplan der Biathlon-Weltmeisterschaft in Kontiolahti

          Donnerstag, 5. März:

          17.15 Uhr: Mixed-Staffel, Titelverteidiger (TV): Norwegen

          Samstag, 7. März:

          13.00 Uhr: 10 km Sprint, Männer, TV: Svendsen (Norwegen)
          16.30 Uhr: 7,5 km Sprint, Frauen, TV: Pidruschna (Ukraine)

          Sonntag, 8. März 2015:

          13.15 Uhr: 12,5 km Verfolgung, Männer, TV: Svendsen (Norwegen)
          16.00 Uhr: 10 km Verfolgung, Frauen. TV: Berger (Norwegen)

          Mittwoch, 11. März:

          17.15 Uhr: 15 km Einzel, Frauen. TV: Berger (Norwegen)

          Donnerstag, 12. März:

          17.15 Uhr: 20 km Einzel, Männer, TV: M. Fourcade (Frankreich)

          Freitag, 13. März:

          17.15 Uhr: Staffel, Frauen, TV: Norwegen

          Samstag, 14. März:

          16.30 Uhr: Staffel, Männer, TV: Norwegen

          Sonntag, 15. März:

          13.30 Uhr: 12,5 km Massenstart, Frauen, TV: Domratschewa (Weißrussland)
          16.15 Uhr: 15 km Massenstart, Männer, TV: T. Bø (Norwegen)

          Das deutsche Aufgebot:

          Frauen: Dahlmeier (SC Partenkirchen), Hildebrand (WSV Clausthal-Zellerfeld), Hinz (SC Schliersee), Kummer (SV Eintracht Frankenhain), Preuß (SC Haag).

          Männer: Birnbacher (SC Schleching), Böhm (SC Buntenbock), Doll (SZ Breitnau), Lesser (SV Eintracht Frankenhain), Peiffer (WSV Clausthal-Zellerfeld), Schempp (SZ Uhingen).

          Fernsehen: ARD/ZDF und Eurosport berichten jeweils live.

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